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Mitleid-Theater in Bochum
Befriedigung von Sensationsgier

Vor dem Bochumer Schauspielhaus wurde versucht, das Elend der in einem LKW verendeten Flüchtlinge nachzustellen und erfahrbar zu machen. Moralische Dramaturgie oder peinliche Inszenierung zur Ergötzung am Schicksal?

Beesten. Haben Sie sich schon einmal überlegt, in einem Sarg Probe zu liegen und zu testen, wie sich das anfühlt? Oder sollte man nicht einmal im „Haus der bayerischen Geschichte“ nach der Guillotine suchen, auf der die Geschwister Scholl ermordet wurden – die gibt es dort tatsächlich – und eine Probe-Hinrichtung veranstalten, nach dem Motto „Spiel mir das Lied vom Tod“? Oder fahren Sie doch einmal mit in einem heillos überfüllten Schlauchboot inmitten von syrischen Flüchtlingen über das Mittelmeer – der Begriff „Abenteuerreise“ bekäme eine ganz neue Dimension.

In Bochum wird zur Zeit eine ähnlich makabre Idee realisiert:

(Quelle dpa - http://www.t-online.de/nachrichten/ausland/eu/id_75302714/tote-fluechtlinge-im-laster-fahrer-wusste-angeblich-nichts.html)

(Quelle dpa – http://www.t-online.de/nachrichten/ausland/eu/id_75302714/tote-fluechtlinge-im-laster-fahrer-wusste-angeblich-nichts.html)

„Eine Woche nach dem qualvollen Tod von 71 Flüchtlingen in einem Lastwagen haben ein Expediteur und das Bochumer Schauspielhaus in einer spektakulären Aktion auf das Flüchtlingselend aufmerksam gemacht. Vor dem Theater parkte der Expediteur Gerard Graf am Mittwochabend einen 7,5-Tonner, der mit dem Lkw der Schlepper in Österreich baugleich war.

Dann ließ er 71 Bürger in den 15 Quadratmeter großen Laderaum steigen. Die Menschen standen dicht gedrängt und sichtlich erschüttert wenige Minuten auf der nicht verschlossenen Ladefläche. Der leitende Dramaturg Olaf Kröck sagte, er habe die Menschen ‚für einen Augenblick‘ innehalten lassen und das Elend der Flüchtlinge sichtbar machen wollen. […]“

(APA/dpa vom 02.09.2015 unter der Überschrift „Das Leid der umgekommenen Flüchtlinge kann bestenfalls erahnt werden“)

Sicher, wer zum Beispiel einmal in unserer jetzigen Zeit in dem ehemaligen KZ „Theresienstadt“ war und sich dort eine der engen Zellen, die ursprünglich für drei oder vier Gefangene gedacht waren, mit 10 oder mehr anderen Besuchern geteilt hat und erleben musste, wie sich die Türe hinter den eng aneinander gepressten Menschen schloss, was damals für die Gefangenen in der Zeit der NS-Diktatur Alltagsrealität war, der ging nach der fünfzehn Sekunden dauernden Schließung völlig wortlos und entsetzt wieder hinaus – ob die Betroffenheit lange anhielt, ist schwer zu sagen.

Aber der Versuch, ein derart entsetzliches Verbrechen, wie es diese Schlepper offenbar ohne jeden Skrupel an den Flüchtlingen begangen haben, durch das Bochumer Schauspielhauses in dieser spektakulären Form auszuschlachten, ist zu sehr Effekthascherei, um wirklich als gut gemeinte Aktion glaubwürdig zu sein.

Natürlich sind solche Aktionen begehrte Objekte der Medien-Berichterstattung, vor allem für die Fernsehkameras der Privatsender, die ja gerne Reality-Soaps bringen. Bloß für Theatermacher gelten ja Friedrich Schillers Ausführungen „Über den Grund des Vergnügens an tragischen Gegenständen“[1]; ein Phänomen, das schon von Aristoteles und Platon erläutert wurde. Der Zuschauer „ergötzt“ sich an dem schrecklichen Schicksal des tragischen Helden, weil er sich zum Beispiel aufgrund dessen moralischer Schuld diesem überlegen fühlen kann. Aber sollen wir uns diesen Ermordeten gegenüber überlegen fühlen und ihre „moralische Schuld“ darin sehen, dass sie ihre Heimat verlassen und sich diesen skrupellosen Schleppern anvertraut haben? Natürlich nicht!

Neugier (Foto A. Illhardt)

Neugier (Foto A. Illhardt)

Bei der Aktion vor dem Bochumer Schauspielhaus wird bewusst mit der Sensationsgier der Menschen und der Medien gespielt; die vielleicht wirklich gut gemeinte Inszenierung wirkt derart zynisch, dass sie abgelehnt werden muss. Peter Zadek, Claus Peymann und andere haben in ihrer Zeit als Intendanten in Bochum schon für einige Skandale und für Provokationen gesorgt – vielleicht wollte sich das Bochumer Schauspielhaus wieder einmal in dieser Weise in Erinnerung bringen – aber diese Aktion ist nur peinlich; schade, dass man keine bessere Idee hatte, um auf das Elend der Flüchtlinge aufmerksam zu machen.

[1] Friedrich Schiller, Sämtliche Werke, Bd. 4, Philosophische Schriften, 1879, J. G. Cotta’sche Buchhandlung, Stuttgart

Eckhard Kupfer

Eckhard Kupfer

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