Arbeit macht unfrei
Über die Sinnlosigkeit der Erwerbsarbeit

Wer kennt das nicht? Irgendwann taucht die Frage nach dem Sinn der eigenen Arbeit auf und bei nicht wenigen schleicht sich dann der Überdruss und das Erstaunen darüber ein, wie man überhaupt so lange mitmachen konnte und so viel Lebenszeit in Arbeit investieren konnte.

 

Tut es gut (Foto: M Muer)

Tut es gut (Foto: M Muer)

Jeder, der sich diese Frage stellt, hat die Antwort sofort parat: es ist das Geld, das Goldene Kalb, um das sich alles dreht. Für Geld, für Lohn und Gehalt stürzen wir uns allmorgendlich mit unzähligen anderen Menschen in den Verkehr, produzieren Staus und Abgase, geraten in Hektik, kommen genervt am Arbeitsplatz an und verrichten dann meistens noch 8/9 Stunden Arbeiten, die vom Blickwinkel des Gemeinwohls und der menschlichen und ökologischen Bedürfnisse aus betrachtet, oft vollkommen sinnlos und sogar schädlich sind. Ja, man hat uns vor Jahrhunderten erfolgreich an die Kette gelegt.

Vor allem mit Calvin vermittelte der Protestantismus den Glauben daran, dass das Himmelreich nur über Arbeit, die bis dahin eher als biblischer Fluch galt, und Wohlstand zu erreichen sei. Die meisten Feiertage, die den Menschen damals ein wenig Ruhe und Muße ermöglichten, wurden abgeschafft. Der Protestantismus war mit seiner Glorifizierung von Arbeit und Wohlstand als Zeichen der möglichen Erlösung der Vorreiter der industriellen Revolution, in der es mit der Versklavung von Menschen deutlich voran ging. Jeder weiß um die Beschäftigungsverhältnisse in dieser Zeit. Und seit dieser Zeit hat der sich gemeinsam mit dem Protestantismus, dem Entstehen von stehenden Heeren und Nationalstaaten entwickelnde Kapitalismus einen historisch gesehen gigantischen Siegeszug angetreten. Er hat sich zwar seit der industriellen Revolution ein scheinbar „humaneres“ Angesicht gegeben und behauptet auch seitdem immer wieder auf´s Neue, dass er um unser aller Wohl besorgt sei und in unser aller Wohl handle, aber der Unterschied in der Arbeitswelt liegt lediglich darin, dass er geschickt erreicht hat, dass Arbeitnehmer sich nun selbst ausbeuten. Die moderne kapitalistische Arbeitsideologie: Jeder wird zum Selbstunternehmer, jeder möge seine Arbeitszeit selbst regeln, wodurch die Grenzen zwischen Arbeitszeit und Freizeit – die Trennung an sich ist schon absurd!-  sukzessive aufgehoben werden. Das, was zählt, ist das Ergebnis. In Vorstellungsgesprächen wird nun von Unternehmen ergründet, wieviel kreatives (Selbst-)Ausbeutungspotential der potentielle neue Mitarbeiter hat. Flexibilität und Mobilität sind DIE Anforderungskriterien schlechthin. Sollte es dann mit der Versklavung und Ausbeutung einmal nicht so klappen, machen moderne Sklaventreiber,  Motivationstrainer genannt, die Belegschaft mit idiotischen Spielchen und verbalen Einpeitschungen wieder fit.

 

Free (Foto: M Muer)

Free (Foto: M Muer)

Hinzu kommt, dass die meisten Tätigkeiten entfremdete Tätigkeiten sind, die keinen Bezug zum Leben des jeweiligen Arbeitnehmers haben.  Das, was man tut, ist oftmals nur ein kleines Puzzleteil eines  Gesamtergebnisses, das man vermutlich nie zu Gesicht bekommt. Viele wissen noch nicht einmal, was sie da genau tun. Vom Sinn dessen, was sie da tun, ganz zu schweigen. Man muss sich das einmal bildlich vorstellen: da gibt es Menschen, die 40-45-50 Jahre ihres Lebens damit verbringen, im Büro Rechnungen zu schreiben, sie zu kontrollieren, sie zu kontieren, Geschäftsbriefe an Leute zu schreiben, die sie gar nicht kennen, Unterlagen zu sortieren, Zahlen hin und her und rauf und runter zu lesen und zu schieben, mit Kunden am Telefon herumzustreiten und dabei immer freundlich zu bleiben…Rechnungen für Dinge, mit denen sie selbst nichts zu tun haben, Zahlen, die sie selbst nie kreiert haben und die für sie vollkommen abstrakt sind, Briefe an und Telefonate mit Kunden, die sie gar nicht kennen über Dinge, auf die sie keinen Einfluss haben. Ist so etwas nicht eine Verhöhnung menschlicher Kreativität?

„Arbeit verhöhnt die Freiheit.[….] Ein Arbeiter ist ein Teilzeitsklave. Der Chef sagt, wann es losgeht, wann gegangen werden kann und was in der Zwischenzeit getan wird. Er schreibt vor, wie viel Arbeit zu erledigen ist und mit welchem Tempo. [….] Es steht ihm frei, seine Kontrolle bis in demütigende Extreme auszuweiten, indem er festlegt, (wenn ihm danach ist) welche Kleidung vorgeschrieben wird und wie oft die Toilette aufgesucht werden darf.[…] Dieses entwürdigende Herrschaftssystem[…] kontrolliert die Hälfte der wachen Zeit einer Mehrheit der Frauen und fast aller Männer für Jahrzehnte, für den Großteil ihres Lebens. […] Jeder, der meint, all diese Männer und Frauen wären frei, lügt oder ist dumm“, so der amerikanische Autor und Anarchist Bob Black in seinem 1985 erschienenen Aufsatz „Die Abschaffung der Arbeit“.

Arbeit in der Rüstungsindustrie, am Fließband, Akkord- und Schichtarbeit, Arbeit in Tiermastbetrieben und Schlachthöfen… sind ein Verstoß gegen die Menschenwürde und gehören schlicht und ergreifend abgeschafft.

Mittlerweile hat die Arbeitswelt sogar ehemals selbstverständliche menschliche Hilfeleistungen, wie z.B. sich zuzuhören, sich zu beraten, einander zu unterstützen, sich um Schwächere zu kümmern… erfolgreich kommerzialisiert. Consulting, Coaching, Psychotherapie, Altenpflege, Kinderhorte usw. – alles ist gegen Geld zu haben, alles wird zu Geld gemacht. Geld, das aber erst einmal erarbeitet werden muss. Anstatt dass wir uns selbst um unsere Lieben, andere Menschen und um uns selbst kümmern, verbringen wir den größten Teil unserer Lebenszeit mit Arbeit, die ein System trägt, das verbrecherisch und ökologisch nicht mehr zu verantworten ist. Ja, geht´s noch verrückter?

 

Do Shopping (Foto: M Muer, gesehen in einem Kaufhaus in Marseille)

Do Shopping (Foto: M Muer, gesehen in einem Kaufhaus in Marseille)

Und wäre es nicht endlich an der Zeit, zu erkennen, dass die Entwicklung der „modernen Arbeitswelt“ und des Kapitalismus einhergehen mit einer gigantischen ENTMÜNDIGUNG in all den Bereichen, die Menschen über Jahrtausende selbst in die Hand genommen haben und mit Hilfe derer sie überhaupt überleben konnten? Beispielsweise in der Medizin, die uns zu passiven, unmündigen Patienten macht und die offensichtlich nur noch dem Zweck dient, Ärzte und Pharmakonzerne lukrativ zu bedienen. Das Herstellen eigener Produkte oder auch das Reparieren, das Gärtnern, die Naturheilkunde, das Häuserbauen, all das, was ein oder zwei Generationen zuvor noch zum Alltag gehörte, haben wir mittlerweile nahezu vollständig verlernt und müssen es nun ein-kaufen und teuer bezahlen…

Die Menschen wurden mit Geld in die Falle gelockt bzw. an die Kette gelegt. Und was geben sie dafür her? Ihre Menschenwürde, ihre Fähigkeiten, ihre Kreativität und ihre Freiheit. Unsere Arbeitswelt ist ein gigantisches System, das nur einem einzigen Zweck dient: dem Profit einiger Weniger. Und selbst dann, wenn man in „zweiter Reihe“ steht, wie beispielsweise im Gesundheitswesen oder in Schule und Bildung, so verfolgen auch diese Tätigkeiten letztlich nur noch das eine Ziel: entweder Menschen wieder fit für die Arbeitswelt, sprich Ausbeutung, zu machen oder sie darauf vorzubereiten.

„Menschen, denen ihr ganzes Leben lang Vorschriften gemacht werden, die von der Schule an die Arbeit weitergereicht werden […] sind an Hierarchien gewöhnt und psychologisch versklavt. Ihre Freiheitsfähigkeit ist so zerrüttet, dass ihre Freiheitsangst zu ihren wenigen rational begründeten Phobien gehört. Ihr Gefolgschaftstraining bei der Arbeit pflanzt sich zum einen in die von ihnen begründeten Familien fort und reproduziert so das System, zum anderen greift es in die Politik, die Kultur und alles andere über. Wenn einmal die Lebenskraft der Menschen durch die Arbeit abgesaugt ist, unterwerfen sie sich sehr wahrscheinlich Hierarchien und Experten in jeder Beziehung. Sie sind daran gewöhnt. Wir sind so dicht an der Arbeitswelt, dass wir nicht sehen können, was sie uns antut. Wir müssen auf Beobachter aus anderen Zeiten oder aus anderen Kulturen zurückgreifen, um das Extrem und die Krankhaftigkeit unserer gegenwärtigen Position zu begreifen.“ (Bob Black)

Ausgang freihalten (Foto: M Muer)

Ausgang freihalten (Foto: M Muer)

Nein, das Leben war früher nicht leichter und mit Sicherheit gab es auch damals keine „heile Welt“. Ich möchte „nur“ mit diesem System brechen, das uns zu Sklaven macht. Ich möchte zurück zu selbstbestimmten Tätigkeiten, die sicher alles andere nur nicht leichter sind, die aber Freiheit und Selbstbestimmung gewährleisten und – den Schutz unserer wunderschönen Erde. Unsere Arbeitswelt als Basis eines Raubtierkapitalismus (Jean Ziegler) nimmt uns das, was jeder von uns von Geburt an hat: Freiheit und Menschenwürde. Im Grunde ist es, wie so oft, ganz einfach: weniger konsumieren, weniger Dienstleistungen und Konsumgüter einkaufen zu müssen, bedeutet letztlich, weniger arbeiten zu müssen und das bedeutet wiederum, mehr Zeit für anderes zu haben. Da der Mensch aber von Freiheit und Menschenwürde allein nicht leben kann, wäre EINE von vielen Möglichkeiten des Ausstiegs aus dem System, uns wieder mehr selbst zu versorgen. So, wie es die Generationen vor uns getan haben. Es gibt schon jede Menge an Ideen und Konzepten, die verschiedene Möglichkeiten der Selbstversorgung sogar in Großstädten aufzeigen. Nur die Zurückeroberung unserer Fähigkeiten, vor allem aber der Fähigkeit schöpferisch tätig zu sein, wird auf Dauer dazu beitragen, dass der Lohnsklaverei ein Ende bereitet wird. Und damit auch einem Wirtschaftssystem, das gnadenlos nicht nur Menschen sondern auch die Erde ausbeutet und das schon längst auf lange lange Zeit nicht mehr rückgängig zu machende Schäden angerichtet hat.

„Niemand vermag zu sagen, was die Entfesselung der jetzt noch in der Arbeit gebundenen Schöpferkraft bringen wird. Alles kann geschehen.“  (Bob Black)

Margareta Muer

Margareta Muer