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Ein Phänomen namens Udo
Udo Lindenberg wurde Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Gronau

Udo Lindenberg, wie man ihn kennt: mit Hut, Sonnenbrille und Zigarre (Foto: global-tickets.com)

Udo Lindenberg, wie man ihn kennt: mit Hut, Sonnenbrille und Zigarre (Foto: global-tickets.com)

Der Altrocker Udo Lindenberg hat die deutsche Musikszene aufgemischt und in den frühen Siebzigern seine Nische zwischen hippem Krautrock und heimeligen Schlagern gefunden. Seine Lieder handeln von Liebe und Beziehungen, von Pazifismus und Umweltzerstörung, von Alkoholproblemen und Profitgier. Jetzt wurde er in seiner Heimatstadt Gronau zum Ehrenbürger ernannt.

 

Udo Lindenberg und sein langjähriger Freund Otto Waalkes, mit dem er früher zeitweise in einer WG lebte, zu der auch Marius Müller-Westernhagen gehörte (Foto: abendblatt.de)

Udo Lindenberg und sein langjähriger Freund Otto Waalkes, mit dem er früher zeitweise in einer WG lebte, zu der auch Marius Müller-Westernhagen gehörte (Foto: abendblatt.de)

Je älter ich werde, desto cooler finde ich Udo Lindenberg. Der Mann mit dem Hut, der wie ich aus Westfalen stammt, dieser Deutschrock-Revolutionär mit der markanten Unterlippe und der nuscheligen, leicht nöligen Stimme, die immer ein bisschen so klingt, als wäre er gerade aus dem Bett aufgestanden und würde maulen: „Och nö, Leute, ich will noch ein bisschen länger pennen“, dieser unverwüstliche Musiker, Schriftsteller und Kunstmaler, der auch mit 70 Jahren noch auf der Bühne steht, bekam gestern verdientermaßen die Ehrenbürgerschaft seiner Geburtsstadt Gronau verliehen.

Gronau liegt in Nordwestdeutschland an der holländischen Grenze, eine Stadt mit ca. 47.000 Einwohnern. Ich war nur einmal dort, in den späten Siebzigern, als ich mit einer Freundin nach Amsterdam getrampt war und wir auf der Rückreise ca. zwei Stunden dort herumstanden, bevor uns endlich ein Auto mitnahm. Von daher ist mir Gronau nicht in allerbester Erinnerung geblieben. Auch Udo, am 17.5.1946 geboren, zog es bereits im jugendlichen Alter von 15 Jahren von dort fort, hinein in die Großstadt Düsseldorf, wo er eine Kellnerlehre begann. Sein Traum damals war es, als Kellner auf den „dicken Pötten“, den Kreuzfahrtschiffen, um die Welt zu schippern. Zum Glück für die deutsche Rockmusik verwarf er diesen Traum und trommelte sich zunächst als Schlagzeuger durch die Düsseldorfer Altstadtkneipen. Später, als Siebzehnjähriger, spielte er in Libyen in Clubs eines US-amerikanischen Luftwaffenstützpunktes. 1968 ging er dann nach Hamburg, seiner Wahlheimat, in der er bis heute lebt, und wurde Schlagzeuger der Band Die City Preachers, der ersten Folk-Rock-Band Deutschlands.

 

Der junge Lindenberg posiert 1977 vor der Neuen Wache in Ost-Berlin (Quelle: noz.de; Foto: dpa)

Der junge Lindenberg posiert 1977 vor der Neuen Wache in Ost-Berlin (Quelle: noz.de; Foto: dpa)

In den 1970ern startete er dann durch. Zwar floppte die erste LP Lindenberg (1971), auf der er seine Lieder noch in Englisch sang, und auch die folgende LP Daumen im Wind, erstmals auf Deutsch gesungen, war kein großer Erfolg, doch wurde die daraus ausgekoppelte Single Hoch im Norden immerhin zu einem Radio-Hit in Norddeutschland. Den Durchbruch erzielte Lindenberg 1973 mit dem Album Alles klar auf der Andrea Doria. Im gleichen Jahr ging er mit seinem Panikorchester auf Tournee. Udos schnoddrige Art, sein Wortwitz und seine zum Teil auch gesellschaftskritischen Texte kamen beim Publikum an. Damals trat er übrigens noch ohne den berühmten Hut auf; der kam erst Anfang der 1980er Jahre hinzu.

 

Noch ohne Hut: aufgeblasener Udo 1977 (Foto: Birgit Hartmeyer)

Noch ohne Hut: aufgeblasener Udo 1977 (Foto: Birgit Hartmeyer)

Meine erste persönliche Begegnung mit Udo, eine Begegnung der „besonderen“ Art, ereignete sich im Jahre 1976, einem übrigens für den Deutschrocker sehr erfolgreichen Jahr. Ich kannte zwar Udos große Hits wie Alles klar auf der Andrea Doria oder Rudi Ratlos, interessierte mich aber mehr für englischsprachige Rockmusik. 1976 verloste die Zeitschrift Bravo von Musikkünstlern gespendete Weihnachtsgeschenke. Ich bewarb mich um einen Armreif mit Schlangenmotiv und gewann. Aber leider nicht den begehrten Armreif, sondern – Gott, wie peinlich! – eine aufblasbare Udo-Puppe (von denen ca. 50 Stück verlost wurden und die in dem unten angehängten YouTube-Video von „Rudi Ratlos“ zu sehen sind).  Ich war damals 16 und Udo 14 Jahre älter, also mit seinen dreißig Lenzen für mich quasi schon „scheintot“. Am allerpeinlichsten aber war, dass sämtliche Gewinnernamen unter Angabe des Gewinns in der Bravo abgedruckt wurden!

Anlässlich eines Kaffeeklatsches mit fünf Freundinnen im März 1977 bei mir zuhause kam Udo aber doch noch zu Ehren: Er wurde – nach dem Genuss von Sachertorte (Dr. Oetker Backmischung), Erdbeerkuchen (selbstgebacken) und viel Cola mit Martini – von uns aufgeblasen, und ich lichtete ihn, umarmt von zwei Freundinnen, ab. So ganz passte der coole Udo zwar nicht in dieses eher naiv-spießige Kleinstadtmädchenambiente mit der typisch 70er Jahre orangegemusterten Tapete, dem Pferdeposter an der Tür und der Prilblume auf dem Lichtschalter, aber immerhin zeugte der überquellende Aschenbecher auf den damals entstandenen feuchtfröhlichen Fotos und die Schallplattenmusik von Deep Purple und Co. (laut Tagebucheintrag) davon, dass wir Mädels uns bereits auf der Schwelle von der braven Landpomeranze zum fetzigen Girlie befanden. Auch Udo trug damals (als Puppe und im wirklichen Leben) noch einen gesitteten Pony statt des coolen Hutes, und der größere Teil seiner Karriere lag noch vor ihm.

 

Udo mit Erich Honecker 1987 - 2 Jahre vor dem Fall der Mauer (Quelle: mdr.de)

Udo mit Erich Honecker 1987 – 2 Jahre vor dem Fall der Mauer (Quelle: mdr.de)

Meine zweite „Begegnung“ mit Udo fand in Münster statt, so ca. 1983 oder 1984, wo er zwecks Interview bei der Münsterschen Zeitung eingekehrt war. Ich hatte bei der MZ einen Studentenjob und zufällig arbeitete ich an jenem Tag dort, als das Interview stattfand. Schnell machte die Nachricht die Runde, dass Udo Lindenberg im Hause sei. Nacheinander schlichen wir dann hoch, öffneten die Tür zum Redaktionsraum und erhaschten einen kurzen Blick auf den Sänger im Kreise der Redakteure. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass er, als die Tür unvermittelt aufging (ohne Klopfen natürlich) hochsah, und dann waren wir auch schon wieder verschwunden. Heute kann ich nur sagen: War das peinlich!! Aber Udo nahm es offenbar mit Gelassenheit.

 

Udo Lindenberg und Nina Hagen 2010 bei einem gemeinsamen Auftritt auf einem Kreuzfahrtschiff (Foto: dpa)

Udo Lindenberg und Nina Hagen 2010 bei einem gemeinsamen Auftritt auf einem Kreuzfahrtschiff (Foto: dpa)

Viele Schallplatten, Konzerte und Tourneen später, nach Auftritten mit nationalen und internationalen Künstlern wie Nena, Nina Hagen, Peter Maffay, Eric Burdon und David Bowie, nach zahlreichen Auszeichnungen wie dem Echo oder dem 1989 erhaltenen Bundesverdienstkreuz (für seine Bemühungen um die Verständigung zwischen Ost und West), nach durchfeierten Nächten und Alkoholexzessen in den Neunzigern, nach Kunstmalerei (seine Werke wurden u.a. im Haus der Geschichte in Bonn ausgestellt), nach einer Autobiographie (2004), einem Musical (Hinterm Horizont, 2011) und nach dem Schreiben unzähliger Liedtexte in metaphernreicher Sprache, die von privaten und zwischenmenschlichen, aber auch gesellschaftskritischen und politischen Themen handelten, wurde der Panik-Rocker am 26. Juli 2016 in seiner Geburtsstadt Gronau, der er immer verbunden blieb, geehrt: Der „verlorene Sohn“, wie er sich selbst bezeichnete, erhielt von Bürgermeisterin Sonja Jürgens vor dem rock’n‘popmuseum die Ehrenbürgerurkunde überreicht. Die Laudatio hielt sein alter Freund Otto Waalkes, der Lindenberg als „großen Schöpfer“ feierte.

Übrigens ist dies nicht die erste Ehrung, die Udo in seiner Heimatstadt erfuhr: Es gibt bereits einen Udo-Lindenberg-Platz, eine 26-Karat-Goldplatte an seinem Geburtshaus und eine Bronzestatue, die ihn mit erhobenem Mikrofon in kämpferischer Sangespose zeigt.

 

Udo Lindenberg - Album "Stärker als die Zeit" (Quelle: www.udo-lindenberg.de)

Udo Lindenberg – Album „Stärker als die Zeit“ (Quelle: www.udo-lindenberg.de)

Als Dank für die Ehrung gab Udo gestern Abend auf der Bühne der Gronauer Bürgerhalle vor 1500 Zuschauern ein Konzert. Für weitere tausende Fans wurde das musikalische Heimspiel draußen auf einer Großleinwand übertragen.

Schade, dass ich nicht dabei sein konnte! Aber nach der aufblasbaren Udo-Puppe, dem kurz erhaschten Blick auf den Deutschrocker bei der MZ in Münster und darauf folgender jahrzehntelanger Udo-Abstinenz sollte ich vielleicht klein anfangen und mir erst mal eine CD von ihm kaufen, denn seine Lieder von den letzten beiden Alben, Stark wie zwei und Stärker als die Zeit, die Platz 1 der deutschen Musikcharts erreichten, gefallen mir ausgesprochen gut. Und wenn ich mich dann so richtig eingehört habe, gehe ich auf ein Konzert von ihm. Und danach führe ich vielleicht, mit ganz viel Glück, ein Interview mit ihm für diesen Blog. Denn Udo ist cool – damals wie heute! Auch wenn er zwischendurch mal den einen oder anderen Durchhänger hatte (der Stern bezeichnete ihn als „versoffenen Nuschel-Clown der Neunziger“), so wurde er im neuen Jahrtausend – wieder O-Ton Stern – zum „Star der Republik“. Udo Lindenberg ist eben unverwüstlich – und ein echtes Phänomen!

 

Video „Rudi Ratlos“ (1976)

Birgit Hartmeyer

Birgit Hartmeyer

4 Kommentare

  1. Danke für den Bericht:
    Man konnte sich Udo nie so ganz entziehen und er gehört zu den wenigen deutschsprachigen Rockern, die ich ertragen konnte. Die Scheibe (wie es damals hieß) „Alles klar auf der Andrea Doria“ lief in einem kleinen Hühnerstall, der auch als Proberaum diente, rauf unter runter. Als Hartrocker fand ich zwar die Bläser immer arg gewöhnungsbedürftig und musste die ein oder andere Schnulze, die aber wiederum meiner Freundin gefiel, ertragen, aber ansonsten war er ein Musiker, der so erfrischend anders war als die singenden Gestalten, die man aus dem Abendprogramm kannte. Als Lindenberg im Telgter Kolpinghaus auftrat, bekam ich striktes Verbot von meinen Eltern. Der Grund: Er habe Groupies und würde „schlimme“ Texte singen. Vermutlich hatten sie das aus der Kirchenzeitung! In den 80ern hörte ich von inoffiziellen Bandproben im alten Jovel an der Weseler Straße in Münster. Die Bands sollten am nächsten Tag auf einer Großdemo auftreten. Es waren nur wenige Gäste anwesend. Eine der Bands war das Panikorchester mit Udo Lindenberg. Bei seinem Erscheinen auf der Bühne mit obligatorischem Hut traute ich dem Braten nicht so recht: Der schwarz gekleidete Mensch dort vorne wirkte unverhältnismäßig jung. Erst nach dem zweiten Stück wurde er abgelöst: Von dem richtigen Udo. Der erste war ein Double! Später am Pissoir stand plötzlich neben mir der Mann mit Hut: Ich bin mir ziemlich sicher, dass es diesmal der richtige war. Enttäuscht hat mich der Gronauer, als er in Zeitschriften und Plakaten für die BILD-Zeitung Werbung machte; es passte irgendwie nicht zu den sonstigen Aussagen in seinen Songs.
    Heute dreißig Jahre später habe ich immer noch ein Problem mit deutschsprachigem Rock und vor allem mit deutschem Gefühlspop. Als ich neulich das aktuelle „Plan B“ von ihm im Radio hörte, dachte ich: Ok, lass ich gelten! Udo geht irgendwie immer!

    • Danke für den ausführlichen Kommentar!
      Ich war damals auch nicht auf dem Konzert im Kolpinghaus (und wenn ich hingewollt hätte, hätten es mir meine konservativen Eltern garantiert auch nicht erlaubt!). Udo polarisierte eben – früher! Heute hören ihn ja sogar jüngere Generationen. Ich kann mich aber auch noch gut daran erinnern, dass er längere Zeit (v.a. in den Neunzigern) ziemlich out war und man sich eher lustig über ihn machte. Da ist es ihm wohl wie so vielen anderen Künstleren ergangen, die in jungen Jahren berühmt werden und dann mit dem ganzen Erfolg irgendwie nicht klar kommen, dann harte Drogen nehmen oder Alkoholprobleme bekommen (oder auch beides zusammen). Beispiele aus der jüngeren (Musik-)Geschichte gibt es ja genügende, die dann auch mal schlimmer enden (Amy Winehouse, Kurt Cobain u.a.). Udo hat da so gerade noch die Kurve gekriegt und alle Kritiker mit seinem 2008 erschienenen Album überrascht. Irgendwo las ich, dass er wie der sprichwörtliche „Phönix aus der Asche“ wieder auferstand! Ich finde es super, dass er jetzt wieder „ganz oben“ ist, denn er ist wirklich ein faszinierender Künstler (und allen Kritikern, die an seiner Stimme rummäkeln, kann ich nur sagen: Dann hört euch doch mal Grönemeyer oder Westernhagen an, oder – noch schlimmer – diese jungen Sänger der aktuellen deutschsprachigen Popmusik (Gefühlspop)! Udo, Herbert und Marius haben wenigstens noch das „gewisse Etwas“ in ihrer Stimme, das sie aus der Masse hervorhebt und einzigartig macht, während die „Sangeskünste“ der meisten heutigen deutschen Sänger, meiner Meinung nach, eher zu einem undefinierbaren Einheitsbrei mutieren, wo sich der eine kaum vom anderen unterscheiden lässt).
      Udo rockt – auch noch mit 70 Jahren! Und ja, der Panik-Rocker geht irgendwie immer!

      • Wie war das noch damals im Stück „Honky-Tonky-Show“? „…die Mutter sitzt zu Hause und guckt Krimi oder Quiz, und die Tochter ist da, wo die Action is…“ 🙂 Ich hätte sogar noch eine Zeitzeugin (meine Schwester), die damals mit Udo zusammen gearbeitet hat, als er DJ im Warendorfer „Insel Tanzkaffee“ war. Gott, waren das Zeiten … Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, der Nuschel-Clown war sogar mal bei uns zu Hause.

        • Interessant! Wusste gar nicht, dass Udo als DJ gearbeitet hat. Und mit dem Nuschelking auf dem Sofa sitzen – das hat schon was! 🙂 Trug er damals schon seinen Hut? 😉 (Während ich das hier schreibe, singt er übrigens im Hintergrund von der „Reeperbahn“ … allerdings nur auf CD 😉 )

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