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Visionärer Egoismus
Die Halbwertszeit kultureller Zusammenarbeit

Ich-3 (Foto: Thomas Esche)

Ich-3 (Foto: Thomas Esche)

Immer wieder schließen sich Künstler und Kulturschaffende in visionären Kulturgruppen, wenn auch oft nur temporär, zusammen. Doch birgt diese Zusammenarbeit gerade unter kreativen Menschen gewaltigen Zündstoff.

 

Ich-1 (Foto: Thomas Esche)

Ich-1 (Foto: Thomas Esche)

Wenn Künstler sich in Kulturvereinen, Kooperativen und Gruppen mit so wohlklingenden Namen der Zeitgeschichte wie „Blauer Reiter“, „Zero“, und andere zusammenschließen, dann ist dies sicherlich nicht nur dem primären Wunsch nach mehr Aufmerksamkeit und der damit verbundenen Anerkennung ihrer Kunst- und Kulturwerke geschuldet. Fast ausschließlich sind sie zuerst einmal von dem Gedanken getrieben, etwas epochal Neues zu schaffen, das ihren Namen trägt und aus welchen Gründen auch immer nur in einer Gemeinschaft zu realisieren ist.

Teamarbeit bedeutet aber auch, Kompromisse einzugehen. Doch für Künstler, deren Kunstwerk einmal mehr Ausdruck ihrer selbst ist, verkörpert dieser Kompromiss einen Rückschritt. Viele von Ihnen sind oft so bodenlos und selbstverliebt abgehoben, dass eine Zusammenarbeit mit ihnen zur Zerreißprobe wird. Sind solche Egomanen überhaupt zur Gruppenarbeit fähig? Und wie sollte das zusammen Schaffen aussehen, damit am Ende etwas Sinnbringendes und für alle Beteiligten gleichermaßen Expressives herauskommt?

 

Hetero oder Homo?

Zuerst einmal fragt man sich, ob der Schöngeist nicht ohnehin der Nährboden ist, auf dem so viele introvertierte Selbstdarsteller gedeihen können? Sicherlich liegt es zu einem großen Teil daran, dass dort keine Grenzen für Ausdruck und Darstellung gesetzt sind und somit einen schier endlosen Raum für geistige Befreiungsschläge aller Art bietet. Die Möglichkeiten dieses Infinitives werden jedoch von vielen Betrachtern, Zuhörern und/oder Lesern oft nicht erkannt. Und sicherlich kann man hier und da bei näherer Betrachtung durchaus auch zu der objektiven Erkenntnis gelangen, dass so mancher Künstler tatsächlich in einem künstlerischen Flachland grast und es dort nichts zu erkennen gibt, außer der eigenen Vision, die eben nur vom Künstler selbst geteilt und erkannt wird.

Doch so heterogen die schöngeistigen Schaffensstränge oft sind, werden sie von Außenstehenden oft als gleichartig empfunden. Für viele Unwissenden ist der Maler eben nur ein Maler, wie jeder andere auch. Das ist natürlich nur eine sehr simple Betrachtung, die aber aufzeigt, dass Welten zwischen der eigenen künstlerischen Wahrnehmung der Kulturschaffenden und der durch alle Übrigen liegen. Dass diese lapidare Diagnose des „schnöden Fußvolkes“ damit die narzisstische Persönlichkeitsstörung der Künstler, aber auch den tiefen Graben zwischen ihnen vergrößert, ist abzusehen. Das hat häufig zur Folge, dass diese Wahrnehmungen auf beiden Seiten oft weit übers Ziel hinausschießen.

 

Ich-2 (Foto: Thomas Esche)

Ich-2 (Foto: Thomas Esche)

Ich oder die erste Geige

Nun kann man aber nicht selten auch den Eindruck gewinnen, dass sich Kreativität, Schöngeist und ein gewisses Maß an Wahnsinn gerne vermählen und damit aus der Kunst- und Kulturszene zahlreiche narzisstische Soziopathen in die Öffentlichkeit geschwemmt werden, denen für ein wenig Aufmerksamkeit keinerlei Tabus, Überschreitungen und Fehltritte heilig sind.

Die Symptome hierfür sind so vielfältig, wie die Blätter im Herbst bunt. Ein selbst überschätzendes Gefühl der eigenen Bedeutung und die Überzeugung, nur von besonderen Menschen und Institutionen, die gerne auch oft mit der Tageslaune wechseln, verstanden zu werden. Häufig geht dieses Selbstbildnis einher mit einem eklatanten Mangel an Empathie und dem Verlangen nach übermäßiger Bewunderung.

 

Studio (Foto: Thomas Esche)

Studio (Foto: Thomas Esche)

Der Selfie-Made-Müllionär

Oftmals sind es nicht nur wirklich anerkannte Künstler, die sich solchen Marotten hingeben, sondern auch jene, die sich selber gerne als Künstler sehen und gesehen werden wollen. Auch sie zählen zu dieser Spezies, die sich täglich unbewusst immer wieder in Dankpreisungen für die Erfindung des Smartphones mit einer Frontkamera verlieren, erschmeichelt ihnen diese neuerliche Technologie doch die Möglichkeit, regelmäßig das Profilbild mit bedeutungsschwangerem Gesichtsausdruck und/oder sinnbefreiten Bildern nebst epischer wie unpassender Überschriften zu Wetter, Umfeld oder Nahrungsaufnahme in den sozialen Medien zu aktualisieren oder sich in akademischer, das Kinn stützender Pose und gen Himmel blickend, zu präsentieren, als versuche man gerade dort den eigens gewähnten, riesigen Schatz an Wissen zu kartographieren. Dem metaphorischen Striptease sind keine Grenzen gesetzt. Meistens jedoch sind diese Ergüsse sinnentleert und offenbaren einmal mehr, dass es nur um die blanke Selbstdarstellung geht, weil es oft genug mit einem unterschwelligen Minderwertigkeitsgefühl einhergeht. Diese Zeitgenossen stehen aufgrund ihrer prostituierten Inhaltslosigkeit weit hinter wirklichen und ernst zu nehmenden Künstlern zurück, deren Allüren bestenfalls wie nervige Accessoires wirken.

Philosophieprofessor Byung-Chul Han sieht vor allem in sozialen Medien den Grund dafür, dass „sich immer mehr Selbstdarsteller in den Vordergrund drängen, weil die mediale Verwertungskette eben für Innerlichkeit und Einkehr keinerlei Verwendung hat. Dieser Neoliberalismus züchtet konformistische Gesellschaftszombies heran, deren narzisstisches Ich sich im Leerlauf befindet. Angesichts der inneren Leere versucht man vergeblich sich selbst zu produzieren, was natürlich nicht gelingt. Allein die Leere reproduziert sich.“

Aber sind alle Künstler, wie auch diejenigen, die sie nachäffen, deswegen gleichermaßen krank und Außenseiter? Diese oft zu theatralisch herausgearbeitete Erscheinung lässt sicherlich ein fragiles Krankheitsbild vermuten. Doch legitimiert es dieses gockelhafte, absurde Auftreten?

Oder könnte es auch sein, dass diese neuen Technologien und Medien einfach nur ein weiteres Instrument der Emanzipation für Menschen sind, die sich selber am Rande der Bedeutungslosigkeit wähnen oder einfach nur dankbar darüber sind, in unzensierten Medien mit dieser oft grotesk anmutenden Selbstverherrlichung nur papageienhaft und übertrieben prominente Größen und Vorbilder nachäffen? Natürlich bieten ihnen diese Plattformen die Möglichkeit einer vorher nie erreichbaren Medienpräsenz.

 

Familienangelegenheit (Foto: Thomas Esche)

Familienangelegenheit (Foto: Thomas Esche)

Historische Betrachtung

Doch zurück zum Zusammenspiel von Künstlern und Kulturschaffenden in Kulturgruppen. Es wird Zeit, einen Blick in die Geschichte von Kulturgruppen zu werfen.

Die wohl für den Normalsterblichen bekannteste Kulturgruppe war sicherlich seinerzeit die Gruppierung „Der Blaue Reiter“ um Wassily Kadinsky und Franz Marc. Sie löste sich im Jahr 1914 vordergründig wegen der politischen Situation, aber auch wegen wachsender Diskrepanzen der Künstler untereinander, genau wie die „Neue Künstlervereinigung München“, aus der sie hervorgegangen war, nach nur zwei Jahren Existenz wieder auf.

Und auch die bekannte Düsseldorfer Künstlergruppe „Zero“ um Heinz Mack, Otto Piene und Günther Uecker, trennte sich 1966 nach fünf Jahren wieder. Und das eigentlich nur, wegen Unstimmigkeiten über eine von Piene, der mittlerweile in die USA gegangen war, geprägte Begrifflichkeit des neuen Idealismus, den seine beiden Gründungskollegen nicht mehr teilten. Es sind viele Jahre vergangen, bis sich die drei vor wenigen Jahren wieder zu einer kurzen Reunion zusammengefunden haben.

Doch extrem spannungsgeladen waren am Ende die Differenzen in der expressionistischen Künstlergruppe die „Brücke“ in Dresden. Sie wurde 1905 von den vier Architekturstudenten Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff gegründet. Den Schlusspunkt setzte 1913 Kirchner, der stets den Führungsanspruch der Gruppe für sich proklamierte, mit einer Schrift, in der er sich als wahres Genie der Gruppe sah und seinen Einfluss hervorhob. Unter einem Pseudonym verfasste er nebenbei zudem Kritiken über die Werke anderer Brücke-Maler, in denen er seine Mitstreiter beschuldigte, von ihm abgeschaut zu haben. Um diese Behauptung noch zu untermauern, datierte er sogar einige seiner Bilder vor.

 

Wetter (Foto: Thomas Esche)

Wetter (Foto: Thomas Esche)

Grenzen der Zusammenarbeit

So stellt sich also die Frage, ob eine produktive Gemeinschaft so diagnostizierter Exzentriker überhaupt möglich ist und wenn ja, wo denn die Grenzen dieser Zusammenarbeit liegen bzw. liegen sollten, damit nicht nur der Burgfrieden und der Respekt untereinander gewahrt bleiben, sondern auch eine sinnvolle Produktivität daraus entstehen kann, die allen dienlich ist?

Bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass für ein solches Zusammenwirken von Künstlern und Kulturschaffenden strikte Grenzen gezogen und eingehalten werden müssen. Kreative Menschen können und sollten sich nicht unterordnen und künstlerische Kompromisse eingehen, die sie ohnehin schon für sich selbst und ihre Kunstwerke oftmals in Kauf nehmen müssen, weil ihre Ideen häufig genug auf die nackte Wirklichkeit der bedingten (Un)Durchführbarkeit treffen. Aber eben diese Grenzen und nicht eingehbare Kompromisse sind schon ein Widerspruch in sich und offenbaren das eigentliche Dilemma. Der Dissens zwischen dem Ich und der oft ‚unverständigen‘ Gruppe.

In Gemeinschaftsprojekten müssen Künstler ihren uneingeschränkten Freiraum haben, für dessen Ausfüllen sie sich nicht rechtfertigen müssen. Diese Grenzen dürfen nicht überschritten oder gar eingerissen werden. Denn das führt zum Scheitern des gesamten Projektes und stellt die Teamfähigkeit jedes einzelnen Beteiligten letztendlich in Frage.

 

Der Mediator

Wäre ein Kuratorium für ein Projekt also eine medial treuhänderische Institution, die Wogen glätten könnte und alle Beteiligten zum gewünschten Ziel führt? Bedingt. Eine kuratorische Zensur wird von den einzelnen Künstlern ohnehin leider oft nur als eine Art Casting-Show und persönliches und häufig unverständig unqualifiziertes Diktat empfunden und ist und bleibt eine selektive Sicht, auch wenn akademisch fundiert bzw. erläutert, und ist nicht unbedingt sinnbringend für das veranschlagte Projekt und dessen vorgesteckter Rahmen. Ganz zu schweigen davon, dass es Kunst in eine Ebene hebt, die von vielen als elitär empfunden wird. Besonders dann, wenn Kuratoren sich selbst als erlesene Gottheiten sehen und ihre temporäre Berufung nur noch als Chance für eine selbstreferenzielle Beweihräucherung und Vermarktung wahrnehmen, und vor allem glauben, das veranschlagte Projekt vor dem Hintergrund ihrer eigenen Vergangenheit und Ausbildung in eigene Bahnen lenken zu müssen. Für Künstler wiederum, die diese Zensur ‚überstehen‘ und weiterkommen, ist es die Chance, dass es ihrem von der ‚schnöden Außenwelt‘ nur als Gekritzel wahrgenommenem Werk die Aura der wirklichen Kunst verleiht, wo keiner sonst Qualität erkennt.

 

Pause Alaaf (Foto: Thomas Esche)

Pause Alaaf (Foto: Thomas Esche)

Egokratie

So wird schließlich deutlich, dass in solchen gemeinsamen Projekten aber auch Gruppen Egomanen und Selbstdarsteller, egal in welcher Position, kontraproduktiv sind. Denn jedes sich in den Vordergrund stellen bzw. Überschreiten der Grenzen ist den anderen Kulturschaffenden gegenüber unterdrückend und vielleicht sogar beleidigend oder gar verletzend. Außerdem macht es auch wenig Sinn, unter Gleichgesinnten auftrumpfen und einen Führungsanspruch behaupten zu wollen, es sei denn, man verfolge damit nur die Ruhigstellung des schon erwähnten eigenen Minderwertigkeitsgefühls. Daher hat ein Leithammel hier nichts verloren, denn die Egokraten von selbstherrlichen Gnaden sind der berühmte Sand im Getriebe für die gemeinsame Kreativität. Getreu dem Motto: „zu jedem Pott passt ein Deckel“ sollten sie sich besser auf ihrer eigenen Bühne austoben, vor dem kleinen überschaubaren Kreis ihrer Bewunderer, anstatt immer und überall die erste Geige spielen zu wollen.

Es sind die verschiedenen Formen der Eigen- und Fremdwahrnehmung, die hier wie Feuer und Eis aufeinandertreffen. Selbstdarsteller stoßen besonders dann unangenehm auf, wenn ihre Anekdoten flach sind und eher zum Fremdschämen einladen und man sich an die berühmte Spinne in der Yucca Palme erinnert fühlt oder sie herrschsüchtig, versucht akademisch und gequält eloquent undurchdringbare und inhaltsleere Monologe halten, in denen sie sich verdeckt eigentlich nur selbst feiern und oft wiederholen, wie eine Schallplatte, die einen Sprung hat, nur um andere nicht zu Wort kommen zu lassen. Zu gerne hören sie sich selbst reden.

Fazit: Unter dieser Betrachtung scheint eine temporäre Teamarbeit unter Künstlern mit klar definierten Arbeitsteilungen und Grenzen legitim. Mehr aber auch nicht. Personen mit übermäßigem Führungsanspruch und zu stark ausgeprägter Selbstverliebtheit stehen sich nicht nur selbst im Weg, sondern fördern auch den Zwist in der Gruppe und sind verantwortlich für ihren Verfall und für das Scheitern von Projekten.

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