Leere im Kopf
Wenn die Kreativität zu sterben droht

Kreativität (Quelle: huffington-post.com)

Kreativität (Quelle: huffington-post.com)

 

Kreativität kann man nicht erzwingen, auch wenn manch ein Soziologe der Meinung ist, man könne die Schaffenskraft mit allgemein gültigen Regeln beflügeln. Die vielen Lebensläufe und Erfahrungen so mancher Künstler zeichnen aber ein anderes Bild. Manchmal droht der Stillstand.

 

Kreatives Chaos (Quelle: faz.net / dpa)

Kreatives Chaos (Quelle: faz.net / dpa)

Wahre Professionalität

Der wirkliche Profi steht auch dann auf der Bühne, wenn zu Hause die Welt auf dem Kopf steht. Man sollte sie neidlos bewundern. Wenn Menschen in der Öffentlichkeit ihre bezahlten Jokes reißen oder die Hupfdohle herunterspulen und man durch die Medien weiß, dass das private Leben nicht im Lot oder gar vor dem Abgrund steht. In der Tat gibt es natürlich auch jene, die diesen Umstand bewusst medienwirksam einsetzen. Doch sind sie die Minderzahl. Den meisten Menschen fällt es schwer, kreative Gedanken zu entwickeln, wenn sich im privaten Umfeld Dramen abspielen, Freunde oder Partner abwenden oder einfach eben alles nicht rund läuft. Der Punkt, an dem alle immer wieder mal denken, es komme wieder alles auf einmal. Selbst in der täglichen Arbeitswelt ist man davor nicht gefeit. Der Maler hat es da sicherlich einfacher. Abgeschieden von der Öffentlichkeit, die ein Scheitern des Kunstwerkes verfolgen und ihn dafür diskreditieren könnte, braucht er nur in seinem Atelier auf den glücklichen Moment der Eingebung zu warten. Dieser kann zu jedem Augenblick kommen oder auch nie, entsprechend der eigenen mentalen Verfassung. Was zählt, ist letztendlich nur das Resultat. Danach werden Künstler beurteilt. Ist das Ergebnis aber eine Darbietung auf öffentlicher Bühne, muss sie und man funktionieren, egal wie man sich fühlt. In manchen Situationen wird man zum Roboter und beginnt, sich zu prostituieren.

 

Motor Anerkennung

Doch wer glaubt, dem Künstler ginge es nur um das Geld, dass er mit seinem Kunstwerk verdient und er müsse sich in schlechter Gefühlslage einfach nur hinter seinem „Produkt“ zurückstellen, damit es klappt, hat das Leben nicht verstanden. Wer keinerlei positives Feedback für seine Arbeit erhält, verkümmert. Wie auch in der täglichen Arbeitswelt ist neben der monetären auch eine mentale Anerkennung essentiell wichtig für Motivation und Zusammenarbeit. Es ist der Motor, der die Triebfeder dieser Schaffenskraft in Gang hält. Wer das nicht erkennt, hat vielleicht bisher Glück gehabt und immer ausreichend Streicheleinheiten bekommen oder legt keinen Wert auf das Zusammensein und die Zusammenarbeit mit anderen. Doch gerade für Künstler, deren „Produkt“ mehr Ausdruck ihrer selbst ist als in der normalen Arbeitswelt, die den Olymp der Kreativität besteigen, ist dieser Applaus, das Schulterklopfen für Geleistetes oftmals viel wichtiger, als der trotzdem nicht unwichtige Geldschein, der ihr Überleben sichert.

 

Kreativität Psychologie (Quelle: zeit.de / Naila Schwarz - Photocase)

Kreativität Psychologie (Quelle: zeit.de / Naila Schwarz – Photocase)

Der freie Fall ins schwarze Loch

Doch was ist, wenn die Leistung nicht an- und erkannt oder gar mit Ignoranz und Respektlosigkeit begegnet wird? Die Gründe hierfür können mannigfaltig sein. Das reicht von meistens fehlendem Sachverstand bis hin zu persönlichen Hintergründen. Letzteres ist zwar niederträchtig und eigentlich nur Ausdruck fortgeschrittener Dummheit, Dinge nicht auseinanderhalten zu können, ist aber in unserer Gesellschaft durchaus üblich, wenn die Argumente fehlen und eine tiefe Abneigung besteht und man Persönlichkeiten nachhaltig beschädigen oder gar zerstören möchte. Doch für die obere Kaste des Schöngeistes sind solche Urteile im Besonderen die der Ignoranz und der Respektlosigkeit verletzend. Denn sie treffen überaus sensible Menschen, die mit filigranen Konstrukten unsere Welt sinnbringend bereichern. Für Künstler jedoch sind solche Urteile vergleichbar mit dem niemals endenden Fall in ein schwarzes Loch. Solche Menschen ziehen sich zurück. Sie sind irgendwann nicht mehr präsent. Oder es passieren gar Unglücke. Zu tief sitzt immer noch der Schock über den Selbstmord von Robin Williams.

Aber gibt es überhaupt ein adäquates Urteil über Kunstwerke? Sicherlich das eine: es gefällt mir oder eben nicht. Damit können Künstler leben. Man kann es halt nicht immer jedem recht machen, und über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten. Doch niemals das Urteil: es ist schlecht. Denn das würde voraussetzen, dass man das Konstrukt in seiner ganzen Tiefe, also auch der künstlerischen Freiheiten, versteht und der Meinung ist, das Thema sei verfehlt. Hier ist der Zuschauer, Zuhörer, Leser, Betrachter in der Pflicht einer genauen Prüfung, bevor er sich ein (öffentliches) Urteil erlaubt und packt nicht einfach seinen Geschmack in versucht sachverständige Worte.

 

Doch wie funktioniert es, kreativ zu sein?

Wie aber kann man die eigene Kreativität, trotz negativer Torpedierung oder Ignoranz, in Gang halten und evtl. fehlende Anerkennung kompensieren? Stillhalten und abwarten, bis der eigene Genius irgendwann mal erkannt wird, ist dabei genauso falsch wie das Betteln um Applaus, das Marc Bolan von T.REX mal seinerzeit auf einem Konzert in Amerika gemacht haben soll. Wer sein Handeln in Sachen Kreativität aber mal genau analysiert, wird feststellen, dass es oft davon geprägt ist, etwas zu kreieren, von dem man glaubt, andere würden es gerne sehen (hören, …) und jemanden dafür wertschätzen. Der normale Menschenverstand sagt einem aber schon, dass diese Vorgehensweise schon im Ansatz falsch ist, da bei dieser Ausrichtung nur wunschgemäß reproduziert wird. Wirkliche Künstler glänzen durch epochale Innovationen, auch wenn diese nicht auf Anhieb erkannt werden. Daraus lässt sich folgerichtig der Schluss ableiten, dass ein gewisses Durchhaltevermögen notwendig ist und vor allem Authentizität.

Aber es ist nicht der wesentliche Faktor. Wer immer nur links und rechts schaut, was andere machen, um dort noch rechtzeitig hechelnd auf einen Zug aufspringen und im Strom derer mitschwimmen zu können, die vermeintlich Erfolg haben, um wenigstens ein kleines Stück vom großen Kuchen ergattern zu wollen, oder immer nur auf Freunde und Bekannte hört, die von tollen und weltbewegenden Kulturereignissen berichten können, lähmt sich selbst bis zur Unbeweglichkeit und wird am Ende nichts schaffen. Zu viel Inspiration kann auch schädlich sein. Es verhindert das eigene Träumen, etwas Eigenständiges und Authentisches zu schaffen. Und nur darauf kommt wirklich an.

 

Kreativität (Quelle: euroforum.de)

Kreativität (Quelle: euroforum.de)

Loslassen

Dabei ist die Lösung hierfür so einfach wie genial. Loslassen. Einfach nur loslassen. Zu oft und zu lange kleben unsere Gedanken an fixen Ideen, die wir vielleicht auch schon in geselliger Runde als die epochale Erkenntnis kundgetan haben, weil wir Stunde um Stunde darüber grübelten und kein „Aber“ mehr zuließen, das unsere eigene Überzeugung hätte ankratzen können. Solche Gedanken behindern uns aber in unserem weiteren Werdegang, machen uns blind und unbeweglich für Veränderungen, die notwendig sind, damit Träume gelebt werden können. Loslassen. Auch wenn es die eigenen geliebten Ideen oder Passionen sind. Auch die besten Freunde oder ein Sicherheitsnetz, das unseren Lebensstandard sichert. Loslassen. Denn wenn man nicht lernt, sich von Lebensabschnitten zu verabschieden und immer nur schönen Zeiten nachtrauert, diese immer wieder neu aufzukochen und zu toppen versucht, bleiben Impulse für die Zukunft aus bzw. werden nicht erkannt. Manchmal, auch wenn es wehtut, muss man einfach mal loslassen.