Integration
Was ist das eigentlich?

Kaum ein Begriff ist derzeit häufiger zu hören: Integration. Die Geflohenen müssen sich integrieren. Politiker sagen das und die Menschen auf der Straße auch. Aber was bedeutet Integration denn genau? Welche Erwartungen, welche Vorstellungen verbergen sich hinter diesem Begriff?

 

Ich bin, ehrlich gesagt, ratlos. Was genau ist denn mit Integration gemeint? Ich denke immer wieder über diesen Begriff nach, komme dabei zu keinem Ergebnis und verwechsle wahrscheinlich Integration nur allzu oft mit Anpassung. Dabei ist Anpassung doch eher ein mögliches Mittel zur Integration, aber sie ist doch nicht die Integration selbst? Was genau wird erwartet von Menschen, die sich integrieren?

Wikipedia definiert Integration als „… der allgemeine Einbezug von Menschen, die aus den verschiedensten Gründen bisher ausgeschlossen waren.“ Es gibt demnach Menschen, die drinnen sind, und Menschen, die draußen sind. Integrierte und Nichtintegrierte. Integration scheint nach dieser soziologischen Definition etwas passives, etwas einseitiges (Einbezug) zu sein. Denn „Einbezug“ würde ja bedeuten, dass die, die „draußen“ sind, von denen, die drinnen sind, reingeholt werden. Nein, das stellt mich nicht zufrieden. Kann irgendwie nicht sein, denn das könnte auch bedeuten, dass die, die gar nicht reinwollen, trotzdem – wenn´s sein muss in Form irgendeiner Gewalthandlung – (r)eingezogen werden. Oder kann Integration tatsächlich auch, z.B. durch staatliche Gewalt, erzwungen werden? Das kann doch niemand ernsthaft glauben! Oder wünschen.

Im Lateinischen, aus dem der Begriff Integration stammt, hat er etwas mit wieder herstellen und erneuern zu tun. Da bin ich dann erst einmal vollkommen irritiert. Wer oder was soll sich da erneuern oder wieder herstellen? Die draußen oder wir drinnen? Oder wir uns alle zusammen? Und das miteinander? Dann wäre Integration aber nichts passives mehr, sondern eine aktive Tätigkeit von denen, die drinnen sind, UND von denen, die draußen sind. Also etwas, was von beiden Seiten die Bereitschaft und die Fähigkeit zur Selbstreflektion voraussetzt. Denn es bedürfte auf beiden Seiten konkreter Vereinbarungen darüber, was genau erneuert oder wieder hergestellt werden müsste. Mit dieser Vorstellung könnte ich gut leben und mich dem Begriff „Integration“ annähern.

 

Aber: Wenn ich mir die Diskussionen derjenigen, die drinnen sind und zu denen ich gehöre, anschaue und -höre, kann ich leider nur bei wenigen die Bereitschaft und die Fähigkeit zur Selbstreflektion oder gar eines Infragestellens bestimmter Werte und Normen erkennen. Meist unreflektiert wird von „den Werten des christlichen Abendlandes“ oder einer „deutschen Leitkultur“, in die es sich zu integrieren gilt, gesprochen. Ich habe keine Ahnung, was  „deutsche Leitkultur“ sein soll, ich mag diesen Begriff auch so wenig, dass ich noch nicht einmal Lust darauf habe, mich ernsthaft mit ihm auseinanderzusetzen. Aber ich habe eine ungefähre Ahnung davon, was die „Werte des christlichen Abendlandes“ sind. Sie lassen sich hervorragend im Kant´schen Kategorischen Imperativ zusammenfassen und in den aus ihm hervorgegangenen Menschenrechten, die im deutschen Grundgesetz verankert sind. Vor allem in Artikel 1, in dem die Menschenwürde als unantastbares Grundrecht verankert ist. Geht man aber mit offenen Augen durch die Welt und denkt nach und spricht und diskutiert, dann wird der Eindruck immer stärker, dass die Gefahr besteht, dass die im Grundgesetz verankerten Menschenrechte  zu leeren Parolen verkommen. Oder vielleicht schon verkommen sind. Ist die Menschenwürde tatsächlich der Maßstab politischen und auch privaten Handelns? Oder gibt es nicht längst ganz andere Maßstäbe, nämlich die wirtschaftlichen Interessen? Ist die Würde des Menschen nicht längst antastbar geworden? Müsste Artikel 1 nicht im Grunde lauten „Die Interessen der Wirtschaft sind unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“? Da tut sich ein Abgrund auf… Könnte Integration also  bedeuten, sich den Interessen der Wirtschaft zu beugen?

 

Meint Integration also doch Anpassung?  Wenn das so ist, dann können sich diejenigen, die drinnen sind, zurücklehnen und sich den Anpassungs- bzw. Integrationsprozess derjenigen, die draußen sind, in aller Ruhe ansehen. Ihre Aufgabe bestünde lediglich darin, selbstzufrieden Schilder hochzuhalten, auf denen als Orientierung Handlungs- und Denkmaximen festgehalten sind. Sie selbst bleiben passiv und müssen sich selbst, ihre Werte und Normen, die auf den Schildern hochgehaltenen Forderungen nicht in Frage stellen. Was sicher weitaus bequemer ist als Selbstreflektion und Erneuerung von etwas, von dem man gar nicht weiß, was sich genau erneuern soll. Oder ob es sich überhaupt erneuern soll.

Mein Eindruck ist, dass Integration zur Zeit sehr viel mit Verwertbarkeit zu tun hat. Soll heißen, dass sie meistens als widerstandsloses Sich-Einfügen in den allgemeinen Verwertungsprozess, dem Menschen hier als Humankapital unterliegen, verstanden wird. Integration bedeutet offensichtlich oft das sich widerspruchslose Hineinbegeben in den Arbeitsmarkt, in den Verwertungsprozess.
Integration ist also im Ergebnis nichts anderes als Arbeit zu haben, Geld zu verdienen und mitkonsumieren zu können? Ist das alles?

Ich entferne mich wieder und weiß immer noch nicht, was Integration jenseits von Anpassung wirklich bedeutet und grüble weiter…

Mit „Integration“ lässt sich zur Zeit viel Geld verdienen. Da fließen jede Menge Fördergelder vom Staat und der EU. Interessanterweise aber eben nur dort, wo es sich um Programme zur „Integration“ von Migranten in den Arbeitsmarkt handelt.

 

Um Mensch zu sein, braucht es Menschen (Foto: MM, gesehen in Berlin)

Um Mensch zu sein, braucht es Menschen (Foto: MM, gesehen in Berlin)

Dort aber, wo es darum geht, die Menschen erst einmal hier ankommen zu lassen, sie hier SEIN zu lassen, sie nach all den Strapazen zu versorgen, sie mit allem Notwendigen, das Menschen zum Leben benötigen, auszustatten, kommt wenig bis gar nichts an. Da wird auf Freiwilligkeit und auf Spenden gebaut. Gut, dass so viele Menschen, die drinnen sind, sich freiwillig jenseits aller Gedanken an die künftige Verwertbarkeit um die Menschen, die draußen sind, kümmern! Vielleicht ist das und nichts anderes wahre Integration: Ankommen, die Tür öffnen, die Angekommenen Willkommen heißen,  sich angenommen fühlen, zur Ruhe kommen, DASEIN können, teilnehmen können? Und an dieser Stelle könnte Integration tatsächlich etwas mit den „Werten des christlichen Abendlandes“ zu tun haben. Mit der unantastbaren Menschenwürde eines jeden Menschen. Und damit kann ich gut leben, auch wenn ich immer noch nicht genau weiß, was Integration genau ist.

 

Margareta Muer

Margareta Muer