ESC 2018: ALLE VON BORD!
Nachlese zum höchsten schwulen Feiertag

ESC 2018 Portugal - (Quelle: de.wikipedia.org - Von M&M Production - eurovision-spain, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=68513212)

ESC 2018 Portugal – (Quelle: de.wikipedia.org – Von M&M Production – eurovision-spain, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=68513212)

Vor knapp einer Woche fand der 63. Eurovision Song Contest in Lissabon statt. Traditionell wird dieser höchste schwule Feiertag des Jahres mit einem klassischen Spargelessen im Kreise der „Familie“ begangen. Da wird gemeinsam geschält, gekocht, gefachsimpelt und Wetten abgeschlossen, allen Buchmachern zum Trotz. Jeder hat seinen eigenen Geschmack. Nach dem so wundervollen Siegertitel 2017 des Außenseiters und von den Buchmachern nicht gesetzten Salvador Sobral für Portugal schien die europäische Musikwelt wieder in Ordnung, nach so desaströsen Jahren, besonders für deutsche Teilnehmer. Bis heute. Gezeitenwende im ESC?

 

Der diesjährige ESC in Lissabon stand unter dem Motto „All Aboard“ (Alle an Bord). Und so konnte am letzten Samstag um Punkt 21 Uhr das 63. Eurovision-Song-Contest-Schiff ablegen, entwickelte sich aber schnell zu einer musikalischen Titanic, die wirklich keinen stilistischen Eisberg auf ihrer Reise ausließ.

Alle Schiffsbrüche hier jetzt aufzählen zu wollen, würde wahrscheinlich den Rahmen sprengen und könnte als musikalisch maritime Leichenfledderei angesehen werden. Aber hier einmal die wichtigsten Untergänge. Allen voran der Siegertitel.

 

Netta (Israel) - (Quelle: en.wikipedia.org - By Wouter van Vliet, EuroVisionary - https://www.eurovisionary.com/?attachment_id=162070, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=69056361)

Netta (Israel) – (Quelle: en.wikipedia.org – By Wouter van Vliet, EuroVisionary – https://www.eurovisionary.com/?attachment_id=162070, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=69056361)

Um die Spannung, wenn es überhaupt eine gab, vorwegzunehmen: Israel hat den Contest für sich entschieden. Mit einer vollschlanken Mischung aus Beth Ditto goes Manga in quiekbuntem Puppenkleidchen vor dem blinkend glitzernden Hintergrund einer Barbi-Welt mit asiatischen Winke-Katzen und Bedienpanels aus Raumschiff Enterprise brabbelt DJ Netta aus Israel ihren computerisiert gehäckselten Pop-Song („Toy“) so verfremdet dahin, dass man kaum ein Wort versteht und einem beim Zuhören schon schwindelig wird. Dabei wirkt ihr Auftritt eher wie eine turbulente Kochshow aus der Zuckerbäckerei der Spielzeugfabrik. ‚Grill die Zuckerstange‘ im gackernden Drei-Minuten-Loop. Und überhaupt hat man echte Schwierigkeiten, dem geschredderten Liedtext, der so überaus Literaturpreis verdächtige Textzeilen wie „Kulului, Kulului, Ah, money man bling-bling“ oder „Pam pam pa hoo, Turram pam pa hoo“ enthielt, die in den Medien so groß angedichtete Me-Too-Debatte zu entnehmen. Wenn das allein dem Refrain „I’m not your toy, stupid boy!“ entnommen wurde, dann glauben manche die Gabe zu besitzen, den leeren Raum zwischen den Zeilen interpretieren zu können oder haben ihre Kristallkugel befragt. Schließlich verwundert es auch nicht, dass der Vorjahresgewinner und Jazzmusiker Salvador Sobral diesen Song als „schrecklich“ bezeichnet. Eklat Nummer 1. Dennoch galt Netta als Favoritin des Abends und wurde nicht nur von den Jurys eines jeden Landes denn auch vom europäischen Publikum dafür reich beschenkt. Sorry, aber ich kann dem Beitrag und auch der hysterischen und pubertierenden Teeny-Performance mit schrill quiekendem Ende nichts abgewinnen. Dennoch ist dieser Song ein gutes Beispiel dafür, wie schnell- und vor allem kurzlebig, dafür aber übertrieben blinkend, bunt, laut und leider oft genauso inhaltsleer, die heutigen Musikproduktionen, die sich vornehmlich im Netz feiern, geworden sind.

 

AWS (Ungarn) - (Quelle: de.wikipedia.org - Von MrSilesian - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=68517702)

AWS (Ungarn) – (Quelle: de.wikipedia.org – Von MrSilesian – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=68517702)

Einen weiteren Schiffbruch erleidet die europäische Musik-Galeere beim ungarischen Beitrag. Als die Mitglieder der Heavy-Metal-Band „AWS“ in die Saiten und Felle hauen, der Sänger vornehmlich zu schreien beginnt, fällt uns fast das Essen aus dem Gesicht und wir glauben im ersten Moment, es handele sich nur einen Sound-Check der Tonanlage. Nach drei Minuten Fiepsen und Pfeifen, Grölen und Quieken, untermalt von wabbernden Bässen, die keinen Raum für Text geschweige denn Melodien zulassen, bleiben wir verstört, mit offenem Mund und klingelnden Ohren zurück und mutmaßen, dass „AWS“ eine neue Form der Verhaltensstörung aus dem endlosen Katalog psychologischer Diagnostik ist. Einer unserer Gäste äußert schließlich nach langem ungläubigen Schweigen die Vermutung, dass dieser Act bewusst von Präsident Orban selbst nach Lissabon ins Rennen geschickt wurde, um über diese weltweit beliebte und verfolgte Veranstaltung nach Europa flüchtende Menschen zu verschrecken.

 

Rasmussen (Dänemark) - (Quelle: de.wikipedia.org - Von Wouter van Vliet, EuroVisionary - https://www.eurovisionary.com/?attachment_id=161370, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=69064484)

Rasmussen (Dänemark) – (Quelle: de.wikipedia.org – Von Wouter van Vliet, EuroVisionary – https://www.eurovisionary.com/?attachment_id=161370, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=69064484)

Spätestens beim dänischen Beitrag kommt die portugiesische ESC-Galeere einem Eisberg verdächtig nahe. Wer glaubte, ein Retro-Schneetreiben der TV-Geschichte der 70er Jahre miterleben zu dürfen, irrte. In seinem Lied über einen Wikinger lassen der langhaarige Rasmussen und seine vier ebenso zotteligen Gesangsbegleiter einen künstlichen Schneesturm über die Bühne fegen. Es werden in traditionellen Wikingerklamotten Segel gehisst, Fahnen geschwenkt und der düstere Beitrag „Higher Ground“ geschmettert. Das Lied selbst ist wirklich gut und hat eine sehr schöne und eingängige Melodie und damit eigentlich das Potential zu einer ESC-Hymne. Das Arrangement des Songs hingegen überlädt sich leider mit einem Tick zu viel Filmpathos. Vor dieser musikalisch erdrückenden Imposanz klingen die Stimmen der fünf Dänen dagegen eher auffällig schlapp, als hätten sie zu viel an nordischen Kreidefelsen gelutscht oder auf ihrer Seefahrt nicht genügend Fisherman’s Friend an Bord gehabt.

 

Mélovin (Ukraine) - (Quelle: de.wikipedia.org - Von Wouter van Vliet, EuroVisionary - https://www.eurovisionary.com/?attachment_id=162353, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=69083187)

Mélovin (Ukraine) – (Quelle: de.wikipedia.org – Von Wouter van Vliet, EuroVisionary – https://www.eurovisionary.com/?attachment_id=162353, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=69083187)

Für die Ukraine war auf der undankbaren Startposition Nummer 1 Mélovin mit seinem Beitrag „Under The Ladder“ angetreten und entstieg in seiner Performance gleich zu Beginn in transsylvanischer Art einem Pianosarg, in dem er auf der noch folgenden Schlingerfahrt der ESC-Titanic schlussendlich bei der für ihn blöd gelaufene Punktvergabe möglicherweise auch gleich wieder seine musikalische Seebestattung gefunden hat.

Der Gewinner des ESC 2009 für Norwegen, Alexander Rybak, hatte in diesem Jahr sein Comeback auf der europäischen Bühne und wollte offenbar mit seinem Titel „That’s How You Write A Song“ (So schreibt man einen Song) der ESC-Gemeinde einen Rat geben, legte aber nach der Punktevergabe mit seiner und der nun ihm erteilten Lektion auf dem mittleren Unterdeck dann eine Bauchlandung hin. Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall.

 

 

 

 

 

 

Alfred & Amaia (Spanien) - (Quelle: de.wikipedia.org - Von Adrivaliente - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=69126756)

Alfred & Amaia (Spanien) – (Quelle: de.wikipedia.org – Von Adrivaliente – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=69126756)

Beim spanischen Beitrag fuhr die portugiesische Galeere dann offenbar auf eine schleimig morastige Sandbank auf. Madrid setzte dieses Jahr auf die aus der aller untersten Mottenkiste gezogene Schmachtballade. Alfred & Amaia präsentierten ihr Liebes-Duett mit dem Titel „Tu Canción“ (Dein Lied). Es war, mit seiner geballten Wucht der bedeutungsschwangeren Liebesdudelei, leider einer der unerträglichen Momente des Abends, der so zuckersüß herüberkam, dass es schon knirschte und am Bildschirm klebte wie der bei starkem Seegang erbrochene Nachtisch der Kombüse. Gab es im spanischen Vorentscheid dieses Jahr nicht besseres? Wie gruselig.

 

 

 

 

 

Benjamin Ingrosso (Schweden) - (Quelle: de.wikipedia.org - Von Kim Metso - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=67226486)

Benjamin Ingrosso (Schweden) – (Quelle: de.wikipedia.org – Von Kim Metso – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=67226486)

Und wo wir jetzt schon beim ausgenudelten Thema sind. Zwischendrin finden sich auch nach wie vor immer wieder Beiträge aus der Abteilung „Sex sells“, wenn sich die Interpreten in viel zu enge Klamotten quetschen, die musikalische Qualitäten so vordergründig in den Hintergrund und ihren genetischen Fortbestand auf bedenkliche Weise in Frage stellen, nur um das letzte kreischende Teeny-Girl oder andere notgeile Adulizierende hinterm Ofen wegzulocken. Hat der ESC ein Generationsproblem? Verwunderlich nur, dass diese Outfits jetzt mit voll amerikanisiert durchkonstruierten Popsongs aus der Kategorie belanglos akustische Raumbefeuchtung daherkommen und diese plötzlich auch noch hoch im Kurs stehen, wie die Beiträge aus Zypern (Platz 2) und Schweden (Platz 7) zeigen. Bis vor wenigen Jahren war der ESC noch ein Garant für die eigenständige europäische und oft sehr ethnisch gezeichnete Musikkultur und schottete sich dadurch gegen die verwässernde transatlantische Musikindustrie der sexbetonten Hupfdohlen ab, die mehr auf Quote denn auf Inhalt setzt.

 

Michael Schulte (Deutschland) - (Quelle: de.wikipedia.og - Von Adrivaliente - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=68498009)

Michael Schulte (Deutschland) – (Quelle: de.wikipedia.og – Von Adrivaliente – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=68498009)

Die ruhigen Momente und authentischen Balladen sucht man fast vergebens. Leider gibt es hierfür bei 26 Teilnehmern nur drei nennenswerte. Ich weiß, Eigenlob stinkt. Doch hatte für mich der deutsche Beitrag „You Let Me Walk Alone“ von Michael Schulte alles, was zu einem ESC-Siegertitel gehört, ein toller wirklichkeitsnaher Liedtext, eine schöne Melodie, ein gekonntes und nicht zu überladenes Arrangement und vor allem die Authentizität, mit der er vorgetragen wurde. Letztere und auch die persönlichen Bilder Michael Schultes über den viel zu frühen Verlust seines Vaters, die auf der Videowand in seinen Beitrag einflossen, haben sicherlich den Ausschlag gegeben, dass der deutsche Beitrag am Ende auf Platz 4 und nicht wie die nachgeäfften amerikanisierten Konserven seiner letzten fünf Vorgängerinnen auf dem letzten Platz gelandet ist.

 

Ryan O'Shaughnessy (Irland) - (Quelle: de.wikipedia.org - Von Wouter van Vliet, EuroVisionary - https://www.eurovisionary.com/?attachment_id=162087, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=69056193)

Ryan O’Shaughnessy (Irland) – (Quelle: de.wikipedia.org – Von Wouter van Vliet, EuroVisionary – https://www.eurovisionary.com/?attachment_id=162087, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=69056193)

Die ebenfalls sehr schöne Ballade „Together“ des Iren Ryan O’Shaughnessy über eine homosexuelle Beziehung, die er während seiner Aufführung von zwei Männern miteinander sehr gefühlvoll tanzen ließ, sorgte schon im Vorfeld für einen weiteren Eklat. Schon seit einigen Jahren wird der ESC neben anderen Ländern auch in China ausgestrahlt. Doch in diesem Jahr sah sich das Reich der Mitte offenbar gezwungen, mit einer Zensur aus der Reihe zu tanzen, als man kurzerhand den irischen Beitrag im Vorentscheid, wegen der beiden eng miteinander tanzenden Männer, ausblendete. Die EBU (European Broadcasting Union) reagierte prompt auf diese Verletzung der ESC-Grundprinzipien und entzog China die Sendelizenzen für die gesamte Veranstaltung. Eine Sternminute bei der EBU. Übrigens war es nicht der einzige gesperrte Beitrag. Auch der albanische Song des Sängers Eugent Bushpepa wurde zensiert, weil das offene Tragen von Tattoos in China ebenfalls nicht gestattet ist. Neu ist diese Art von Zensur allerdings nicht. Schon in der Vergangenheit erreichten die EBU-Zentrale in Genf immer wieder Anfragen von Sendern aus arabischen Ländern (beispielsweise Libanon oder Jordanien), die auch gerne am ESC teilnähmen, jedoch aber die israelischen Beiträge im eigenen Land nicht senden wollen. Auch hier ist die EBU standhaft geblieben.

 

Claudia Pascoal & Isaura (Portugal) - (Quelle: de.wikipedia.org - Von Adrivaliente - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=68498549)

Claudia Pascoal & Isaura (Portugal) – (Quelle: de.wikipedia.org – Von Adrivaliente – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=68498549)

Offenbar ist es das Kreuz der Nachfolgekünstler eines ESC-Siegerlandes, nicht wirklich eine Chance zu haben. Die wundervoll leise und so melancholisch nachdenkliche Ballade „O Jardim“ der portugiesischen Sängerin Cláudia Pascoal und der Komponistin Isaura, über den tragischen Verlust der Großmutter, bleibt am Ende chancenlos und landet unverdienterweise auf dem letzten Platz. Und fast hätte ich es vergessen. Da war noch eine vierte sehr schöne Ballade, die der litauischen Sängerin Ieva Zasimauskaité („When We’re Old“). Eine tolle Sängerin mit einem unglaublichen Stimmumfang des lauten ausdrucksstarken, aber auch leisen zärtlichen ja fast geflüsterten Gesangs. Dieser Song brillierte einzig durch die Stimme und brauchte deshalb auch keine große Performance oder Tanzeinlagen, sondern glänzte gerade deshalb nur unterstützt von den wenigen Videobildern über das besungene Thema Älterwerden.

 

Begleitet wurde der ESC wie immer von der Opening- und Aftershow-Party an der Reeperbahn in Hamburg mit der bekannten Moderatorin der deutschen Grand-Prix-Party, Barbara Schöneberger, die ja nun schon zum Inventar gehört und inzwischen eins mit der Kulisse geworden ist, hatte man ihr doch in der Requisite eigens für das Motto des ESC eine symbolisierte Welle auf die Schulter getackert. Als sie im Interview mit Max Giesinger dann noch über seine trotz hohem T-Shirt sichtbare Brustbehaarung sinnierte, beschlich uns wieder das bekannte wie mulmige Gefühl so vieler Vorveranstaltungen, die mit gleichartig pikanten Sprüchen gespickt waren.

Doch dann passierte es: Sie sagte sich plötzlich selber an, schritt zum Mikrofon, und für einen Augenblick erinnerte es mich an Forrest Gump. Man war geneigt zu bemerken: Mein Gott, jetzt singt sie auch noch.

Barbara Schöneberger (Archivbild) - (Quelle: de.wikipedia.org - Von Frank Schwichtenberg - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52216685)

Barbara Schöneberger (Archivbild) – (Quelle: de.wikipedia.org – Von Frank Schwichtenberg – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52216685)

Als ob ihre quotierten Sprüche nicht manches Mal schon genug sind, scheint sie jetzt einen All-Inklusiv-Vertrag beim NDR unterschrieben zu haben, und möglicherweise wohnt sie auch schon in einem Ganzjahres-Container direkt neben der Bühne?! Aber vielleicht tut man ihr auch Unrecht. Denn jetzt, wo allerorts die Kassen leer sind, musste möglicherweise auch der NDR bei den eingeladenen Künstlern sparen, weil dieses Mal im Begleitprogramm die Simple Minds auftraten, mittlerweile geschwächelt in die Jahre gekommen, aber immer noch mit ihrem unverwechselbaren Sound. Übrigens das einzige Highlight an diesem Abend an der Reeperbahn. Ansonsten reichten sich die für Deutschland berufenen Juroren Lotte, Max Giesinger, Marc Singer, Mary Roos und Sascha Stadler, deren Songs mittlerweile einer wie der andere klingt und alle schillernd wie Fischbrötchen, auf der Bühne das Mikrofon in die Hand. Doch wenigstens hatten die Besucher an der Reeperbahn zumindest dieses Mal mit dem Wetter Glück.

So bleibt als Fazit nach einem langen Abend und einer kurzen Nacht nur die Erkenntnis, dass der Spargel wirklich gut und die Sauce Hollandaise mit dem frischen Bärlauch und einem Hauch Chili darin ein echter Geheimtipp war.

Die musikalische Irrfahrt der portugiesischen ESC-Galeere hingegen endete dann, bis auf wenige Ausnahmen, genauso glanzlos wie erschreckend sie begonnen hatte und war, das muss man leider neidlos anerkennen, streckenweise ein Zeugnis erschütternden Niedergangs europäischer Musikkultur oder um es mal in den Worten der Siegerin des diesjährigen ESC zu beschreiben: Irgendwie war die Veranstaltung dieses Mal zu viel „Pom Pom Pi Da, Bling Chaka Chaka Brrrrrrrt“.