3

Gesichtserkennung
Gesichter hinter den Masken

Eine Gesichtserkennung der anderen Art ist notwendig, um Verbrechen an der Menschheit oder der Gesellschaft zu individualisieren. Nicht eine Institution ist schlecht – es ist ja nur ein Ausdruck oder Name -, sondern die Menschen dahinter, die sich mit diesem Namen maskieren.

Gesichter (Foto Arnold Illhardt)

Gesichter (Foto Arnold Illhardt)

Die Deutsche Bank oder die Allianz betreiben Nahrungsmittelspekulation im großen Stil, was sie gerne verharmlosen wollen. Dadurch, dass die Preise für Nahrungsmittel künstlich hochgetrieben werden, sind die Naturalien in den entsprechenden Ländern unerschwinglich und führen damit zu einer Katastrophe für Millionen von Menschen. Das bedeutet, die Bank bzw. das Versicherungsinstitut nehmen es billigend in Kauf, dass Menschen verhungern und somit ermordet werden, weil mit Agrarrohstoffen an den Börsen spekuliert wird. Nein, sagen die Verantwortlichen, nicht wir treiben die Preise in die Höhe, sondern der vermehrte Bedarf durch die wachsende Bevölkerung. Ob das dennoch ethisch oder menschlich rechtfertigt, dass Kleinbauern mit Centbeträgen bezahlt und Ländereien enteignet werden, Menschen verhungern und sterben, nur weil sich irgendwelche Anleger mit zu viel Privatvermögen eine goldene Nase „zufinanzieren“ wollen, bleibt die große Frage. Und auch wenn vermeintlich seriöse Wissenschaftler zu geheimen Konferenzen (ohne Presse!) gebeten werden, um anschließend hinauszuposaunen, dass alles gar nicht so schlimm sei, wie Kritiker behaupten, so bleibt es eine riesige menschenverachtende Drecksgeschichte. Ende der Aussage!

Stört das den potentiellen Leser dieses Artikels in irgendeiner Weise? Wohl kaum! Es gibt zwar zahlreiche Zeitgenossen, die nicht müde werden, auf diese Zustände hinzuweisen und mit gezielten Aktionen zu intervenieren, aber auch das ist ein Tropfen auf dem heißen Stein. Mit der Deutschen Bank oder der Allianz ist es wie mit der BILD-Zeitung: Jeder weiß, dass es ein mieses Blatt ist, trotzdem lesen es Millionen von Menschen. Das sind Normalisierungsprozesse, die zu einer schleichenden, gesellschaftlichen Akzeptanz von in keiner Weise hinnehmbaren Zuständen führen.

Ich probiere es mit einem zweiten Beispiel. Rheinmetall, eine Rüstungsfirma mit Sitz in Düsseldorf, möchte in Kooperation mit einer türkischen Firma eine Panzerfabrik in der Türkei bauen. Auch hier gibt es kreative Proteste, die bis in den Bundestag reichen. Gut so und mehr davon! Spätestens seitdem man weiß, wie wenig zimperlich der Diktator und Psychopath Erdogan mit vermeintlichen Feinden umgeht, Regimekritiker ermorden lässt und vor keinem noch so blutrünstigen Massaker zurückschreckt, sollte man meinen: Panzer in die Türkei – das ist so, als würde man Massenmörder mit Schusswaffen ausrüsten. Und Rüstung: Bedeutet das nicht auch Friedenssicherung? Fragezeichen!

Bei beiden Beispielen gibt es einen Denkfehler: Sowohl die Deutsche Bank oder die Allianz, als auch Rheinmetall sind abstrakte Gebilde. Vielleicht hat man von ihnen gehört, hat dort seine Lebensversicherung abgeschlossen, möglicherweise weiß man, dass sie als Lobbyisten im Bundestag ein – und ausgehen, vielleicht assoziiert man mit ihnen negativere Machenschaften als – sagen wir – bei Dr. Oetker oder Aldi, aber es bleiben eben gesichtslose Einrichtungen. Damit erinnern die Überlegungen an das Romanfragment „Das Schloss“ von Franz Kafka. Auch hier wird die Herrschaft, die vom Schloss ausgeht und das ärmliche Dorf kontrolliert, als gewaltig, undurchschaubar und damit wenig greifbar beschrieben. Die so entstandene Aussichtlosigkeit lässt einen resignieren, sich weiter mit der Materie zu befassen. Die Verbrechen an der Menschheit, die von der Deutschen Bank, der Allianz oder Rheinmetall begangen werden, gelten als zu komplex und vielschichtig, um sie in ihrer ganzen Bandbreite begreifen zu können. An dieser Stelle endet häufig die Auseinandersetzung. Die Fälle sind schlimm, aber nicht änderbar. Punkt.

Ich muss gestehen, dass auch ich die Komplexität von wirtschaftlichen Agitationen nicht in ihrer Gänze begreife. Aber was ich begreife ist, dass die Deutsche Bank, die Allianz oder Rheinmetall nur drei Begriffe sind, die selbst nicht böse oder gewalttätig sein können. Auch der Ausdruck IS ist als Wort nicht schlimm; übel sind die Menschen, die diesen Begriff im wahrsten Sinne des Wortes mit Blut füllen. Betreiben wir also Gesichtserkennung und gehen damit eine wichtige Stufe weiter. Hinter all diesen Institutionen stecken Gesichter, Menschen mit einer Geschichte, mit einer bestimmten Psychodynamik. Und genau dahin soll die Stufe führen: Wir sollten uns angewöhnen, nicht von der Deutschen Bank, der Allianz, Rheinmetall oder der IS zu sprechen. Es wäre richtiger, die Namen von real existierenden Gesichtern zu nennen, die hinter diesen Systemen stecken.

Solche Entindividualisierungen sind Gang und Gäbe im allgemeinen Sprachgebrauch und werden von rechten, wie linken Gruppierungen gerne genutzt, um einen Missstand anzuprangern. Schuld sind z.B. „die, da oben“, „das System“, „die Regierung“ oder „die Politik“. Doch auch beispielsweise „die Politik“ hat klare Namen und Verantwortliche, eben Gesichter, die für Missstände verantwortlich sind. Nicht „die Politik“ hat veranlasst, dass Waffenlieferungen in die Welt möglich sind, sondern ganz bestimmte Männer und Frauen aus Parteien, die vorgeben, liberal, christlich, sozialdemokratisch oder grün zu sein. Eine genaue Gesichtserkennung ist somit unerlässlich.

Gesichter (Foto Arnold Illhardt)

Gesichter (Foto Arnold Illhardt)

Ich las neulich in einer Zeitung von einem Journalisten, der im rechtsradikalen Milieu intensiv geforscht und die Namen zahlreicher Aktivisten veröffentlicht hatte. Einige dieser Personen, die auch fleißig für die AfD Werbung betrieben und mit menschenfeindlichen Kommentaren nur so um sich warfen, schlossen daraufhin ihre Accounts und bedrohten – wie in diesen menschlichen Tiefengraden üblich – den Autor auf perfide Weise. Sie waren bisher gesichtslose Nobodys in der facebook-community bzw. AfD-Masse; mit der Veröffentlichung wurden sie Individuen. Hinter den Masken einer Institution oder Gruppierung treten Gesichter hervor. Und Gesichter gehören zu leibhaftigen Menschen.

Man könnte das an einem Beispiel demonstrieren. Nehmen wir die fiktive Person Dr. Reinhard Müller. Müller ist promovierter Volkswirt und sitzt bei der Rüstungsfirma Mordsding im Leitungsteam. Er ist verantwortlich für den Verkauf von Panzern und ist aus Profilierungsdrang sehr an dem Verkauf möglichst vieler Panzer auch in sensible Länder mit Menschenrechtsverletzungen interessiert. Dass mit Panzern Menschen ermordet, zerfetzt oder schwer verwundet werden, dass dadurch Dörfer zerstört und Menschen heimatlos werden, dass Familien größtes Leid erleben, falls sie überleben, dass anschließend Menschen mit abgetrennten Gliedmaßen als Krüppel ihr Dasein fristen, dass Soldaten schlimmste Traumatisierungen erfahren, dass Kinder ihre Eltern verlieren und umgekehrt (was als Kollateralschaden gewertet wird), blendet der Endvierziger aus. Wenn wir es nicht machen, machen es andere, ist sein Credo. Müller ist Familienvater, hat zwei reizende Kinder, er sitzt vielleicht im Gemeinderat und ist im Freundeskreis ein angesehener und geschätzter Zeitgenosse, der gerne mal einen mittrinkt. Es geht ihm blendend. Und warum? Weil niemand Müller als verantwortlich für eine entsetzliche Tötungsmaschinerie sieht, sondern als Volkswirt einer Firma, deren Produktion irgendwas im weiteren Sinn mit Rüstung zu tun hat. Und Rüstung ist Friedenssicherung! Rufzeichen!

Nehmen wir tatsächlich die Rheinmetal Group – „Technologiekonzern für Sicherheit und Mobilität“ (siehe Homepage). Ich zitiere: „Die Defence Sparte des Konzerns ist als führendes europäisches Systemhaus für Heerestechnik ein zuverlässiger Partner der Streitkräfte.“ Da gibt es z.B. Armin Papperger (Diplom-Ingenieur), Horst Binnig (Diplom-Ingenieur), Peter Sebastian Krause (Jurist) oder Helmut P. Merch (Diplom-Kaufmann). Was sind das für Menschen? Welche psychischen Prozesse verbergen sich hinter ihren Gesichtern? Handelt es sich bei den Männern in den feinen Anzügen um Menschen mit gravierenden emotionalen und zwischenmenschlichen Störungen? Sind es Sozialanalphabeten? Skrupellose und machtgierige Psychopathen? Leiden sie vielleicht unter dissozialen Persönlichkeitsstörungen? Warum fragen wir sie nicht persönlich? Wie verroht und emotional verwahrlost müssen diese Widerlinge sein? Warum betreiben wir nicht viel mehr Gesichtserkennung? Obige Namen sind nur Beispiele – unser Wirtschafts- und Politsystem ist voll mit anonymen Menschenfeinden, Wirtschaftspsychopathen und erbärmlichen Kreaturen. Sie alle spielen verdeckt ihr verbrecherisches Spiel, verdienen sich dumm und dämlich und leben ein unbedarftes Leben.

Gesichter hinter den Masken2 (Fotocollage Arnold Illhardt)

Gesichter hinter den Masken2 (Fotocollage Arnold Illhardt)

Um die Gesichter von Institutionen zu entschleiern, sie per Gesichtserkennung zu personalisieren gibt es verschiedene Möglichkeiten. Man sollte beispielsweise seine Bank des Vertrauens und hier den/die entsprechende/n LeiterIn anschreiben und fragen, inwieweit das Institut Nahrungsmittelspekulationen betreibt. Man sollte seine Versicherung aufgrund ihrer negativen Aktivitäten kündigen und sie mit Anfragen zu ihren üblen Machenschaften bombardieren. Man sollte den lokalen Abgeordneten seiner Partei im Bundestag löchern, mit welchen Lobbyisten er oder sie zusammenarbeitet. Haben sie wirklich so eine reine Weste, wie sie auf den Wahlplakaten vorgeben? Man sollte auch einen Armin Papperger oder Helmut P. Merch befragen, warum sie so skrupellos sind. Kennen wir solche Menschen persönlich, sollten wir ihnen öffentlich die Freundschaft kündigen, sie bloßstellen oder ausgrenzen. Mit einer Person, die Menschen tötet, wenn auch indirekt, möchte ich nicht im Kirchenchor singen, sie als Nachbarn haben oder in einem Gremium sitzen. Man muss versuchen, sie auf ganz persönliche Weise zu enttarnen. Je mehr es tun und Gesichtserkennung betreiben, umso mehr wird es die Gesichter hinter den Masken dauerhaft treffen. Je mehr wegschauen und den Normalisierungsprozessen nachgeben, desto mehr werden sie von ihrer schauderhaften Mission überzeugt sein, ihre Profilneurose pflegen und weiterhin menschliches Elend produzieren.

Die Gesichter hinter den Masken sind verabscheuungswürdige Unmenschen – das sollte man sie tagtäglich spüren lassen!! Doppelrufzeichen!!

Arnold Illhardt

Arnold Illhardt

3 Kommentare

  1. Super Artikel! Hierzu ein sehr empfehlenswerter Artikel aus der Le Monde diplomatique (hier Nr. 12, 2012, Die Krisenmacher, S. 46-49 ): Das Gesicht der Märkte. Zwar geht es hier um die Verbandelung von sog. Hochfinanz und Politik, aber der Autor (Geoffrey Geuens) hat dieselbe Absicht: den Verbrechen ein Gesicht zu geben und die verantwortlichen Verbrecher so aus der Anonymität zu holen. Da ist von den 32 hier dargestellten Politikern so manch bekanntes Gesicht dabei, von denen man dann genau erfährt, mit welchen Banken, Fondsgesellschaften, großen internationalen Unternehmen etc. sie verbunden sind/waren. Als Vorstandsmitglieder, als Aufsichtsratsmitglieder, als Berater usw. Im Text schreibt der Autor: „Die routinemäßige Beschimpfung der Finanzmärkte ist eine von PR-Strategen ersonnene politische Rhetorik, die drastisch klingt, in der Praxis aber folgenlos bleibt.“

  2. Ja, und was ist mit so einem Menschen wie dem Düsseldorfer Stadtsparkassen-Sprecher Meyer (und denjenigen, für die er spricht), der an der „Rheinmetall-Finanzierung nichts Verwerfliches sieht“… (vgl. Kritische Aktionäre). Interessante Nebeninformation: Rheinmetall-Bereichsvorstand Helmut P. Merch sitzt im Wirtschaftsbeirat der Düsseldorfer Stadtsparkasse. https://www.nrz.de/…/umstrittener-kredit-an-rheinmetall… [https://www.nrz.de/staedte/duesseldorf/umstrittener-kredit-an-rheinmetall-id12301459.html/&h=atnhttemfjg_p57n83utfieimsrkzkso7blmk1seoye39dwglqshiiteiytxyhjyr-wd8t59kf6vptekghwuon92low66eei9h_wq98tj3kkezjbgabrxxtwycrp_wlru87xrpcr1q_green]
    Schaut man sich dann noch die Aktionärsstruktur an, ergibt sich ein nahezu unentwirrbares Geflecht von Beziehungen. Haupaktionäre sind die alten Verdächtigen: BlackRock, Deka Investment, Norges Bank, Deutsche Asset Management, die eine Tochter der DWS ist, hinter der sich wiederum die Deutsche Bank verbirgt. Allein die DWS verwaltet Fondsvermögen von über 45 Milliarden Euro. Und da muss man auch wieder nachhaken: Von wem??? Woher kommt dasGeld??? Wieviele Menschen haben ihr Geld in DWS-Fonds gesteckt und haben keine Ahnung, in welche Verbrechen da investiert wird? Oder sie wollen es nicht wissen… Auch sie müssten eigentlich einzeln auf dem Marktplatz an den Pranger gestellt werden. Man kann dieses Netz mit Ekel und spitzen Fingern drehen und wenden, wie man will, man kommt immer wieder zur gleichen Ursache zurück: es ist die Gier. Die Gier der „Großen“ UND die Gier der „Kleinen“, denn die einen könnten ohne die anderen nicht in Verbrechen investieren. Das Ganze ist ein Riesenhaufen an bestialisch stinkender menschlicher Scheiße (sorry, aber wie soll´s man sonst nennen? 🙁 )

  3. Danke für Deine Recherchen und die klaren Worte. Auch wenn es so manches Mal ausweglos erscheint, gegen diese Großkriminellen zu kämpfen, so ist es gleichzeitig ermutigend, dass es doch viele Leute gibt, denen nicht alles scheißegal ist. Ich sah heute ein Video von jungen Leuten, die vor Rheinmetall eine Sitzblockade durchführten. Sie haben meine Hochachtung!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.