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Ein Liebeslied, das keines sein sollte
Je t´aime ... moi non plus von Gainsbourg

 „Je t´aime“ war das Liebeslied meiner Generation, die Scheibe, bei der sich – im wahrsten Sinne – die Geschlechter rieben. Ein Nachruf auf ein Lied, das immer noch lebt.

 

Eine letzte Zigarette mit Serge

Wie die Welle kommt und geht (1)

Gehe ich, gehe ich und komme ich.

 

Grab Gainsbourg (Quelle schwarzaufweiss.de)

Grab Gainsbourg (Quelle schwarzaufweiss.de)

Je t´aime flüsterte mir meine Frau ins Ohr. Sie musste meine Ratlosigkeit bemerkt haben, als wir vor dem Grab von Serge Gainsbourg auf dem Friedhof Montparnasse in Paris standen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass sich mir die Bedeutung der Person Gainsbourg nicht sofort erschloss. Dichter? Sänger? Schauspieler? Irgendwie und irgendwoher kannte man seinen Namen. Man hatte ein Bild vor Augen. Zudem zierte ein gerahmter Cartoon das Grab. Beruhigend, glaubt man den Chroniken, dass es zu seinen Lebzeiten vielen Menschen außerhalb Frankreichs so ging. Sein Grab ist gespickt mit U-Bahntickets. Außerdem steht da ein von Zigarettenkippen überquellender Aschenbecher. Ein letzte Zigarette mit Serge; kaum woanders harmonieren Tod und Leben besser als auf diesem Friedhof. „Je t´aime“, dieses Liebeslied aus frühen Partyzeiten, brachte ich bisher eher mit Jane Birkin in Verbindung, doch langsam dämmert es mir, dass beide Namen auf dem leicht zerknitterten Plattencover standen, auf dem auch beide Personen in trauter Zweisamkeit abgebildet waren.

Vor kurzem lagen in unserem Postkasten ein paar gebrauchte Bücher, was keine Seltenheit ist, da wir mit einer Bücherkiste auf unserer Fensterbank schon mal die Menschen beglücken. Eines dieser Bücher: Serge Gainsbourg – für eine Handvoll Gitanes von Sylvie Simmons. Ein Freund hatte die Bücher dort eingeworfen. Sein Kommentar: „Ich dachte, das wäre was für euch!“ Und tatsächlich las ich die Biografie, obschon mich Lebensläufe selten interessieren. Gainsbourg war zeitlebens ein Provokateur, der die Dreifaltigkeit Gitanes, Alkohol und Mädchen liebte. Vielleicht war es das, was mich reizte. Das Provokative!

 

Klammerblues

Du bist die Welle, ich bin die nackte Insel

Du gehst und kommst wieder rein

Zwischen meine Lenden

Die dreckige Platte (Quelle cdandlp.com)

Die dreckige Platte (Quelle cdandlp.com)

Je t´aime! Wie lange ist es her? Es muss 1972 gewesen sein, als ein unwesentlich älterer Freund die 1969 erschienene Single aufgetrieben hatte und sie im Partykeller auflegte. Wir Jungs saßen erst einmal ohne Mädchen in der Matratzenecke, unschlüssig, ob wir das, was da aus den selbstgezimmerten Boxen hächelte, schön finden sollten, oder ob es eher unter die Rubrik Merkwürdiges einzuordnen war! Da sangen Mann und Frau Unverständliches, da Französisches, und stöhnten zwischendurch, was sich in unseren pubertären Dunkelkammern einer klaren Deutung entzog. Es gab damals noch kein Youporn, mit dem man sich sextechnisch vorbilden lassen konnte; das bisschen notwendige Aufklärung stammte aus Erzählungen und Schmunzelerotik a la „Praline“. Stöhnen kam da bislang nicht vor und bei den Knutschereien und Fummeleien im dämmrigen Partylicht waren Liebesgeräusche nicht zu hören. Mann ahnte aber, dass Stöhnen zum ganz großen Liebeskino gehören musste.

Und dann Je t´aime mit Mädchen. Obschon damals eher Black Sabbath, Uriah Heep oder Sweet angesagt waren, störte sich niemand an der eher langweiligen Musik von Gainsbourg und Birkin. Man tanzte ganz nah zusammen, so nah wie möglich. Für uns Jungs der blanke Horror, denn Erektionen waren peinlich, aber andererseits ein Zeichen von Leben in der Hose. Und nach Möglichkeit war es stockfinster im Partykeller, da man bei diesem Lied Augenkontakt vermied. Der Engtanz, auch als Klammerblues und Schwofen bezeichnet, war bei diesem Lied ein intimer Vorgang, eine Art Vorahnung von einer Sache, die sich den bisherigen Erfahrungen entzog. Wie mir meine Frau später gestand, tanzte sie nach diesem Stück nur mit Jungs, die sie tatsächlich toll fand. Es war eben ein Liebeslied. Tanzen nach Je t´aime war eine Art Geständnis, ein leiser Wunsch, mehr zu wollen, aber noch nicht zu dürfen. Oder auch vielleicht zu können. Oder doch … als zu wissen?

 

Gainsbourg, ein Provokateur

Du bist die Welle, ich bin die nackte Insel D

u gehst und kommst wieder rein

Zwischen meine Lenden

Serge Gainsbourg (Quelle theredlist.com)

Serge Gainsbourg (Quelle theredlist.com)

Gainsbourg starb am 2. März 1991. Auch das war mir, als ich am Grab stand, nicht präsent. Man wunderte sich ja häufig, dass Personen, die eine gewisse Berühmtheit genießen, plötzlich ableben. Nachdem ich seine Biografie studiert habe, war es mir eigentlich schleierhaft, warum er mich nie mehr interessiert hat. Sicherlich, er war kein politischer Mensch so wie viele, die in der APO-Zeit von sich reden machten und meine innere Rebellion schürten. Aber seine Art zu provozieren und das Establishment durch den Kakao zu ziehen, ob es durch seine Songs oder sein extravagantes Leben geschah, hätte meine Sympathie erwecken können. Hätte!

Der französische Präsident Mitterand sprach bei der Beerdigung von „unserem Baudelaire und unserem Apollinaire“, beides große Dichter früherer Epochen. Gainsbourg hätte sich über diese Lobhudelei sicher gefreut, denn zeitlebens musste er stets dafür kämpfen, Anerkennung zu bekommen. Bekannt waren häufig eher die Interpretinnen seiner Lieder. Der Stil seiner Kompositionen ist noch heute für Bands wie z.B. Air inspirierend, die u.a. auch mit Gainsbourg´s Tochter Charlotte zusammenarbeiteten.

Serge, „…der aussah wie eine elegante Schildkröte, die man mit einem obszönen, kettenrauchenden Wolf gekreuzt hatte“ (2) war aber nicht nur Sänger, Songwriter und Gewinner des Grand-Prix-d´Eurovision, sondern auch „…Schauspieler, Regisseur, Drehbuchschreiber, begnadeter Filmkomponist, Fotograf, Künstler, Schriftsteller, Intellektueller, Populist, Provokateur, Clown, Gefühlsmensch, Liebhaber, Trinker und der Mann, der im Alleingang den französischen Pop befreite.“ (2) Er suchte seine Bestätigung vor allem durch den Skandal, beschrieb Jane Birkin einmal über ihren einstigen Lebensgefährten, „da er nicht so war, wie er sein wollte.“ (3)

 

Das Liebeslied einer Generation: „Je t´aime“

Ich geh raus und geh wieder rein

Zwischen deine Lenden

Und ich halte es zurück

Gaisnbourg Bardot (Quelle welt.de)

Gaisnbourg Bardot (Quelle welt.de)

Was die wenigsten wissen werden: Bevor „Je t’aime“ in der allseits bekannten Version mit Jane Birkin produziert wurde, gab es bereits ein erste Aufnahme mit Brigitte Bardot. Diese Version war weitaus länger und fiel wesentlich lasziver aus als der berühmte Nachfolger: „Vier Minuten und fünfunddreißig Sekunden voller Stöhnen, Seufzern und Bardots kleinen Lustschreien“ (2), was den Toningenieur William Flageollet veranlasste, die Situation im Tonstudio als „heavy petting“ zu beschreiben. Die Aufnahme erblickte allerdings zu dem Zeitpunkt nicht das Licht der Tonwelt, sondern verschwand in irgendwelchen Archiven, da Bardot Angst vor Skandalen hatte, womit sie sicherlich nicht falsch lag. Übrigens soll ihr damaliger Mann Gunter Sachs getobt haben.

Für Gainsbourg war dies kein Grund, die Produktion von „Je t´aime“ einzustampfen. Er fragte viele Frauen wie z.B. Marianne Faithful, mit denen er sich eine Neuauflage vorstellen konnte, bekam aber ausschließlich Absagen. Erst mit Jane Birkin fand er die geeignete Gesangspartnerin. Cineasten dürfte die frühere Bühnenschauspielerin aus dem für damalige Zeiten sehr offenherzigen Film „Blow Up“ des Filmemachers Michelangelo Antonioni bekannt sein.

Du gehst und kommst wieder rein

Zwischen meine Lenden

Und ich vereinige mich mit dir

Engtanz (Quelle 371Stadtmagazin.de)

Engtanz (Quelle 371Stadtmagazin.de)

Wie sollte man das Lied, das in England als „die dreckige Platte“ benannt wurde, jemanden beschreiben, der es noch nie gehört hat? Es ist „…eine schlüpfrige, fachmännisch gestreichelte Orgel, das orgastische Gestöhne einer Frau und eines Mannes und eine schwüle Weichzeichner-Melodie.“ Natürlich wurde über die Echtheit des Stöhnens von Birkin und Gainsbourg spekuliert. Umso enttäuschender war es zu vernehmen, dass die zwei getrennt voneinander in Aufnahmekabinen des Marble Arch-Studios in London standen.

Eine kleine Sequenz des Liedes mag den frankophilen, vor allem aber aufmerksamen Zuhörer aufhorchen lassen: Die Passage „Moi non plus“ bedeutet „mich nicht mehr!“ Diese Titelzeile ist auf einen Ausspruch Salvador Dalis zurückzuführen, der gesagt haben soll: „Picasso ist Spanier – ich auch. Picasso ist ein Genie – ich auch. Picasso ist Kommunist – ich nicht mehr.“ Gainsbourg verneinte, dass „Je t´aime“ ein Liebeslied sei. Das sahen und sehen heute noch viele Fans anders, schließlich sorgte der Song für unzählige und ungeplante Schwangerschaften. Wenn er schon kein Liebeslied ist, so inspirierte er viele Paare bei der Liebe. Mich übrigens auch!

 

Reaktionen

Je t´aime von Birkin und Gainsbourg (Quelle grupolipo.blogspot - Foto Gainsbourg)

Je t´aime von Birkin und Gainsbourg (Quelle grupolipo.blogspot – Foto Gainsbourg)

Man kann sich vorstellen, dass die Veröffentlichung nicht nur auf Gegenliebe stieß und bei der europäischen Moralfraktion für große Empörung sorgte. In Schweden und Spanien wurde es gar verboten, vielen Plattenstationen war es untersagt, „Je t´aime“ in den Äther zu schicken. In Frankreich selbst versuchte man das Problem zu lösen, indem man den Kauf erst ab 21 Jahren erlaubte. Selbstredend wurde es vom Vatikan in seiner Zeitung L´Osservatore Romano als Obszönität gebrandmarkt. Der Chef von Phonogramm in Italien wurde gar exkommuniziert! Man ahnte wohl nicht, dass dies den Verkauf nicht unwesentlich beeinflusste: Mehr als 6 Millionen Singles gingen damals über die Ladentische der Plattengeschäfte. Immerhin landete der Hit in Deutschland auf Platz 3, wo er sich 30 Wochen in der Hitliste hielt.

Vor kurzem habe ich mir das Lied noch einmal angehört, das in irgendwelchen Arsenalen schlummerte. Es übt immer noch einen gewissen Reiz aus, auch wenn „Je t´aime“ so gar nicht in meine üblichen Hörgewohnheiten passt. Aber auch über 40 Jahre später ist es mir in seiner Direktheit immer noch sympathischer, als all der kitschig-klebrige deutsche Gefühlspop, der schon morgens aus dem Radio wabert. Vielleicht ist es das, was einen Klassiker ausmacht.

Ich geh raus und geh wieder rein Zwischen deine Lenden

Und ich halte es zurück

Nein! Jetzt – komm!

 

  1. Deutsche Übersetzung des Songs
  2. Sylvie Simmons: Serge Gainsbourg – für eine Handvoll Gitanes. Heyne, 2009
  3. Quelle: laut.de
Arnold Illhardt

Arnold Illhardt

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