Unheimliches Land
Schießbefehl gegen Flüchtlinge

(Foto: MM)

(Foto: MM)

Das Ergebnis einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts You-Cov ergab in der letzten Woche, dass 29 % der Befragten den Schießbefehl gegen Flüchtlinge befürworten würden. 57 % sprachen sich gegen den Schießbefehl aus, 14 % machten zur Fragestellung keine Angaben. Ist ein Land, in dem sich fast ein Drittel seiner Bewohner mittlerweile für einen Schießbefehl gegen Flüchtlinge ausspricht, noch mein Land?

 

Die Fragestellung der Umfrage lautete: „Halten Sie es für gerechtfertigt, unbewaffnete Flüchtlinge mit Waffengewalt am Grenzübertritt zu hindern, oder halten Sie dies nicht für gerechtfertigt?“. Nicht suggestiv, präzise formuliert und so gestellt, dass jeder, auch der zerebral Inaktive, die Frage verstehen konnte.

 

Deutsche Vergangenheit (Foto: MM, Oskar-Schindler-Museum, Krakau)

Deutsche Vergangenheit (Foto: MM, Oskar-Schindler-Museum, Krakau)

UnHEIMlich – darin steckt das Wort Heim, was für mich Zuhause-sein, sich mit etwas vertraut und wohl fühlen bedeutet. Wenn etwas un-HEIM-lich ist, meint es also das genaue Gegenteil, nämlich Angst und Misstrauen zu empfinden.

Ist dieses Land noch mein Heim, mein Zuhause? Kann ich mich dort noch wohl und vertraut fühlen? In diesem Land, dessen Bewohner es in den letzen Monaten zulassen, dass es erneut mit brauner stinkender Gülle überzogen wird. Oder die sogar dazu beitragen, diese Gülle zu verbreiten. Ein Land, dessen Bewohner  immer höhere Zäune ziehen wollen. Dessen Bewohner beginnen, sich zu verbarrikadieren, die schon hinter den Fenstern und Türen die Gewehre laden wollen, während sich auf ihren  Tischen der Wohlstand weiter anhäuft. Die zu einem Viertel eine Partei wählen würden, die die braune Gülle zu ihrem Parteiprogramm gemacht hat.

Ein Land, ein Heim, das sich in seinen Kellern und Verliesen ein Heer von Arbeitssklaven hält. Arbeitssklaven, die – während oben geprasst wird – kaum von den Krumen, die von oben abfallen, leben können.

 

Ein Land dessen Bewohner an Getreidespekulationen verdienen, während draußen die Verhungernden an die Türen klopfen. Ein Land, dessen Bewohner in Waffengeschäfte investieren, Waffen produzieren und in die schlimmsten Länder der Welt liefern, während draußen diejenigen an die Türen pochen, die vor den von ihnen mit verursachten Kriegen fliehen, die Angehörige im Krieg verloren haben. Ein Land, dessen Bewohner von üppig beladenen Tellern essen, während diejenigen immer lauter an die Türen pochen, deren Meere bereits leer gefischt wurden und deren Landwirtschaft systematisch durch subventionierte Lebensmittel zerstört wurde.

Bewohner, die es begrüßen, dass jetzt die Gewehre geladen werden sollen, um auf all diejenigen zu schießen, deren Heim durch ihre Waffen zerstört wurde und auf deren Kosten der eigene Wohlstand aufgebaut wurde…

Diese Bewohner haben wohl vor langer Zeit aufgehört, selbst zu denken – denn sie sind voller Angst. Angst davor, den eigenen Wohlstand und die Sicherheit zu verlieren. Davor eines Tages selbst in den Kellern und Verliesen zu verschwinden, dorthin, wo das Heer der unterbezahlten Arbeitssklaven und Arbeitslosen ein kümmerliches Dasein fristet. Ihre Augen sind vor Angst blind geworden. Blind gegenüber dem Leid derjenigen, die immer lauter an ihre Türen pochen und die sie nun gewaltsam am Zutritt des Hauses hindern wollen. Blind gegenüber der eigenen Verantwortung. Und sie sind ohne Erinnerung. Ohne Erinnerung an das, was gerade einmal 70/80 Jahre zurückliegt. Angst macht blind und taub, Angst löscht das eigene, kraftvolle Denken und die Erinnerung aus. Und –  Angst macht anfällig für Manipulationen aller Arten brauner Heilsversprechen. Und für Gewalt.

 

In Auschwitz (Foto: MM)

In Auschwitz (Foto: MM)

Deutschland wird mir un-Heim-lich. Seit einiger Zeit denke ich immer öfter: Deutschland mir graut´s vor dir.

Margareta Muer

Margareta Muer