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Licht über Tanger
Die Costa de Luz in Andalusien

Tarifa (Foto: Thomas Esche)

Tarifa (Foto: Thomas Esche)

„Wenn einer eine Reise tut, …“, dann kann es mitunter schon einmal Stress werden. Dann wird geplant und überlegt, was alles besucht oder besichtigt werden soll oder muss. Kultur, Politik, Geschichte und Entwicklung, so als würde es nachher in einer Klausur abgefragt. Ich muss gestehen, ich gehöre nicht zu dieser Art Urlauber. Wer also einen minutiös abgehandelten Reisebericht mit besonderen Empfehlungen und Geheimtipps erwartet, wird wahrscheinlich enttäuscht sein. Genauso wenig möchte ich vorher zahllose Reiseführer studieren, um hechelnd durch fremde Länder zu japsen und am Ende ein schlechtes Gewissen zu haben, das eine oder andere oder eigentlich so ziemlich alles nicht besucht und schlussendlich das Gefühl zu haben, dass man Urlaub vom Urlaub braucht. Und das Ganze nur, um zu Hause berichten und es wie eine Trophäe vorweisen zu können, dass man ein wundervolles und verstecktes Lokal gefunden hat, in dem sich nur Einheimische treffen und es den besten Wein und das beste Essen gibt. Ich finde, es gibt Refugien, die auch solche bleiben sollten. Das würde ich mir als Einheimischer an einem Urlaubsort auch wünschen. Ich will Urlaub und entspannen. Ich kann stundenlang durch die Gegend fahren oder latschen oder einfach nur bei einem Glas Wein im Straßencafé oder auf der Terrasse abschimmeln und das Treiben beobachten. Aber eines will ich gewiss nicht: mir irgendeinen Plan diktieren zu lassen. „Da musst du unbedingt gewesen sein! Das musst du unbedingt gesehen haben!“ Wir haben uns ziellos treiben lassen. Und das war auch gut so.

Nach so vielen mallorcinen und kanarischen Jahren stand dieses Mal als Reiseziel die Küste des Lichts im Süden Spaniens auf unserem Plan.

 

Anreise

Die Anreise, steigt man nicht ins eigene Auto oder Wohnmobil und fährt die fast dreitausend Kilometer selbst, gebärdet sich erst einmal etwas schwierig, ist doch in der Nähe der von uns anvisierten Stadt Tarifa, dem südlichsten Punkt des spanischen Festlandes kein Flughafen in der Nähe. Entweder, man fliegt nach Malaga, ungefähr 180 Kilometer vom Zielort entfernt oder nach Jerez de la Frontera bei Cádiz, etwa um die 110 Kilometer weit. Für die zweite Variante hätten wir allerdings von Düsseldorf aus fliegen müssen. Also entschieden wir uns für die erstere, da man hier direkt von Münster-Osnabrück aus fliegen kann, was für uns sozusagen vor der Tür liegt.

 

Ankunft

Eigentlich beginnt für mich der Urlaub immer in dem Moment, wenn ich auf dem Flughafen am Gate stehe oder auf dem Bahnhof am Bahnsteig auf den Zug warte. Nach knapp drei Stunden landen wir auf dem Flughafen von Malaga. Manchmal lasse ich mich sogar dazu verleiten, in Vorfreude Fotos vom Flughafen zu machen. Dieses Mal bleibt die Kamera in der Tasche. Denn schnell ist die anfängliche Vorfreude auf den Urlaub vorbei. Es beginnt eine endlose Odyssee in dem riesigen und besonders unübersichtlichen Flughafengebäude. Das Warten auf das Gepäck wird zur Geduldsprobe. Es dauert geschlagene zwanzig Minuten, bis sich das Gepäckband überhaupt erst einmal in Bewegung setzt und die schon Eingeschlafenen wieder aufschrecken lässt. Als die ersten anderthalb Kilometer Koffer auf dem Band unberührt an uns vorbeigezogen sind, scheint man offenbar zu erkennen, dass es die Fracht eines englischen Fliegers ist, der zeitgleich mit uns eingetroffen ist, und auf einem falschen Band ausgegeben wurde. Kurzerhand wird die Anzeige einfach geändert und die gesamte Horde rennt orientierungslos wie aufgescheuchte Hühner durch die riesige Halle des Baggage Claim auf der Suche nach der richtigen Gepäckausgabe. Warum einfach, wenn es kompliziert geht? Mein Partner entscheidet indes, schon einmal zur Autovermietung zu gehen, um Zeit zu gewinnen. Ich weiß nicht warum, aber unsere Gepäckstücke sind immer die letzten, die auf das Band gegeben werden. Als endlich (Stunden später) alle Koffer da sind, mache ich mich mit dem Gepäcktrolly, der einen starken Rechtsdrall hat und damit nur schweißtreibend und schwer zu schieben und lenken ist, auf die Suche nach Partner und Hund. Ca. noch einmal 30 Minuten später sind wir dann gemeinsam auf der Suche nach dem Mietfahrzeug im schier endlosen Labyrinth der unterirdischen Parkhausanlage. Vorbei an Autowerkstätten, deren Mitarbeiter acht Stunden lang untertage neben auf engstem Raum untergebrachten Hebebühnen und Autowaschanlagen im künstlichen Licht der Neonbeleuchtung ihren Dienst verrichten und dabei wirken, wie Minenarbeiter in einer fernen Zukunftsvision vor einem futuristischen Arrangement aus roboterähnlichen Maschinen und ölverschmierten Regalen.

Als wir endlich das Parkhaus verlassen, blendet die Sonne, nach den vielen Stunden untertage unnatürlich stark und es ist höchste Konzentration gefragt, damit man nicht auf dem Gewirr an Autobahnen und Abfahrten versehentlich falsch abbiegt. Die mautfreie Strecke dauert zwar etwas länger, führt uns aber immer an der Küste entlang.

Dass dies eine fatale Fehlentscheidung ist, stellt sich kurze Zeit später schon heraus. Denn die Straße führt direkt durch die großen Urlaubsorte der Region. Torremolinos, Fuengirola, Marbella, Estepona und andere. Eine 150 Kilometer lange, gequält künstlich aufgehübschte Betonwüste, die von dieser Autobahn durchschnitten wird und damit jedes Urlaubsgefühl im Keim erstickt. Souvenirläden und Restaurants unmittelbar hinter einem Geländer direkt an der Straße fliegen nur so an uns vorbei. Und in der Außengastronomie sitzen tatsächlich Leute neben diesem Straßenlärm. Wie gruselig. In Marbella reihen sich einige Nobelkarossen in den Verkehr mit ein. Ihre Fahrer scheinen in einer übertrieben mondänen Traumwelt dahinzuschweben. Ich beginne langsam, an unserer Urlaubsentscheidung zu zweifeln. Und es geht weiter mit der Blechlawine im abendsonnigen Dunst aufsteigender Abgase durch diese Scheinwelt künstlicher Urlaubsfreude Richtung Südwesten. Dem Himmel sei Dank sitze ich nicht am Steuer des Fahrzeugs und kann so die Augen schließen und mir vorstellen, alles nur zu träumen. Bei Algeciras durchqueren wir sogar noch das Gewerbe- und Industriegebiet. Für einen kurzen Moment taucht links von uns der Affenfelsen von Gibraltar auf, fast wie ein gespenstischer Monolith aus einer Dystopie, den irgendjemand dahingesetzt hat und eigentlich nicht hergehört.

Doch dann, ganz unerwartet, irgendwo hinter Algeciras führt die Straße eine kleine Anhöhe hinauf. Als wir den Kamm erreichen, eröffnet sich plötzlich ein unglaublicher Blick. Nur noch Landschaft, grüne Hügel und unendliche Weiten, in die das Raumschiff Enterprise … äh wir endlich vordringen. In der Ferne ist schon Tarifa mit seinem Leuchtturm auf der Isla de la Paloma zu sehen. Und dahinter? Nur Strand und Landschaft, soweit das Auge blicken kann. Ich versuche den Moloch hinter uns schnell auszublenden. Endlich sind wir im Urlaub angekommen.

 

Parc Naturel Andalusia (Foto: Thomas Esche)

Parc Naturel Andalusia (Foto: Thomas Esche)

La Peña

Unser Ferienhaus liegt wenige Kilometer westlich hinter Tarifa gelegen im Parc Natural de la Peña. Auf der Hauptstraße nach Cádiz, vorbei an diversen Campingplätzen und relativ heruntergekommenen Hotels, die zum Teil aussehen wie umgebaute Tankstellen und deren Namen (100%Fun-Hotel, Copacabana Surf Hotel, …) schon verraten, welches Publikum hier anzutreffen ist, kommen wir zu unserem Treffpunkt mit unserem aus Deutschland stammenden Housesitter Henry, der uns zu unserem Haus am Berghang hinaufführt. Nach der Fahrt bin ich zu müde, ihn zu fragen, was ihn hierher verschlagen hat. Aber äußerlich macht er den Eindruck des typischen Aussteigers und passionierten Surfers, wie wir sie später noch häufiger hier antreffen werden. Das Ferienhaus selbst ist okay, aber mit 1200 Euro für 14 Tage ein bisschen zu teuer. 700 bis 800 Euro wären realistisch gewesen. Aber vielleicht bin ich auch einfach nur noch genervt von der Fahrt und ein wenig zu pingelig und erwarte schon einen gewissen Standard bei einem derartigen Preis. Zumindest sind eine Wasch- und Spülmaschine vorhanden, was nicht nur das Leben, sondern auch das Gepäck erleichtert. Lottchen, unsere Rauhaardackeldame, die wir natürlich nicht allein zu Hause lassen wollten, wurde gleich von allen Hunden der Siedlung laut begrüßt … eine Nacht lang.

 

Siesta con Tapas y Vino (Foto: Thomas Esche)

Siesta con Tapas y Vino (Foto: Thomas Esche)

Der Parc Natural, der übrigens nicht nur hier nahe Tarifa zu finden ist, sondern über weite Teile Andalusiens, ist ein Konzept zur Renaturierung des Zusammenlebens von Natur, Tier und Mensch. Sympathisch bei diesem Konzept ist die Verdrehung der bisher bekannten Normalität. Während normalerweise eingezäunte Weideflächen für die Tiere neben den Bauernhöfen bzw. Haciendas angesiedelt sind, ist es hier genau anders herum. In einem durch Zäune und Weideroste eingegrenztes Gebiet, hier in La Peña an einem Pinienwald bis rauf zu einer felsigen Anhöhe, das sich selbst überlassen wird, sind es eben jene Häuser und Grundstücke der Menschen, die eingezäunt werden, damit die sich im gesamten Gebiet frei bewegenden Tiere nicht den eigenen Vorgarten abernten. So ist es nicht ungewöhnlich, wenn Rinder, Ziegen, Pferde, Esel aber auch Hunde und andere Tiere tagsüber am Haus vorüberziehen oder wenn sie die private Umzäunung überwinden zu Gast auf der Terrasse sind. Mit ihren Glocken und der Behäbigkeit ihrer Bewegung versprühen im Besonderen die Rinder fast die Ruhe eines buddhistischen Windspiels, dass im seichten Sommerwind vor sich hin klimpert und bieten damit eine ideale Kulisse zum Entspannen bei Tapas und Wein. Die Fahrt und das Erlebte waren anstrengend genug. Wir haben es uns nun verdient, jetzt erst einmal gutgehen zu lassen, mit einem imposanten Blick über die Küste und die Meerenge hinweg nach Tanger, der Metropole in Marokko.

Beim Anblick der gut erkennbaren, gerade mal 15 Kilometer entfernten Küste Afrikas, beschließen wir dennoch, nicht hinüber zu fahren, obwohl die mit knapp 80 Euro durchaus bezahlbare Überfahrt mit der Fähre, die stündlich tagsüber zwischen Tanger und Tarifa verkehrt, zu einem Besuch auf dem anderen Kontinent einlädt. Ein paar Träume sollten bleiben. Außerdem sind wir uns nicht sicher, wie es mit der Einreise des Hundes wäre und ob Lottchen in dem muslimischen Land nicht vollverschleiert werden müsste. Ein schwieriges Unterfangen.

In der Dunkelheit entfaltet die afrikanische Küste und insbesondere die marokkanischen Städte und natürlich Tanger ihre wahre Schönheit. Eine große Lichtglocke liegt über der Stadt und die einzelnen Häuser sind mit bloßem Auge gut zu erkennen. So schön, wie es ein Bild nicht wiedergeben kann. Dennoch keine Lichtverschmutzung. Die Sterne sind reichhaltiger zu sehen, als wir es von zu Hause her kennen. Wir sitzen bis spät nach Mitternacht und schauen zu, wie lautlos Container- und hell erleuchtete Kreuzfahrtschiffe an uns vorbeigleiten.

 

Lottchen (Foto: Thomas Esche)

Lottchen (Foto: Thomas Esche)

Lottchen

Damit unsere, natürlich wieder mal im Urlaub (wie sollte es auch anders sein), läufige Hündin nicht ausbüchst, um sich mit den heißblütigen Spaniern der Nachbarschaft auf einen Quickie zu treffen, haben wir sie an einer 15 Meter langen Leine auf der Terrasse angebunden. Leider schafft sie es immer wieder sich mit dieser zwischen den Stühlen, dem Tisch, den Liegen und den Trägern des Abdaches bis zur Unbeweglichkeit zu verheddern, womit sie natürlich ihre evolutionäre Überlegenheit zu allen anderen Tieren dieser Welt unter Beweis stellt. Wahrscheinlich würde man sie im Labyrinth des Minotaurus schon nach wenigen Minuten in einem Knäuel aus Leine an der nächsten Höhlenecke jammernd auffinden. Wie schlau. Während ich in der von ihr geklöppelten Leinenführung noch versuche, ein überirdisches Muster oder gar Sternenkarten von fernen Galaxien, aus denen der Dackel vielleicht vor Hunderttausenden oder gar Millionen von Jahren zu uns geschickt worden sein könnte, zu entdecken, steuern die erdgeschichtlich in einer deutlich höheren Stufe ansässigen Mücken die antiinsektensprayfreien Stellen meiner Arme und Beine unbemerkt und zielsicher an, wie amerikanische Kampfdrohnen, so als hätten sie einen geheimen Pakt mit dem Hersteller dieses Antimückenpräparats. Scheiß Lobbyismus.

Lottchen hingegen zeigt sich uneinsichtig und will den entwirrenden Weg nicht zurückgehen. Mir bleibt nichts Anderes übrig, als die Leine zu lösen, um sie wieder zu entheddern. Das findige Luder hat natürlich genau darauf gewartet, um sofort zu fliehen und ihren promiskuitiven Leidenschaften nachzugehen. Doch dumm gelaufen. Ich kriege sie noch zu fassen, bevor sie ausgehen und eine Runde um den Block drehen kann.

 

Tarifa (Foto: Thomas Esche)

Tarifa (Foto: Thomas Esche)

Tarifa

Nach der strapaziösen Anfahrt über die „Costa del Beton“ erweist sich Tarifa als echter Erholungsort. Es ist eine sympathische kleine Hafenstadt mit ca. 20.000 Einwohner und natürlich der südlichste Punkt des spanischen Festlandes. Hier gibt es keine Bettentürme, und in den kleinen Gassen der Altstadt kann und möchte man sich verirren. Kleine schnuckelige Lokale mit ebensolchen Bedienungen laden zum Verweilen ein. Hier am östlichsten Punkt der Costa de Luz sind wegen der Windverhältnisse an der südwestlichen Küste Spaniens die Surfer zu finden, die besonders ab Anfang Juni in fast heuschreckenähnlichen Horden über die bis dahin fast menschenleeren Strände einfallen, wie man uns in einem der Lokale bestätigt. Glück gehabt. Während unseres Aufenthaltes sind die Strände bis rauf nach dem ca. 80 Kilometer entfernten Cádiz wie leergefegt und die Temperaturen jedoch schon angenehm warm mit ca. 24 Grad, wie sich noch später herausstellen soll. Also keine schreienden Kinder, die sich gegenseitig Sand in die Augen schmeißen oder scheinbar angespülte weiße Wale der deutschen Wohlstandsklasse, die sich gerne am Strand im Sonnenlicht wälzen.

 

Algeciras (Foto: Thomas Esche)

Algeciras (Foto: Thomas Esche)

Algeciras

Ich erinnere mich noch an die Zeiten, als ich mit meinem Bruder Ende der Sechziger nachts auf dem Dachboden vor dem alten Röhrenradio gehockt habe und wir vorsichtig die Sendernadel über die kleinen rechteckigen Markierungen der für uns exotischen Städte bewegten, um ja keinen Sender zu verpassen, während das magische Auge im Gerät seine Farbe und Form veränderte, wie eine verzauberte Kristallkugel, die uns in eine fremde Welt entführen wollte. Nizza, Mailand, Monte Carlo, Prag, Madrid, Algeciras und viele andere. Namen, die zu Fernweh und Träumen inspirierten. Gespannt lauschten wir dem Rauschen und Pfeifen der Frequenzen, so als würden wir etwas Geheimnisvolles erwarten und wären die Ersten, die es entdeckten. Nun galt es nur noch, es zu entschlüsseln. Stimmengewirr in Algeciras. Wo in aller Welt war das? Eine Hafenstadt, so klärte uns unser Vater damals auf und erzählte uns von seinen Erlebnissen aus dem zweiten Weltkrieg. Für mich klang der Name schon arabisch, und ich stellte mir eine Seefahrerstadt mit dunklen Spelunken im Hafen vor, in denen bullige Kerle derbe Sprüche und manchmal auch sich selber untereinander kloppten und bis zum Umfallen Rum oder was auch immer in sich hineinschütteten, fast so wie in den Geschichten aus Tausend und einer Nacht. Knarrende Schallupen und Barken, die im Nebel des Hafens seicht vor sich hinschaukelten und Verliebte, die sich scheu in dunkle Ecken verkrochen haben.

Nun, nach all diesen Jahren bin ich in dieser Stadt, und sie war neben Gibraltar und sicherlich auch wegen der Erzählungen meines Vaters aus jener Zeit einer der Gründe dafür, dass wir uns zu dieser Reise entschieden haben. Ich denke, ich verrate auch keine erstaunliche Neuigkeit, dass es heute nicht (mehr) so aussieht, wie in meinen Träumen jener Tage. Der Hafen beheimatet keine verruchten Spelunken mehr, sondern ist vielmehr ein hochtechnisiertes logistisches Bollwerk, das Tausende von Containern täglich umschlagen oder ebenso viele Passagiere verschiffen kann. Für Spaniens Schifffahrt sicherlich ein Dreh- und Angelkreuz. Die Stadt selbst ist eher schmucklos mit Hochhäusern sogar an der Hauptstrandstraße zugepflastert und wirkt eher wie ein Armenhaus. Es gibt nur wenig alte Häuser in der alten Innenstadt. Es lässt natürlich vermuten, dass der zweite Weltkrieg auch hier, wie vielerorts an der Costa de Luz, wegen der strategischen Lage seine Spuren hinterlassen hat. Der Blick rüber zum Affenfelsen von Gibraltar ist großartig.

 

Gibraltar (Foto: Thomas Esche)

Gibraltar (Foto: Thomas Esche)

Gibraltar

Als wir unseren Wagen auf der spanischen Seite in La Linea abstellen, sind wir uns noch nicht ganz sicher, ob wir überhaupt mit dem Hund nach Gibraltar einreisen können. Denn schließlich ist es ja England, und dort müssen mitgebrachte Haustiere erst in Quarantäne. Übrigens ist es durchaus ratsam, das Fahrzeug schon auf dem großen, auch nicht ganz preiswerten, Parkplatz vorm Grenzübergang abzustellen. In Gibraltar selbst gibt es nur wenige und sehr teure Parkmöglichkeiten. Außerdem ist es nicht so groß, dass man es nicht zu Fuß erkunden kann.

So stehen wir also nun bei der Einreise vor den Passautomaten, die mich ein wenig an die Startboxen beim Pferderennen von Ascot erinnern. Rechts daneben befindet sich ein kleines Gerät mit einer beleuchteten Lesefläche, und ich beobachte, wie Leute neben mir an einer der weiteren Boxen ihre Ausweise auflegen, damit sich die beiden Schwenktüren vor ihnen öffnen. Als ich jedoch meinen Ausweis auflege, passiert nichts. Als hätte ich es geahnt. Vielleicht ist es ja der Merkel-Bonus, der es verhindert. Wir versuchen wirklich alles. Den Personalausweis, Vorder- und Rückseite, sogar meine Busfahrkarte. Ich lege sogar die Hand und auch mein Gesicht auf den Scanner, und wie ich im Augenwinkel sehe, zur Belustigung anderer. Und selbst Lottchen lässt sich dazu hinreißen, einmal ihre Pfote auf die Lesefläche zu setzen, und so etwas tut sie sonst nur zu ganz besonderen Gelegenheiten. Nichts. Dem Himmel sei Dank, wir sind nicht die einzigen mit diesem Problem. Auch neben uns scheinen Leute vergeblich mit Ausweisen und Pässen an den Geräten zu hantieren, bis sich schließlich der ganze Tross dann entnervt in Bewegung setzt in Richtung einer Tür, an der gelangweilt ein Zollbeamter das Treiben beobachtet. Wir folgen wortlos und halten dem Beamten sogar unsere Ausweise unter die Nase, was ihn aber offenbar nicht interessiert. Keine Minute später stehen wir auf der Winston Churchill Avenue, die uns nach Gibraltar reinführt. Und auch Lottchen hat es über die Grenze geschafft. Denn wie wir feststellten, sind es hauptsächlich Spanier, die die Zollübergänge nach Gibraltar kontrollieren. Ich glaube, geschichtlich gesehen waren die Spanier seit je her nicht so richtig daran interessiert, was auf englischem Boden passiert. In diesem Falle unser Glück. Und da ist sie, jene Zufahrtsstraße zur britischen Halbinsel, die von der Landebahn des Flughafens durchschnitten und immer wieder geschlossen wird, wenn ein Flugzeug startet oder landet. Und während wir sie überqueren ist es schon ein tolles Gefühl, einmal real auf dem Runway zu stehen, den ich sonst nur aus dem Flugsimulator her kenne.

Und weil wir keinen Stadtplan haben, folgen wir einfach weiterhin der Menge, mit der wir unversehens auf einem großen Platz (Grand Casemates Square) landen, auf dem sich eine Fressbude an die andere reiht. Ein Pub neben dem nächsten.

Wir folgen der Main Street, einer Fußgängerzone durch Gibraltar und stellen bei kurzen Abstechern in die Seitenstraßen fest, dass es sich hier um das Zentrum der Halbinsel handelt. Den Aufstieg oder auch Auffahrt mit der Seilbahn zum Affenfelsen sparen wir uns, weil wir nicht vorhersehen können, wie die verlausten Zeitgenossen, die diesem Felsen ihren Namen gaben auf unsere Dackeldame reagieren. Es ist ohnehin bedeckt und die Sicht wahrscheinlich gleich Null. Trotzdem schade.

So laufen wir also die Straßen einmal rauf und runter und genießen zum Abschluss auch noch ein Bier auf dem bekannten Platz Gibraltars.

Als wir die Stadt wieder verlassen und ich noch einmal mit Lottchen auf dem Arm mitten auf dem Runway des Flughafens stehe und mein Blick auf Algeciras und das Mittelmeer auf der anderen Seite fällt, erinnere ich mich an die Erzählungen meines Vaters aus dem zweiten Weltkrieg und versuche mir vorzustellen, was hier vor siebzig Jahren losgewesen sein muss.

 

Kathedrale von Sevilla (Foto: Thomas Esche)

Kathedrale von Sevilla (Foto: Thomas Esche)

Sevilla

Ich muss gleich gestehen, ich bin kein Großstadtmensch. Ich fühle mich in dem großen Trubel eher unwohl. Aber Sevilla ist selbst für mich ein Muss, wenn man schon einmal in der Ecke ist.

Während der Anfahrt erinnern wir uns an die 2014 verstorbene Herzogin von Alba, die ja von all den Schönheits-OPs so entstellt war, dass sich wahrscheinlich ihre Mundwinkel im Nacken getroffen haben, wenn sie mal breit grinste. Dennoch war die offenbar reichste Adelige Spaniens, die sogar mehr Adelstitel besaß, als der spanische König oder die Queen von England, durch ihre Bodenhaftigkeit und gelebten Schrägheit sogar über die Grenzen hinaus auch bei jungen Leuten sehr beliebt. Sie war die ungekrönte Lady Gaga dieser Nation. Noch vor wenigen Jahren hatte die 84-jährige ganz zum Unmut ihrer erbschaftgierigen Verwandtschaft nach zahllosen Vorgängern schlussendlich einen dreißig Jahre jüngeren Beamten geheiratet und war Barfuß und in leichtem Sommerkleid, ein Aufzug, der eher an ein Blumenkind aus den Sechzigern als an eine adelige Braut erinnerte, zum Erstaunen aller zur Hochzeit erschienen. Hier in Sevilla hat die einflussreichste Frau der iberischen Halbinsel, die so viel Grundbesitz ihr eigen nannte, dass sie zum Durchqueren Spaniens nicht ein einziges Mal ihren Fuß auf fremdes Land setzen brauchte, gelebt.

Als wir Sevilla erreichen, wird schnell klar, wer diese Stadt erkunden will, braucht mehr als nur ein paar Stunden, die wir eben nur haben, da wir von ca. 200 Kilometern Entfernung angereist sind. Mir persönlich reicht der erste Eindruck. Imposante Bauten und Paläste, riesige Parkanlagen. Sevilla ist übrigens die Hauptstadt der unabhängigen Provinz Andalusien. Klingt ein wenig wie Bayern auf Spanisch. Wer den Seehofer hier macht, kann ich allerdings nicht sagen, interessiert mich in diesem Augenblick auch nicht. Man wird erdrückt vom ersten Anblick.

Über die Hauptfußgängerzonen klappern wir die verschiedenen Kathedralen und Paläste ab. Doch ohne Stadtplan ist man relativ aufgeschmissen. Also folgen wir im Herdentrieb dem Strom der Touristen und kommen so auch gleich durch unzählige Gassen mit kleinen Geschäften und großen Einkaufszentren. Wie überall können sich die Filetlagen der Geschäfte nur noch die liquiden Ketten leisten.

Und dann plötzlich sehe ich ein kleines Geschäft mit einer wundervollen Idee, die ich selber schon einmal hatte. Da sitzt ein Künstler und bemalt Handtaschen, Rucksäcke und viele andere Utensilien des Alltags individuell nach den Wünschen der Kunden, aber in seinem unverkennbaren Stil. So entstehen nicht ganz preiswerte aber wundervolle Unikate. Toll.

Nach knapp drei Stunden zielloser Rennerei stehen wir noch einmal vor dem Palacio de San Telmo (Regierungsgebäude) und laufen dann langsam zurück zum Auto, das wir an der Hauptstraße direkt am größten Park Sevillas (Parque de Maria Luisa) abgestellt haben. Das ist durchaus zu empfehlen. Parkmöglichkeiten scheint es dort immer zu geben, und es liegt auch direkt an der Altstadt, die man durch den Park schnell erreicht. Die Gebühren für die Parkhäuser, wen wundert es, sind exorbitant. Wir durchqueren noch einmal die riesigen Grünanlagen des wunderschönen Parks, und endlich finden wir im Schatten der großen Bäume für einen Moment die Ruhe in dieser großen Stadt. Ich möchte nicht mehr weg.

 

Am Strand von Bolonia (Foto: Thomas Esche)

Am Strand von Bolonia (Foto: Thomas Esche)

Strand von Bolonia

Einen Morgen sagt mein Partner zu mir: „Komm lass uns heute nach Bolonia fahren.“ Ich frage: „Bologna??? Warum sollen wir nach Nordfrankreich fahren? Wir sind doch gerade hier erst in Südspanien angekommen.“ Zugegeben, eine gewisse Rastlosigkeit im Leben sollte man schon pflegen, um wenigstens etwas gesehen zu haben, aber derart wie ein Flummi durch Europa zu springen … Hm, ich weiß ja nicht. Lange Rede, kurzer Sinn. Es handelte sich um einen Badeort, wenige Kilometer von Tarifa entfernt. Er sagte: „Anne war auch schon dort gewesen.“ Ich frage: „Welche Anne denn?“ „Quetschkommoden-Anne“, erwidert er. Okay, das war ein Wort. Also machen wir uns auf den Weg.

Und in der Tat. Es lohnt sich. Wir besuchen kurz das archäologische Museum außerhalb des kleinen Dorfes mit seinen römischen Ruinen, die für mich als Laien genauso aussagekräftig sind, wie Haufen unerlaubt abgeladenen Bauschutts am Straßenrand. Mein Partner hat hingegen nur Augen für die Flora: „Guck mal hier. Eine Amorosa Glyphosatis (oder was auch immer).“ Der kann mir viel erzählen. Genau wissend, dass ich nicht die Bohne davon verstehe, zeige ich auf ein paar abgeknickte Grashalme und antworte ich ihm euphorisch; „Guck doch mal hier, wie schön der Spitzwegerich blüht“, und gehe achtlos weiter. Anschließend weise ich noch mit einer epischen Armbewegung auf ein Sonnenblumenfeld hin und stelle fest: „Schau mal, wie schön der Raps hier gedeiht.“ Jetzt muss ich mich allerdings ducken, um dem Schlag in den Nacken aus dem Weg zu gehen.

Danach fahren wir noch kurz rauf auf einen nahen Berg, um dort von auf der Straße liegenden Rindern wieder zurück geschickt zu werden. Trotz ihrer behäbigen Ruhe sind die massiven Hörner und eine Tonne Lebendgewicht ein schlagendes Argument. Hier ist kein Durchkommen. Die Aussicht war dennoch grandios.

Schließlich stellen wir unseren Wagen nahe dem Strand des kleinen Dorfes (in der prallen Sonne. Wo sonst?) ab, um ein paar Meter am Strand zu laufen. Endlich komme auch ich mal auf meine Kosten. Ruhe pur. Es sind ca. 3 oder 4 Kilometer, die wir am Strand entlanglaufen und die Zeit vergessen. Es sind gefühlte 50 Leute, die wir unterwegs treffen. Ich habe noch nie in meinem Leben einen so schönen und leeren Strand gesehen, außer vielleicht im Norden Queensland in Australien, wo man sich diesen mit ein paar vereinzelten Salzwasserkrokodilen teilen muss. Auch Lottchen genießt es, von der Leine gelassen, durch das seichte Wasser zu rennen und Strandgut laut bellend zur Ordnung zu rufen oder zu schreddern.

 

Land der Windräder (Foto: Thomas Esche)

Land der Windräder (Foto: Thomas Esche)

Land der Windräder

Als wir am Morgen nach Cádiz aufbrechen, ist es schon extrem warm und ich mag mir nur schwer vorstellen, wie es wohl bei den Temperaturen in der Stadt sein mag. Am liebsten würde ich auf der Terrasse liegen und einfach nur die Aussicht genießen. Auch ein „Fahr doch alleine und hab einen schönen Tag“ wird nicht akzeptiert. Also machen wir uns auf den Weg.

Ich habe schon viele Windräder gesehen, aber noch nie so viele auf einen Haufen. Es sind gefühlte 1000 (!!), die auf dem Weg von Tarifa nach Cádiz an uns vorbeifliegen. Die meisten davon, begünstigt durch ein lang gezogenes Tal bei Facinas und Tahivilla, so ziemlich auf halber Strecke. Anders als Menschen, nehmen jedoch die Rinder auf den endlosen Weidenflächen darunter das ständige Schattenspiel um sie herum eher mit stoischer Ruhe hin.

 

Cádiz (Foto: Thomas Esche)

Cádiz (Foto: Thomas Esche)

Cádiz

Es gibt nur eine Hauptverkehrsstraße (abgesehen von der großen Hängebrücke in Richtung Jerez del la Frontera und Sevilla), die vom Südosten her auf die auf einer Halbinsel gelegenen Stadt führt. Genau diese Lage begünstigte, dass die Straßen von Cádiz immer von einer leichten Meeresbrise gelüftet werden. Die Stadt ist zwar mit den ca. 80.000 Einwohner relativ groß, doch ist man in der Altstadt, die auf der Halbinsel liegt, durch die drei Seiten zum Meer immer wieder schnell an selbigem Ufer. So lässt sich auch für mich als Nicht-Großstädter das Schlendern durch die zum Teil sehr überfüllten Gassen erträglich gestalten. Unabhängig davon ist Cádiz eine echte Schönheit unter den Städten und auf jeden Fall ein Besuch wert. Die Townships, die den größten Teil der Bevölkerung aufnehmen, durchquert man, wenn man die Altstadt erreichen will und kann man beim Flanieren durch die Gassen auch gut wieder ausblenden.

Wer glaubt, nur Frauen seien beim Shoppen in einer Art meist fremdmonetär belastenden Zeitschleife gefangen, die sie daran hindert, wieder in die Gegenwart und das reale Leben zurückzukehren, der irrt. Auch mein Partner besitzt diese unglaubliche Gabe, alles ringsherum zu vergessen und zwischen den Regalen der Klamottenläden wie eine silberne Spielkugel zwischen den Karambolagebanden eines Flippers hin- und herzuspringen, und scheint dabei in einer Traumwelt versunken zu sein wie Kinder in der Schokoladenfabrik von Willy Wonka.

Ich bevorzuge solche Läden, in denen eine Warteecke mit rückenschonender Sitz-Schlaf-Kombination, Kaffeemaschine und Knabbereien für entnervte Ehemänner im temporären Abstellgleismodus zur Verfügung gestellt wird. Als er wieder einmal die Sitzecke passiert, zeige ich auf Lottchen und sage so beiläufig: „Hier, Deine Tochter würde jetzt gerne weiterflanieren und einmal nach dem Rechten schnuppern“, und erhalte als Antwort jedoch wie von einer Endlosschleife nur: „Ja, gleich.“

„Gleich“, also knapp dreißig Minuten später sind wir wieder auf der Straße und ziehen weiter. Bei der endlosen Rennerei meldet sich mein Verdauungstrakt, und da kein öffentliches WC in der Nähe ist, steuern wir das nächste Lokal an. Anders als in Deutschland, sind die Toiletten in der Gastronomie nur für die Gäste, was mich aber angesichts der notwendigen Eile wenig interessiert. Die Toilette ist eine Etage aufwärts hinter einem kleinen verwinkelten Gang. Es ist einer von jenen WCs, bei denen man die Hose schon vor der Tür ausziehen und mit dem Hinterteil voran „einparken“ muss, um überhaupt Platz nehmen zu können. Die Tür muss nicht unbedingt abgeschlossen werden. Der runde Türgriff ist so nah vor dem Gesicht, dass man die Tür ohnehin nicht öffnen kann, bevor man nicht auf die Brille des WCs steigt. Als ich wieder die Treppe herunterkomme, fällt mir auf, dass das Abflussrohr der Toilette genau neben dem Grill im Schrank verschwindet, und ich bin froh, dass mein Partner aus lauter Verlegenheit nicht irgendwo Platz genommen und irgendetwas bestellt hat.

Als wir dann schließlich den letzten Klamottenladen verlassen und die Sonne schon ihrem diestägigen Tiefstand entgegenfällt, schauen wir mit Schrecken auf die Uhr und ich komme mir mit all den Taschen unter den Armen vor wie Bette Midler nach einer ihren ausgedehnten Shoppingtourneen.

Dennoch nehmen wir uns Zeit und genießen in einem kleinen Lokal einen Wein und eine Kleinigkeit zu Essen für den Heimweg nach Tarifa.

 

Zahara de los Atunes (Foto: Thomas Esche)

Zahara de los Atunes (Foto: Thomas Esche)

Zahara de los Atunes und Atlanterra

Ich weiß nicht, ob mit dem Namen die Wüste der Thunfische gemeint ist. Viele von ihnen werden hier vor der Küste gefangen. Besonders der rote Thunfisch, dessen Fleisch von seiner Konsistenz her an Rindfleisch erinnert und sogar Nicht-Fischliebhaber in Versuchung führen kann, gibt es hier noch zu relativen Spottpreisen. Während das Kilogramm bei uns zwischen 50 und 80 Euro kosten kann, gibt es das Fischfilet auf dem Markt von Tarifa fangfrisch für einen Preis von ca. 20 bis 25 Euro. Ich bin ehrlich. Wir tun uns sehr schwer mit den 300 Gramm, die wir kaufen, denn der rote Thunfisch gehört mittlerweile mit zu den bedrohten Tierarten dieser Welt. Sicherlich werden wir das Tier damit nicht endgültig an die Klinge geliefert haben. Das bewerkstelligen die Abertausenden von Tonnen, die jedes nach Japan geschifft werden, weil man sie dort als Delikatesse für 500 bis 1000 Euro das Kilogramm verkaufen kann. Im Übrigen sind viele Urlauber hier in Andalusien eher auf das Rindersteak fixiert, für das Spanien bekannt ist. Und sicherlich führen die frei auf den riesigen Flächen laufenden Rindern ein vergleichsweise rosiges Leben gegenüber ihren Artgenossen aus Mitteleuropa, die in Mastställen ein jämmerliches Dasein fristen, auch wenn ihr Ende genauso radikal und schmerzhaft ist, wie das aller Tiere, die auf den Speiskarten landen.

Aber zurück zu Zahara de los Atunes. Die Stadt selber ist inzwischen zu einem kleinen touristischen Badeort mit breitem weißen Strand mutiert und versprüht schon das Flair und Gelassenheit karibischer Regionen. Verständlich, dass in dieser und der angrenzenden, aus dem Boden gestampften Stadt Atlanterra Immobilien gefragt sind. Doch anders als in anderen Negativ-Beispielen wird hier (noch) nicht in die Höhe gebaut und wild drauf losgepflastert. Kleine Hotels mit eigenem Park und versucht an den alten Baustil angepasste Bungalows und Villen verraten, dass die Immobilienpreise nicht unbedingt im unteren Preissegment zu suchen sind, auch wenn diese Region nicht gerade im Fokus der Wohlstandsverwöhnten liegt.

Zahara de los Atunes und Atlanterra sind Ende Mai beschauliche Städte, in denen nicht gerade der Mob tobt. Es ist etwas für Leute, die wirklich Ruhe suchen und hier sicherlich auch finden. Das merken wir, als wir durch die Stadt schlendern. Ein Ort, der in der Saison von deutlich mehr Besuchern erobert wird, hätte auch mehr Gastronomie in den Straßen. Die ist hier aber nicht zu finden, zumindest nicht im Überfluss, wie man es vielleicht von den Balearen oder anderen Urlaubszielen her kennt. Hier ist es ruhig und Hektik scheint ein Fremdwort zu sein.

 

Vejer de la Frontera (Foto: Thomas Esche)

Vejer de la Frontera (Foto: Thomas Esche)

Vejer de la Frontera (die weiße Stadt)

Beim ersten Anblick bei strahlendem Sonnenschein fühlt man sich fast geblendet. Größtenteils nur weiße Häuser. Das lässt vermuten, dass angrenzende Baumärkte ihr Farbsortiment relativ monochrom gestaltet haben. Witzig auch, plötzlich fällt mir auf, dass mir bei diesem Weiß in Weiß die farbigen Orientierungspunkte in diesen klinisch weißen Kleinhäuserschluchten fehlen. Aber übrigens ist nicht nur, auch wenn es manch Reiseführer gerne so hergibt, Vejer die einzige weiße Stadt. Überhaupt viele Städte an der Costa de Luz setzen auf diese Farbe.

Vejer liegt auf einem Berg, und wen wundert es, ganz oben thront natürlich eine Kirche, die leider bei unserem Besuch verschlossen ist. Wir laufen einmal um das Gebäude herum und staunen über den Ausblick von der alten Stadtmauer aus.

Doch bevor wir die Stadt wieder verlassen, lassen wir uns zu einer kleinen Siesta am Markt mit dem schönen Brunnen hinreißen, bis die Ruhe dann von einem spanischen Verehrer Lottchens, der hartnäckig unsere Dackeldame besteigen möchte, durchbrochen wird. Als es in einem laut bellenden Chaos zu enden droht, müssen wir leider das Feld unter den genervten Blicken der Leute räumen.

 

Medina Sidonia (Foto: Thomas Esche)

Medina Sidonia (Foto: Thomas Esche)

Medina Sidonia

Genau wie Vejer de la Frontera ist auch Medina Sidonia auf einem Berg gebaut. Und ebenso wie in Vejer ist es eine Kirche und eine Burganlage, die auf der obersten Empore thronen. Und ich weiß auch nicht, was uns Menschen immer wieder antreibt, ganz nach oben zu wollen, auf dem höchsten Punkt zu stehen und einmal in die Runde zu schauen. Denn 40 Meter tiefer auf der Stadtmauer sieht es genauso aus. Trotzdem laufen wir bis oben auf den Kirchplatz und rüber zur Burgruine, um einmal den Blick über das weite Land schweifen zu lassen. Ich muss gestehen, es ist wirklich grandios. Danach kehren wir wenige Meter entfernt auf dem Kirchplatz des Ortes in ein kleines Café ein und finden auf der Terrasse des Hauses einen wundervollen Platz mit ebensolchem Blick genau in die andere Richtung der Stadt. Und wir haben Glück. Das Wetter spielt mit. Die ca. 25 km entfernte Hafenstadt Cádiz ist mir bloßem Auge zu erkennen.

Wir genießen noch den Ausblick, als uns der Kellner dann noch berichtet, dass gerade zurzeit am Rande der Stadt ein traditionelles Volksfest stattfindet, das immer viele Besucher anzieht. Von der Terrasse aus ist es im Gewerbegebiet relativ einfach auszumachen. Und so folgen wir anschließend der Empfehlung und machen uns auf den Weg dorthin.

Nach kurzer Irrfahrt und stundenlangem Gesuche nach einem Parkplatz in praller Sonne schlendern wir dann über das Volksfest. Vor dem Aufgang zum Festplatz treffen sich schon einmal die Jugendlichen in der heißen Nachmittagssonne zum Vorglühen und obligatorischen Balzen um die aufgebrezelten Frauleute. Das Volksfest selbst entlarvt sich sehr schnell zu einer gewöhnlichen Kirmes mit schmerzhaft dröhnender Musik quer Beet und Karussell- und Budenzauber. Lediglich die punktiert auftretende traditionelle Kostümierung fällt angenehm auf. Ich frage zwei ältere Frauen in typischen Flamencokleidern, ob ich ein Foto von ihnen machen darf. Ich weiß nicht, was mich an ihnen fasziniert. Denn eine von beiden ist so „gewichtig“, dass sie in dem hautengen roten Kleid aussieht, wie ein Michelin-Männchen mit Rüschen. Doch sie winken genervt ab. Eine von ihnen streckt mir sogar noch frech die Zunge entgegen. Blöde Kuh.

Wegen der ohrenbetäubenden Lautstärke verlassen wir das Volksfest relativ schnell wieder. Kurz vor dem Ausgang habe ich dann doch noch Glück. Ein paar junge (und deutlich schönere!) Mädchen in traditionellen Gewändern merken, dass ich ein Foto machen möchte und beginnen zu posieren, ohne herausgestreckte Zunge!

 

Ausblick von El Tesoro (Foto: Thomas Esche)

Ausblick von El Tesoro (Foto: Thomas Esche)

El Tesoro

Unsere Zeit in Andalusien geht zu Ende. Am letzten Tag unseres Urlaubs entdecken wir tatsächlich dann (auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn!) ein kleines verträumtes, wenn man es überhaupt so nennen kann, Lokal in den Bergen. Auf der profanen Suche nach einer Abkürzung nach Bolonia, kommen wir irgendwie vom Weg ab und fahren immer weiter den Berg hinauf, bis wir nach einer sehr abenteuerlichen Strecke, auf der teilweise die halbe Straße schon weggebrochen ist, plötzlich vor den verschlossenen Toren einer offenbar verlassenen Militärstation stehen. Wir machen Kehrt. Und auf der Rückfahrt packt uns die Neugierde, die links von uns liegende Siedlung über die Schotterpiste zu erkunden, bis wir plötzlich vor dem Lokal „El Tesoro“ stehen, das sich, wie der Name schon sagt (der Tresor), als wahrer Schatz erweist. Vor der gigantischen Kulisse mit Blick über einen kleinen Weinberg hinunter auf Tarifa und die gesamte Straße von Gibraltar genießen wir noch zum Abschluss und auch mit ein bisschen Wehmut ein Glas Wein und lassen die tollen Erinnerungen dieser Tage noch einmal an uns vorbeiziehen.

 

Heimweg

Als wir mit tränendem Auge am nächsten Tag den Heimweg Richtung Deutschland antreten, entscheiden wir uns, um nicht wieder die Betonwüsten der ostandalusischen Tourismusindustrie passieren zu müssen, die Mautstrecke nach Malaga zu befahren. Die Mautgebühren können dort, das bestätigte man uns vorher schon, gerne mal in den Ferienmonaten verzwei- oder dreifacht werden. Getreu dem Motto: Tritt ein, bring Geld herein.

Als wir den Flughafen erreichen, müssen wir den Wagen natürlich wieder im letzten Winkel und Kellerloch des Gebäudes abgeben. Den Rückweg zum Check-In, vorbei an der surrealen Untertagewelt des Flughafengebäudes blenden wir aus und sind am Ende froh und erschöpft, als wir am Gate auf das Boarding warten.

Das nächste Mal, da sind wir uns einig, fahren wir mit dem Zug nach Düsseldorf und mit dem Flieger nach Jerez de la Frontera. Denn dann beginnt der Urlaub wenigstens sofort.

 

Alle Bilder der Galerie (Fotos: Thomas Esche):

3 Kommentare

  1. Toll geschrieben. Wir waren auch mal in Tarifa. Wenn man Ende Mai hinfährt ist das Wetter auch schon gut und die Strände noch nicht so voll. Überhaupt eine tolle Seite, die ihr hier habt. Werd mal öfters stöbern. Babette

    • Hallo Babette,
      danke für Deine Worte. Wir waren Anfang Juni dort. Aber die Strände waren auch noch nicht so voll. Nur ein bisschen windig war es schon. Aber dafür kommen die Surfer ja dann dorthin. Schau Dich gerne um auf unserer Seite. Jederzeit willkommen. Lieben Gruß, Thomas.

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