Revolution oder Resignation?
Wie kann eine gewaltfreie Revolution aussehen?

gewaltloser Widerstand (Foto: M Muer, gesehen an einem Auto in Marseille))

gewaltloser Widerstand (Foto: M Muer, gesehen an einem Auto in Marseille))

47 Hinrichtungen Anfang 2016 in Saudi-Arabien, die brutale Machtzunahme des IS in Syrien und im Irak, 60 Millionen Flüchtlinge weltweit, Hunger, Krieg, Versklavung, Waffenlieferungen, Terroranschläge in Paris, Klimawandel … die Liste des Grauens will bei mir kein Ende nehmen.

 

Und wieder spüre ich sie, die zunehmende Resignation angesichts dieser globalen Verbrechen, all der unfassbaren Grausamkeiten. Resignation gespeist aus Hilflosigkeit und Ohnmacht. Was kann ich schon tun? Widerstand im stillen Kämmerlein? Auf die Straße gehen und protestieren? Protestbriefe schreiben? Konsumverzicht? Nachhaltig leben? Meditieren? Oder gar beten? Was soll das alles, wo es doch offenbar nichts bringt? Tausende tun es, Millionen sogar. „Die da“ – wer auch immer das ist – machen dennoch weiter wie bisher.  Das bisschen Sand, der ihnen in ihr irrsinnig laufendes Getriebe gestreut wird, scheint sie nur noch mehr anzuspornen, ihr Zerstörungswerk zu vollenden.

Und dann möchte ich nur noch abtauchen. Oder ausbrechen. Dann will ich die Idylle. Die heile Welt. Das Paradies, in dem die Menschen einander und der Natur mit Wertschätzung oder gar Liebe begegnen. Dann will ich Gedichte, Musik, das Gezwitscher der Vögel, das Rauschen der Blätter, das Plätschern des Wassers, die Sonne, den blauen Himmel. Dann will ich von all dem Grauen nichts hören und lesen. Einfach nichts mehr wissen. Ich will in meine Kuschelecke.

Kuschelecke (Foto: M. Muer)

Kuschelecke (Foto: M. Muer)

Und ich weiß doch, dass dieses Grauen mich wieder einholen wird. Immer wieder. Mich beim Versuch des Abtauchens an den Füßen packt und brutal in die Realität zurückholt. Die Sonne und den blauen Himmel beiseite wischt und mit dem Finger auf sich selbst zeigt und mich anbrüllt: „Und was ist mit mir? Schau hin! Da, ja, genau dahin: 60 Millionen Flüchtlinge weltweit. Millionen Menschen, die hungern und verhungern. Kriege überall auf der Welt. Hinrichtungen. Die Erde wird aufgeteilt wie ein Kuchen, aber die meisten Menschen bekommen nicht einmal einen Krümel ab, und danach, ja danach wird sie vernichtet sein. Ja, und die Verlogenheit der Regierenden und ihre Korruption. Ihre Machtlüsternheit, die sie blind macht für Lösungen. Denn die Lösungen sind da und sie sind einfach. Aber niemand von denen will sie. Und deshalb müsst ihr sie wollen!“

Ja. Die meisten von uns würden sie schon wollen, aber wie? Und dann wird ein Wort in mir immer stärker. REVOLUTION. Ohne eine Revolution wird nichts mehr möglich sein. Gewaltfrei. Diesem System ist nicht anders beizukommen. Es hat sich wie ein tödlicher Virus über den gesamten Erdball ausgebreitet. Auch deshalb ist Kurieren an Symptomen z.B. in Form eines ökologischen Kapitalismus reine Augenwischerei. Denn der zögert die endgültige Zerstörung nur ein wenig hinaus. Damit ist es nicht mehr getan. Eine Minderheit ist dabei, sich unseren Planeten unter den Nagel zu reißen und ihn dabei zu zerstören. Und produziert bei ihrem Zerstörungswerk Hunger, Elend, Rassismus, Hass, Versklavung, Krieg.

 

Aufruhr (Foto: M Muer)

Aufruhr (Foto: M Muer)

Revolution. Global. Das wär´s! Oder besser: Das ist es!

Revolution. Aber wie? Ich habe keine Ahnung… Wie kann eine solche gewaltfreie Revolution aussehen? Wo und wie soll sie beginnen? Was ist ihr Ziel? Es gibt fast 7, 5 Milliarden Menschen auf der Welt. Und es wird nur zusammen gehen. Wie sollen die sich absprechen?

Ich weiß nur, dass es mit Protestbriefen, auf die Straße gehen, Konsumverzicht, widerständigen Kunst- und sonstigen Aktionen, Meditationen oder Gebeten nicht mehr getan ist. Die Revolution wird radikal sein müssen. Sie wird an unsere „Wurzeln“ gehen müssen (radikal von lat. radix=Wurzel). Sie wird vermeintlich Selbstverständliches hinwegfegen müssen. Getragen von Liebe. Liebe zu den Menschen, zur Natur, zu unserer wunderschönen Erde. Ich denke an die drei Bausteine von Gandhis Satyagraha-Prinzip: ziviler Ungehorsam, gewaltfreier Widerstand und die Verweigerung jeglicher Kooperation mit allen Mächten staatlicher und wirtschaftlicher Gewalt.

Und schon schleicht sich hinterrücks die Resignation an… Widerstand? Zum Beispiel bei der nächsten Steuererklärung? Dem Finanzbeamten klar machen, dass meine Steuern nicht in den Militärhaushalt und andere staatliche Gemeinheiten fließen sollen? Dass ich ansonsten keine Steuern zahle?

 

Is love the answer? (Foto: M Muer, gesehen am Vieux Port in Marseille)

Is love the answer? (Foto: M Muer, gesehen am Vieux Port in Marseille)

Liebe? Ich soll all diese Menschen lieben? Die, die sich an der Zerstörung hemmungslos beteiligen und bereichern? Die Mörder? Die Rassisten? Aber sind diese Menschen so auf die Welt gekommen? Als Mörder? Als raffgierige Monster? Als Rassisten? Nein! Niemals! Aber was hat sie zu dem gemacht, was sie heute sind? Was richtet dieses unfassbare Zerstörungswerk in Menschen an? Ich kann nur vermuten, dass die Ursachen irgendwo in unserer „Kultur“ zu finden sind, einer „Kultur“, die der Liebesfähigkeit, Liebebedürftigkeit und der Neugier aller kleinen Menschen auf der Welt begegnet mit knallhartem Materialismus, mit Ehrgeiz, Konkurrenz, Abrichtung und psychischer und physischer Gewalt. Und wieder drehe ich mich im Kreis bis mir schwindelig wird.

Also doch lieber abtauchen in Poesie, Musik, Vogelgezwitscher, in den Wald, die Natur? Weil alles andere nichts mehr bringt, der Countdown schon längst unaufhaltbar eingesetzt hat?

Margareta Muer

Margareta Muer