Erotik und Liebe contra Seuche
Ein mittelalterliches Buch von Giovanni Boccaccio

Boccaccio schrieb sein Buch in Zeiten des schwarzen Todes. Er hatte mal vor, Medizin zu studieren. Aber als die Pest kam, wollte er nicht heilen (das konnte man damals auch nicht). Stattdessen wollte er Menschen vor der Panik retten.

Giovanni Boccaccios freizügige Geschichten – fast alle handeln von Erotik – kamen auf den Index, die Verbotsliste der (nicht iranischen, aber) vatikanischen Sittenwächter. Vor ihren später errichteten barocken Palast setzte der berühmte Bildhauer Bellini einen großen Elefanten, mit seinem Hinterteil in Richtung Palast und mit seinem Kopf auf Land und Leute (urbi et orbi) blickend. Wie stolz waren die Geistlichen im Palast über das Kunstwerk des genialen Bellini. Dabei hat er als Feind des Index sagen wollen: Leckt mich am …. So erklärte mir das ein Führer aus der Päpstlichen Universität. Und ich bekam einen Lachanfall.

Boccaccio - Aus der Ausgabe des Jazzybee-Verlags von 2013. Cover mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Boccaccio – Aus der Ausgabe des Jazzybee-Verlags von 2013. Cover mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Boccaccio hat seine Geschichten nicht selber geschrieben. Sie stammen vor allem aus arabischen, indischen, persischen und altfranzösischen Quellen, die er „nur“ bearbeitet hat. Etwa 200 Jahre nach Erscheinen kam er auf den Index (Index der verbotenen Bücher, kurz Index Romanus, erschienen 1559).

Boccaccio schrieb in seinem Vorwort: „Hier beginnt das Buch namens Decameron. Es heißt auch Fürst Galeotto*. Es enthält hundert Geschichten, die an zehn Tagen von sieben jungen Frauen und drei jungen Männern erzählt werden.“Boccaccio nannte das Buch Deka­­­meron, weil die 100 Geschichten in 10 (griechisch: deka) Tagen (griechisch: hemera) erzählt werden, zusammengesetzt: deka(he)mera, italienisiert: Decamerone. Aufgeschrieben wurden die Geschichten zwischen 1348 und 1353. Die erste Ausgabe in Deutschland stammt 1476 aus Ulm.

Der Hintergrund war beinahe einfach. Die Pest wütete 1348f in Florenz, und zehn junge Leute zwischen 18 und 28 verließen die Stadt, die ihre Bewohner in Angst und Schrecken einschloss, und versetzten sich in einen unaufgeregten Zustand des Geschichten-Erzählens. Die 10 jungen Leute zogen in ein Landhaus in den Hügeln von Florenz (im Vorort Fiesole), wenige Kilometer vom damaligen Stadtkern von Florenz entfernt, in einem Department des Istituto Universitario Europeo, noch heute zu besuchen.

Boccaccios Vater wollte seinen Sohn zunächst im Bankwesen unterbringen, das für Florenz großen Reichtum bedeutete. Giovanni sah das bald nicht mehr als sinnvoll an. Vater ließ ihn Juristerei studieren. Auch das interessierte ihn bald nicht mehr. Er hielt es mit der Philosophie, der Medizin, die damals eine reine Buchwissenschaft war, der Dichtkunst und den Frauen.

Das Besondere an diesem Buch ist, dass die Geschichten in der Mehrzahl erotische Geschichten sind. Boccaccio ging Konflikten mit dem Vatikan nicht aus dem Wege, weil er die Doppelmoral der Kleriker enthüllte. Die drei wichtigsten Institutionen damals waren die wissenschaftliche Medizin, die Wirtschaft und die Kirche. Alle 3 haben versagt. Darum ging es Boccaccio um eine Einstellung, die einen nicht immer tiefer in Krise und Untergang eingräbt. Wichtig ist aber nicht die mittelalterliche Freizügigkeit, sondern die ungewöhnliche Perspektive, die auch heute noch überraschend ist. Genau um diese neue und freie Einstellung ging es ihm, auch wenn die landläufigen Moralinstitutionen á la Papst, Handel und König sie verteufelten. Es kam, was kommen musste: Boccaccio landete posthum auf dem Index, der erst 1966 abgeschafft wurde. Aber die Angst hat überlebt.

Übrigens, Angst heißt lateinisch „angustia“ und bedeutet „Enge“. Was macht die Situation so eng? Klar, die Epidemie. Ich habe einmal den Film „Cube“ (von Vincenzo Natali 1997) gesehen. Eingeschlossen sein, keinen Ausweg finden, auch wenn man alles riskiert, um ihn zu finden, so der Film, ist schlimm. Wer einen Fehler macht, stirbt. Der einzige Ausweg ist Zusammenhalt. Ein Update von Boccaccio?

Boccaccio schrieb im Vorwort vom Untergang der „Göttlichen und menschlichen Gesetze“. Meint er damit ein Revival der kirchlichen und juristischen Tradition? Nein. Vom Kirchenvater Augustinus stammt der Satz: „Liebe – und dann tue, was du willst“. Das meinte er theoretisch. Hat er auch gemeint, dass Liebe ohne Sinnlichkeit nicht funktioniert? Boccaccio sah das jedenfalls so. Ihm ging es, wie uns später klar wird, um die Gestaltung einer Welt, in der man leben kann und die nicht den Bach runter geht, wenn Katastrophen kommen. Das sind Boccaccios göttlichen Gesetze, in die menschliche Gesetze verwoben sind. Das eine ist nicht ohne das andere zu haben.

Zeichnung/Foto Franz Josef Illhardt

Zeichnung/Foto Franz Josef Illhardt

Hätte man auf Boccaccio gehört, wären uns das Drama der Judenpogrome und andere rassistische Diskriminierungen in der Seuchengeschichte wahr­schein­lich erspart geblieben. Die wurden damit begründet, dass Juden das Trinkwasser verseucht hätten (Brunnenvergifter), ihre Ausrottung sei damit rechtens. Boccaccio wollte stattdessen mit seinem Buch die Situation krisenfest machen. Verdacht auf andere zu lenken, ist meist das Resultat einer seltsamen Haltung: 1. nicht begreifen wollen, was Fakt ist und 2. die Beurteilung der Fakten nicht redlich genug vornehmen und/oder mit anderen darüber diskutieren. Zudem haben sich 3. die ersten beiden Fehlhaltungen in Kopf und Herz festgesetzt und jede Alternative blockiert.

Man kannte damals nicht die bakteriellen (Yersinia pestis) Zusammenhänge und ihre Verbreitung über Ratten und Rattenfloh. Man wusste damals nichts über Bakterien, Hygiene und die Gefahr von Stadtvierteln mit drastischer Zunahme an Ratten. Man sah nur den Zusammenbruch des Zusammenlebens. Eltern mieden wegen der Ansteckung ihre Kinder. Ärzte, Totengräber, Amtsdiener, Kaufleute usw. flohen oder starben. Einige meinten, dass die Pest die Rache Gottes für zügelloses Leben ist.

Schnee von gestern? Nein. Wir haben nur vergessen, gar verdrängt, dass Geschichten oft sehr wichtig sind. Geschichten heilen zwar nicht, aber sie helfen aus der Untergangsstimmung heraus, machen den Kopf frei, lassen uns die guten – trotz der schlechten – Erinnerungen.

Vor einigen Jahren haben meine Frau und ich den Film Melancholia (Lars von Trier, 2011) gesehen. Lars von Trier war ein sehr depressiver Mensch. Sein Film erzählt von einer Hochzeitsfeier der Schwester, zu der die Hauptdarstellerin und ihr Mann eingeladen waren. Die Feier ging total daneben. Die Melancholie der Hauptdarstellerin wurde zur Destruktion der Feier. Anders Boccaccio: Pest führt nicht unbedingt in Melancholie und Zerstörung der Wirklichkeit. Warum nicht?

Geschichtenerzählen

Neudeutsch story telling, hat eine unglaubliche Bedeutung. Geschichten halten Erfahrungen fest, verengen nicht die Perspektiven, sondern halten sie offen, machen kreativ (z.B. Bäume pflanzen, in deren Schatten man niemals sitzen wird), gehen über den Augenblick hinaus und achten auch jene, die darin eine Rolle am Rande spielen. Keiner wird verdammt, höchstens lächerlich gemacht. Hier eine Skizze der Geschichten:

Seite 40001

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Die Geschichten ranken sich – oft verborgen „zwischen“ den Zeilen – um diese Themen. Darin werden folgende Motive sichtbar:

  • Boccaccio und Lessings Ringparabel

Die Geschichte von Boccaccio heißt „Die drei Ringe“ und wurde z.B. die Vorlage von G.E. Lessings Roman „Die Ringparabel“. Ein Sultan muss eine große Summe Geld aufnehmen und denkt an einen jüdischen Geldverleiher. Er fantasiert sich zusammen, dass der sich wegen seiner Religion weigert, einem Muslim Geld zu leihen, und dass er den Juden mit einem neuen Gesetz dazu zwingen könnte. Als der Sultan eine entsprechende Testfrage stellt, erzählt der Jude ihm eine Parabel: Vor Urzeiten hat ein Vater seinem Sohn einen großartigen Ring geschenkt, der über Generationen hinweg vom Vater auf den Sohn weitervererbt wurde. Bis ein Vater drei Söhne hatte, die er alle drei liebte. Er ließ zwei Kopien anfertigen, und nicht einmal der Juwelier konnte das Original von der Kopie unterscheiden.

Wie unter Erben üblich kommt es zum Streit. Wer das größere Recht hat, ein Symbol für den Ring, kann nicht entschieden werden. Und die Moral von der Geschicht‘: Sultan und Jude interessiert nicht, wer die bessere Religion samt Moral und Theo­logie hat. Religion hin oder her: Geld wird geliehen, Moslem und Jude werden Freunde. Es kommt, wie Lessing das später formulierte, auf den „Beweis der Liebe“ an, also auf die Praxis der Beziehung. Religion darf dieser Praxis nicht im Wege stehen. So sieht das Boccaccio.

  • Panik und Seuche

Beispiele aus den letzten beiden Jahrhunderten belegen den zunehmenden Stress. Denken wir an TBC, Diphtherie, Kinderlähmung, Pocken. Die bisherigen Seuchen wurden durch Bakterien ausgelöst, ab jetzt sind es viral bedingte Seuchen wie SARS, AIDS, Vogelgrippe, Ebola. Die Angst nimmt zu. Wie hilflos sind wir? Hilft Medizin?

Trotz WHO, Louis Pasteur, Robert-Koch-Institut usw. nimmt die Panik zu, die von den Seuchen (Epidemien [= verbreitetes Vorkommen] / Pandemien [= Ausbreitung über Länder hinweg]) ausgelöst werden. Medizinische Hilfe hinkt immer hinterher, weil der Ausbruch entdeckt wird, wenn der Keim längst da ist. Vernünftiges Umgehen mit Panik scheint es nicht zu geben – außer (Verzeihung für die Satire!) den Seuchenausbruch verheimlichen, die Menschen darüber zu belügen oder in Rassismus und ähnliches zu drängen. Sah Boccaccio so etwas kommen und ging dagegen an, indem er nicht nur die gefährlichen, sondern vor allem die schönen Seiten des Lebens mit Erotik und Liebe betonte?

  • Boccaccio als Feminist?

Feministen gab es im 14. Jahrhundert noch nicht, wohl aber die klare Einstellung, was in einer Sache wichtig ist. Boccaccio versammelte sieben Frauen in einer Kirche, um sich für ihren Auszug aus dem verseuchten Florenz und für das gemeinsame Geschichtenerzählen vorzubereiten. Sie verließen die Kirche (ein Symbol?), und schon waren 3 junge Männer zur Stelle. Teilweise waren sie in eine besondere oder in verschiedene (bzw. in alles, was weiblich und hübsch war) verliebt. Aber eigentlich wichtig waren sie nicht.

Komisch, welche Rolle spielten die Männer? Boccaccio holt sie ins Boot, weil sie reich waren und Diener hatten. Das reichte für die Woche in Florenz. Aber für die Gestaltung einer neuen Welt waren sie nicht herausragend wichtig. Warum auch? Kreativität reicht. Ohne Frauen geht das nicht. Alles andere ist Staffage.

  • Gestaltung einer Welt der Menschen

Die Welt auf die Füße zurückstellen war Boccaccios Anliegen: die Welt nicht mehr nach den Regeln der religiösen und weltlichen Großen ablaufen lassen. Die Pest hat gezeigt, dass dieses Regime nichts bringt, außer sinnlosen Theorien. Stattdessen ist erlaubt und sinnvoll, den Klerus zu kritisieren, der auf Doppelmoral gebaut Sexualität nur als „Ausrede“ der Kindererzeugung statt Freude zulässt. Er machte Erotik und Liebe kaputt. Der Klerus verrät seine Ideale, und verrät bei allen Menschen ihres Glaubens die menschliche Natur.

Stattdessen muss jede Beziehung auf Natürlichkeit basiert sein. Das ist nicht ein von der Pest arrangierter Freifahrtschein für Libertinage. Letztere ist wichtig, wenn sie beide Partner voranbringt. Die menschliche Welt präsentiert sich nicht, wie 600 Jahre später sein Landsmann Berlus(t)coni sagte, in Bunga-Bunga (keiner weiß, was das ist, aber jeder ahnt es). Eine Welt der Menschen sieht anders aus: mit den Worten Augustins gesagt: „Tue was du willst, aber liebe“. Die vatikanische Oberschicht sorgte schon dafür, dass diese Moralkritik des Kirchenvaters unterging. Boccaccio wagte einen neuen Versuch. Ob er siegt, liegt bei uns.

Wenn Boccaccio so viel vom Engagement der Frauen hält, dann deswegen, weil Frauen Natürlichkeit garantieren. Je mehr man mit Frauen zu tun hat, desto mehr wächst die menschliche Welt, es sei denn, man instrumentalisiert sie.

  • „Nieder mit dem Geld! Es lebe die Liebe!“

Als Boccaccio das schrieb, so am 4. Tag in der 5. Geschichte, meinte er das nicht als vorgezogenes Gewerkschaftsmotto, auch wenn seine Distanz zum Geldwesen nicht zu übersehen ist. Das Geldwesen blühte in den ersten Jahrzehnten des 14. Jahrhunderts in Florenz auf. Seine Sorge (auch schon vor dem schwarzen Tod) war folgende: Der Spagat von arm und reich wurde immer größer, Banken machten Pleite, Fernhandel scheiterte. Finanzgeschäfte lösten nicht die Probleme seiner Zeit. Etwa der Klerus schloss sich, wie man so schön sagt, den stärksten Bataillonen an. Eine neue Gesellschaftsordnung würde es nicht mehr geben, zu lange bestand schon diese Liga. Sie stellte alles auf Rückwärts. Und dann kam die Pest, und alles ging zu Bruch.

„Es lebe die Liebe!“ Ist Gefahr im Verzug? Wird Liebe überstrapaziert? Nein, sie wurde allzu oft verhindert. Zum Beispiel: Geld kann keine Norm des Zusammen­lebens sein, Erotik und Liebe geraten ins Abseits. In Boccaccios Geschichten ist Geld allzu oft Grund für das Scheitern einer Beziehung. Anders die Liebe, sie tut alles, um Beziehungen glücken zu lassen.

„Die ganze Skala menschlicher Möglichkeiten entfaltet sich breit. Niemand wird geschont, weder Könige noch Kaufleute. Die Sympathie [Boccaccios] (…) gilt pfiffigen kleinen Leuten, die sich dem Druck der Großen zu entziehen wissen, vor allem aber … Liebende(n), die einen Weg finden, um zusammenzukommen“ so fasst K. Flasch, Garant meiner Boccaccio-Interpretation, dessen Werk zusammen.

Schluss

Zugegeben: Boccaccio war Pflichtlektüre für die, die sich mit der Pest intensiv beschäftigen mussten. Aber viel faszinierender war mir, dass jemand es wagte, die Welt nicht aus den Augen der regierenden Institutionen zu sehen (wie man heute sagen würde: Top down), sondern aus den Augen der Betroffenen (also: bottom up). Ab dann wurde Boccaccio spannend.

 

Franz Josef Illhardt

Franz Josef Illhardt