Bilderguckers Epilog
Joan Mitchell - Retrospective. Her Life and Paintings

Joan Mitchell (Quelle www1.wdr.de)

Joan Mitchell (Quelle www1.wdr.de)

Im Museum Ludwig in Köln wurde eine Retrospektive über das Leben und die Werke der wenig bekannten Künstlerin Joan Mitchell gezeigt. Eine Auseinandersetzung mit dem Gesehenen und dem abstrakten Expressionismus der „Frau unter den Wilden“.

 

Joan Mitchell Plowed - Field (Quelle paintersonpaintings.com)

Joan Mitchell Plowed – Field (Quelle paintersonpaintings.com)

Ich bin ein Kunstgucker, ein Bilder-Nerd. Ach, den Ausdruck gibt’s noch nicht? Dann wurde er soeben erfunden. Angetrieben und fantasieverliebt goutiere ich – bevorzugt mit meiner Frau – Ausstellungen, stürze mich in Bildergetümmel und Farbexplosionen. Picasso sagte, „Kunst ist dazu da, den Staub des Alltags von der Seele zu waschen“. Wie wahr! Befinde ich mich in einem Museum, dann ist es immer auch ein Vergessen, sicherlich in Wirklichkeit ein Verdrängen. Eine Oase inmitten eines kakophonischen Alltags und aktuell fern von politischen Versumpfungen und Exkrementierungen. Ich stand neulich in Koblenz vor einem Werk von Anselm Kiefer. Es hatte so eine brachiale Wirkung auf mich, dass ich es gerne genommen hätte, um es all den momentanen Humanheuschrecken um die Ohren zu schlagen.

Köln, Museum Ludwig im Februar. Bevor wir uns in die Turbulenzen einer Abendveranstaltung begeben, besuchen wir die Ausstellung „Joan Mitchell Retrospective. Her Life and Paintings“. Das Museum Ludwig ist ein Koloss, ein Tempel der Kunst; man braucht Muße und Ausdauer, um alle Räume und Winkel zu durchforsten. Ich fühle mich ein wenig an die Aufgeregtheit eines Kindes in einem Spielzeugladen erinnert.

Kunstgucker bedeutet nicht zwingend, dass man auch den Sachverstand mitbringt, um beispielsweise Impressionismus von Expressionismus unterscheiden zu können. Das überlasse ich gerne den selbsternannten und tatsächlichen Experten. Nein, ich tauche lieber ein in die Bilderwelt, lasse mich verwirren und umgarnen. Farben, Kompositionen oder Abmischungen sind mir wichtiger als die kunstgeschichtliche Zuordnung. Kunstgucken ist wie Cannabis-Rauchen. Wenn der Stoff gut ist!

Joan Mitchell (Quelle arthousefilmsonline.com)

Joan Mitchell (Quelle arthousefilmsonline.com)

Joan Mitchell? Wir hatten vorher noch nie von dieser Künstlerin gehört. Es ist auch nicht ganz einfach, im Vorfeld Informationen über die „Frau unter den Wilden“ zu finden. Mitchell sei eine ab­s­trak­te Ex­pres­sion­is­tin, lautet eine kunststilistische Zuordnung. „Alkohol und freie Partnerwahl, das war das Credo schon in den amerikanischen 1950er Jahren, und dazu doch recht beeindruckende, düster-gestische Übungen auf sehr großen Malgründen. Die für sie eben auch Abgründe waren, auf denen sie ihre persönlichen Traumata bearbeitete, arrangierte, ausagierte.“ (Deutschlandfunk vom 13.2.2015). Solche Worte machen neugierig, den Psychologen, der in der freien Wildbahn eigentlich keiner sein will, gleichermaßen, wie den Wildmenschen in mir. Bürgerliche Konventionen sind wie abgestandene und matschige Erbsensuppe. Man bzw. in diesem Fall frau möge mich provozieren.

Was drücken eigentlich Museumswächter in Uniformen aus? Achtung vor der Kunst? Sie sind die letzte Bastion des Behördlichen und Vernünftigen, bevor man Zutritt ins Fantasiakunstland gewährt bekommt. Ab nun gelten die Selbstbefreiungskräfte. Ich kann mir bei Museumsbesuchen selten verkneifen zu hinterfragen, ob den Hütern abends wohl die Füße vom Rumstehen schmerzen. Aber vielleicht ist es gut, dass sie da sind, denn bei den großformatigen Bildern von Mitchell möchte man ständig zupacken, anfassen, berühren, Farben tasten. Zack, einen auf die Finger. Nur mit den Augen anfassen!

Die US-amerikanische Malerin wurde 1925 in Chicago, Illinois geboren und starb – wo wohl – 1992 in Paris. Sie studierte Bildende Kunst in den Staaten, lebte dann später in Frankreich, wo sie auch den kanadischen Maler und Bildhauer Jean-Paul Riopelle kennen und offensichtlich auch lieben lernte. Beeinflusst wurde sie von Van Gogh, Cezanne, Matisse und Kandinsky. Mitchell gilt als Vertreterin des Abstrakten Expressionismus, womit sich der Gunstgucker nun doch gezwungen sieht, sich schlau zu machen.

Joan Mitchell (Quelle dayoftheartist.com)

Joan Mitchell (Quelle dayoftheartist.com)

Der Abstrakte Expressionismus der noch vor dem zweiten Weltkrieg zeitlich zu verorten ist, lässt sich als Gegenbewegung zu Konstruktivismus, Realismus und geometrischer Abstraktion sehen. Kennzeichnend sind zum einen eine gestisch-expressive Handschrift und eine dynamische Pinselführung, zum anderen chromatische Farbfeldmalerei (Color Field Painting). Die Bilder der Farbfeldmaler zeigen klar organisierte Farbräume, die eine ruhige und meditativ anmutende Wirkung entfalten. (Quelle: kettererkunst.de) Ruhig? Meditativ? Mir düngt, meine Wahrnehmung war eine andere!

Je abstrakter die Kunst wird, desto mehr wird sie Kunst, soll der österreichische Schriftsteller Robert Musil mal gesagt haben. Wenn der Ausdruck Kunst etymologisch von „können“ stammt, fragt sich der Kunstnovize natürlich: Was hat diese „Kleckserei“ mit Können zu tun? Mitchell genoss eine klassische Ausbildung und hat sich wie so viele Künstler irgendwann von dem Gegenständlichen entfernt, hat sich in ihrem Malstil losgelöst von Natur und realen Gegenständen. Sie hat die Wirklichkeit hinter sich gelassen und stattdessen bildimmanente Kunstwirklichkeiten geschaffen. Je mehr man in das Leben der Künstlerin einsteigt, desto mehr Hinweise erhält man, wie sehr ihre Farben und Formen eine andere Wirklichkeit abbilden: Ihre Innere. Der westfälische Künstler Wilhelm Morgner, der zeitgleich in Münster ausgestellt wird, beschrieb sein Malen mit dem Satz: „Ich will mein Ich in Form und Farbe kleiden…es ist ein Weiterschwingen meines Ich´s, etwa wie der Schall, der von irgendeinem Instrument erzeugt wird.“ Folgt man Mitchells Aussagen in einem Video, das im Museum gezeigt wird, bekommt man einen Eindruck, dass diese Frau kein unkompliziertes Ich besaß. Genau das drücken die Farbkompositionen aus. Sie nutzt alles, was inspirieren kann: Musik, ein Gedicht, Scotch, reden mit den Hunden, die mit ihr malen. Und wie mir scheint, ist sehr viel Scotch im Spiel gewesen.

Joan Mitchell - Köln 16 (Foto M. Illhardt)

Joan Mitchell – Köln 16 (Foto M. Illhardt)

Betrachtet man die z.T. sehr großen Gemälde, die vor allem deswegen entstanden, weil die Künstlerin zeit ihres Lebens weitsichtig war (einfache Erklärung für große Dinge!), stellen sich viele Fragen: An welcher Stelle der Leinwand fängt sie an zu malen? Welche Farbe trägt sie zuerst auf? Was entscheidet, welche Farben sie wählt? Die Bilder wirken ähnlich und doch wieder ganz anders, wenn nur eine Farbe fehlt. Ich will aufrichtig sein, wenn es einem nicht nach Schwarz ist, soll man auch kein Schwarz benutzen, so Mitchell. Man muss diese Frau im Kontext der Zeit sehen: Es war damals noch nicht üblich, so gegenstandslos zu malen. Schon gar nicht als Frau; da erwartete man vermutlich eher Blumen- und Landschaftsbilder. Doch die Künstlerin machte sich nichts aus solchen Denkschablonen. Obschon sie von damals bekannten Größen in der Kunst geschätzt wurde, so lehnte sie es stets ab, sich damit zu brüsten. Dieses Revolutionäre in ihren Bildern und in ihrem Leben faszinierte mich „Und doch bleibt immer die leere Stelle, das Schwarz, das überall auftaucht, als kleiner rabenhafter Fleck auch in den letzten, den scheinbar altersheiteren, gartengleichen Kompositionen der bereits krebskranken Malerin.“ (Deutschlandfunk)

Genau mit diesem Mischgefühl aus Erheiterung, Inspiration, aber auch Verwirrung und Nachdenklichkeit verlassen wir die Ausstellung. Vermutlich sind die Cafes in den Museen dafür da, seine Gedanken zu sortieren, so wie ein zerknittertes Hemd glattzustreichen, und dann raus in die Wirklichkeit. In diese kalte Wirklichkeit am Kölner Bahnhofsvorplatz.

Arnold Illhardt

Arnold Illhardt