Jäger der verlorenen Schriften
Die vergessene Kunst der Buchwidmungen

Ausstellung Buchwidmungen von Arnold Illhardt (Foto: Thomas Esche)

Ausstellung Buchwidmungen von Arnold Illhardt (Foto: Thomas Esche)

Marion und Arnold Illhardt können es nicht lassen. Jedes Buch, das sie in die Hände kriegen muss untersucht werden. Ihr Faible für das gedruckte Buch ist unübersehbar. Sie können nichts mit Schriften auf Tablet-Computern anfangen. „Ein Buch muss man fühlen und riechen“, so Arnold Illhardt. Die ersten Zeilen werden überflogen, vielleicht auch der Epilog. Doch danach suchen sie nicht.

 

Ausstellung Buchwidmungen von Arnold Illhardt (Foto: Thomas Esche)

Ausstellung Buchwidmungen von Arnold Illhardt (Foto: Thomas Esche)

Speziell die ersten oder letzten Seiten haben es ihnen angetan. Es wird geforscht, ob Widmungen zu finden sind. Wie viele es sind, die sie in der Zwischenzeit schon gesammelt haben? „Keine Ahnung“, erklärt Arnold Illhardt zu Beginn seiner Ausstellung, die jetzt in der Bücherei in Telgte bis zum 24. März zu sehen ist, auf der eine kleine Auswahl der gefundenen Widmungen ausgestellt wird. Irgendwann, so erklärt er, verliert man den Überblick. Doch sie suchen weiter und freuen sich über jede abfotografierte Widmung nebst Titel des Buches, die man ihnen zuschickt.

Doch es sollen weitere Ausstellungen folgen. Diese in der Bücherei, einem Ort der nicht besser hätte gewählt werden können, sei nur die erste. Und zu Beginn eröffnet Marion Illhardt die Ausstellung mit einer von ihrem Mann geschriebenen Kurzgeschichte, die deutlich macht, wieviel Kraft und dennoch unergründbares Geheimnis in diesen wenigen unikaten Worten zu liegen scheinen. Wer waren die Leute, die diese Widmungen verfassten? Was empfanden sie, als sie jene Zeilen niederschrieben, für jene Menschen, denen sie diese Bücher schenkten? An was erinnerten sie sich? Was waren ihre Wünsche und Hoffnungen? Manchmal sind Jahreszahlen zu erkennen und versprühen den Hauch einer Vergangenheit, die so lange vergessen liegt. Bilder werden wach. So ist das halt in Büchern … und auch Widmungen. Wer schreibt, der bleibt.

 

„Widmung von Karl“

von Arnold Illhardt

 

Die Gäste hatten sich verabschiedet. Ich räumte die Flaschen und Gläser weg. Wer kommt, der kommt, war das Motto jedes Jahr. Es kamen ein paar Freunde, Bekannte, Kollegen, ein normaler Geburtstag halt. Auf dem kleinen asiatischen Schrank lagen noch ein paar unausgepackte Geschenke. Ich schaue sie mir später in Ruhe an, pflegte ich stets zu sagen, wenn mir ein Gast etwas überreichte. Im allgemeinen Trubel fand sich oftmals nicht genügend Wertschätzung für die Präsente. Eine Flasche Wein, eine CD, ein Buch, damit konnte man mir immer eine Freude machen. Oder meistens jedenfalls. Dann hielt ich ein schlicht verpacktes Geschenk in schon vielfach genutztem Papier eingewickelt in den Händen. Ein Buch, ein Taschenbuch, das konnte man gleich erkennen.

Ein Klavier, ein Klavier meinte Karl beim Überreichen. Und ich erwiderte: Mutter, wir danken Dir. Der schon etwas betagte Loriot- Sketch. Karl und ich wiederbelebten ihn von Geburtstag zu Geburtstag. Keine Sorge, nicht bei Amazon gekauft, legte Karl noch nach, klopfte mir auf die Schulter, herzlichen Glückwunsch alter Sack (er war einen Monat jünger als ich) und ging zielsicher zum Bierkasten, der auf der Terrasse stand. Er wusste, dass ich Amazon ablehnte. Boykottierte. Monopol ist immer Mist! Neulich noch unterhielt ich mich mit einer Buchhändlerin. Wir müssen das Buch bestellen, sagte sie, als ich ihr meinen mal wieder ungewöhnlichen Wunsch nannte. Macht nichts, entgegnete ich. Besser sie bestellen es, als ich. Ich bestelle nichts bei Amazon. Sie schaute mich eindringlich an: Leider denken nicht alle so, sagte sie bedrückt. Wir wissen nicht, ob wir uns noch halten können, wenn das so weiter geht! Lometsch, einer meiner Lieblingsbuchläden in Kassel … Kölnische Straße, Ecke Wolfschlucht … hatte bereits schließen müssen. Die Buchhandlung konnte nicht mehr den übermächtigen Branchenriesen trotzen, stand später in der Zeitung!

Ich riss die mit Tesafilm gesicherte Verpackung auf. Das Papier war schon x-Mal genutzt, leicht rissig und wellig. Darin eine alte Suhrkamp-Version von Hermann Hesse: Das Glasperlenspiel. Aus irgendwelchen Gründen hatte ich es nie gelesen. Wir beide sammelten Bücher. Gute Bücher! Karl hatte sogar ein großes Regal auf dem Klo mit ausgewählten Erotikschinken. Beim letzten Geburtstag bei ihm hatte ich mich noch in „Die Weisheiten von Aspasia“ eingelesen. Ein in rotem Samt eingefasstes Buch. Klassische Liebeslehre … bis es von außen stürmisch klopfte.

Während Karl den Steppenwolf bevorzugte, war ich eher der Narziss-und-Goldmund-Typ. Darüber hatten wir uns schon zu Pennälerzeiten gestritten. Wir kannten uns vom Gymnasium. Irgendwann spielte Hesse keine Rolle mehr. Karl verschenkte dann andere Bücher: Canetti, Sartre und irgendwann mal Kerouac. Manchmal fand er die Bücher in Antiquariaten. Sie rochen dann etwas muffelig, eben wie alte Bücher. Karl kaufte Bücher nie einfach so, immer dachte er sich was dabei. Bücherramsch, Vielleserliteratur, wie er es nannte, gab es bei ihm nie.

Ich setzte mich, betrachtete das Buch. Glasperlenspiel, in dem nicht weniger als das Streben nach Wahrheit auf dem Spiel steht, eine Utopie … las ich auf dem Einband. Ich begann zu blättern, so als könne man sich so einen ersten Eindruck von dem Inhalt verschaffen. Und dabei hätte ich sie fast überschlagen: Karl´s Widmung. Karl verfasste immer Widmungen. Einer der letzten, der sich diese Mühe machte. „Alter Mann“, las ich dort. „Das Leben ist immer ein Suchen. Und das mag ich an Dir, dass Du nie aufgehört hast zu suchen. Das Leben ist ein Spiel, sonst nichts. Karl.“

Als ich Jahre später das Buch bei einem Umzug in den Karton packte, stieß ich noch einmal auf diese Widmung. Karl war vor drei Jahren verstorben. Viel zu früh. Krebs – verdammter Mist! Karl fehlte mir. Und ein bisschen verlegen verharrte ich bei seinen Worten, das Leben ist immer ein Suchen. Ich glaube, ich hatte es in den letzten Jahren etwas vernachlässigt. Spießig geworden! Er hätte es mir sicherlich gesagt, würde er noch leben. Eindringlich daran erinnert! So blieb mir nur die Widmung! Immerhin!

 

Alle Bilder der Galerie (Fotos: Thomas Esche):