Der Kapitän hat das Schiff verlassen
Erinnerungen an Edgar Froese

Edgar Froese (Quelle: Ralf Roletschek, Wikimedia Commons)

Edgar Froese (Quelle: Ralf Roletschek, Wikimedia Commons)

Wien. Im Januar dieses Jahres starb Edgar Froese, Gründer von Tangerine Dream, im Alter von 70 Jahren. „Der Kapitän hat das Schiff verlassen“, wurde Froeses Sohn Jerome auf der Facebook-Seite der Band zitiert. Sein Tod sei „plötzlich und unerwartet“ gekommen, und erfülle ihre Herzen mit „unermesslicher Trauer“, schrieb die Band auf ihrer Webseite. Etwas Trost fänden sie einzig in einem Zitat von Froese: „Edgar sagte einmal: ‚Es gibt keinen Tod. Nur einen Wechsel der kosmischen Adresse‘.“

 

Die Gruppe feierte mit ihrem futuristischen Sound unter der Leitung von Edgar Froese weltweit Erfolge und veröffentlichte mehr als 130 Platten. Mit etlichen Alben, wie der Debüt-LP „Electronic Meditation“ (1970) und „Force Mayeur“ von 1979, schrieb sie Musikgeschichte. Sie war eine er ersten westdeutschen Musikgruppen, die 1980 im Palast der Republik in Ost-Berlin auftrat. Daneben produzierte Edgar Froese aber auch viele Solo-Alben, die heute in der Ambient-Musik nicht an Aktualität verloren haben.

Froese galt als einer der Mitbegründer der elektronischen Musik und im Speziellen der „alten Berliner Schule“, ein spezieller Stil innerhalb des Genres, der besonders heute in der elektronischen Musik wieder auflebt.

Neben Kraftwerk und Klaus Schulze zählt die Band zu den wichtigsten Vertretern elektronischer Musik aus Deutschland. Mehrfach wurden sie für den Grammy nominiert. Froese schrieb viele Filmmusiken, darunter auch die für den bekannten Schimanski-Tatort „Das Mädchen auf der Treppe“ (Titel des Songs: White Eagle).

In einem Gespräch im Mai 2014 mit dem Tagesspiegel sagte Froese über seinen Stil: „Meine Musik ist wie Homöopathie. Der Klang ist mein Botenstoff. Er will nur anstoßen, um dann in völliger Freiheit das auszulösen, was das Individuum an Möglichkeiten besitzt.“ Die Bezeichnung „New Age“ für sein Werk lehnte er strikt ab. Seine repetitiven Musikströme hätten zwar einen ähnlich langem Atem, und sie pflegten einen ähnlich ozeanischen Höreindruck. Doch für Froese sollte es nicht beim Klangbad bleiben. Denn wenn der Mensch im Uferlosen treibt, so die Hoffnung, kommen ihm letzte und große Fragen in den Sinn. „Ich will niemanden einlullen. Sondern eine Situation herbeiführen, die das System auf sich selbst zurückwirft.“

Für mich persönlich war Edgar Froese eines meiner großen Vorbilder, als ich in den Siebzigern begann Musik zu machen. Musik, die durch lange getragene Klangteppiche, Raum schuf für Gedanken, Bilder und Visionen. Bilder, die in der heutigen Musik nicht mehr vorhanden sind oder nur noch von einer immensen Gewalt geprägt sind. Er begann in einer Zeit, als die Musikelektronik die Szene revolutionierte und Musikinstrumente wie der Synthesizer, das analoge String-Ensemble und das Mellotron erfunden wurden, als Auftritte wahre Materialschlachten und riesige Schränke auf die Bühnen geschoben wurden und man unglaubliche Klänge aus ihnen hervor zauberte.

Edgar Froese war unbestritten einer der Gottväter dieses sphärischen Musikgenres, das viele deutsche Musikstile nach sich zog und sicherlich auch gewichtig in die Musikgeschichte eingehen wird. Während viele Tekknokraten, die erst viel später nach ihm auftauchten, ihre Musikstücke weitestgehend programmierten und glaubten, die Ursuppe der deutschen Elektronik geschaffen zu haben und es dabei aber nicht verpassten ihr Fähnlein nach dem kommerziellen Wind zu richten, ist Froese sich stets treu geblieben. Seine Musik, wie auch die seiner Mitstreiter Chris Franke, Peter Baumann, aber auch Klaus Schulze war der große Reset-Knopf, den jeder von uns brauchte, jeden Tag, um wieder zu sich selbst zu finden. Heute mehr denn je. Sie war die intonierte Droge dieser Zeit und die konsequente elektronische Fortführung des Psychedelic Ende der Sechziger und alles andere als marktgerecht.

Mit Edgar Froese verliert die deutsche Musikgeschichte einen wichtigen Wegbereiter dieses Musikstils. Wenn es stimmt, dass der Tod nur der Wechsel der kosmischen Adresse ist, dann hoffe ich, dass dieser musikalische Visionär irgendwann wieder in unserer Nachbarschaft ist.

 

www.tangerinedream.org

www.edgarfroese.com

 

 

Edgar Froese

 

Tangerine Dream – German TV compilation 1969/2005