Vom Cuadrado zum Rodando
Der „Chico de los Balcones“ über La Palma und seine Auswanderung

El Chico de los Balcones La Palma (Foto: Thomas Esche)

El Chico de los Balcones La Palma (Foto: Thomas Esche)

Heiko Bartsch ist spätestens seit dem WDR-Reisemagazin „Wunderschön“ als „Chico de los Balcones“ von La Palma bekannt und seither ein beliebtes Fotomotiv. Wir haben uns mit ihm getroffen und über die Insel, Gott und die Welt gequatscht.

 

El Chico de los Balcones La Palma (Foto: Thomas Esche)

El Chico de los Balcones La Palma (Foto: Thomas Esche)

Die Balkonbepflanzungen auf La Palma haben eine lange Tradition. Inzwischen ist die Pflege dieses Balkonschmucks in den Händen eines nach La Palma ausgewanderten Deutschen. Der Gärtner Heiko Bartsch, der mittlerweile weit über die Grenzen der kanarischen Insel La Palma als der „Chico de los Balcones“ (der Junge der Balkone) bekannt ist, wird inzwischen gerne durch die Medien gereicht und mit spontanen Anfragen für Selfies mit Urlaubern auf der Straße bombardiert. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob er auf meine Interviewanfrage überhaupt reagieren würde.

Doch es kommt anders, und es ist schließlich eines der Interviews, die gleich zu Beginn deutlich machen, es läuft alles ganz anders, als man denkt. Und eigentlich ist mir das auch ganz lieb so, kenne ich mich doch im Garten und mit Pflanzen überhaupt nicht aus. So habe ich Heinz-Peter gefragt, ob er nicht doch mitkommen möchte, damit das Gespräch im Fluss bleibt, wenn dieses Thema vertieft wird. Denn er ist darin deutliche bewanderter als ich. So dachte ich, meine Fragen dann noch dazwischenschieben zu können. Allerdings bin ich mir nur nicht ganz sicher, wie Heiko auf Fragen reagieren würde und sie überhaupt ernst nähme, wie beispielsweise: Wie hälst Du es denn mit den Geranien? Ich bin hin- und hergerissen, ob Heinz-Peter diese Frage als Vorschlag ernst gemeint hatte.

Als wir Heiko dann in Santa Cruz treffen, hat er sich extra für uns in seinem Arbeits- und mittlerweile auch Medien-Outfit drapiert. Schon als wir die ersten Worte miteinander wechseln, wird klar, die unerschütterliche Frohnatur, die im Fernsehen herüberkam, ist authentisch. Und irgendwie überlege ich die ganze Zeit amüsiert, ob er auch das Zeug zu einem „Chancy Gärtner“ von La Palma hätte, der eines Tages zum politischen Vertreter aller kanarischen Inseln konvertieren könnte. Denn reden kann er und hat offenbar immer etwas zu erzählen.

 

El Chico de los Balcones La Palma (Foto: Thomas Esche)

El Chico de los Balcones La Palma (Foto: Thomas Esche)

Erzähl ein bisschen, wie war das damals, als Du nach La Palma kamst?

Angefangen hatte alles im betreuten Wohnen in Berlin, wo ich auch schon als Gärtner gearbeitet habe. Dort hatte ich von einer Bewohnerin die Telefonnummer von einem Gärtner hier auf La Palma bekommen, mit der Bemerkung, er sei genauso verrückt wie ich. Ich habe mit ihm telefoniert und war dann drei Mal jeweils für zwei Monate hier gewesen, und schon nach dem zweiten Mal war klar, dass er einen Nachfolger suchte. 2008 saß ich dann im Flieger auf dem endgültigen Weg hierher und habe geheult wie ein Schlosshund und mich gefragt, was ich da nur angestellt habe. Aber ich sagte mir: Komm, Du probierst es aus, und wenn es nicht klappt, gehst Du wieder zurück. Die Option hätte ich mit meinem alten Arbeitgeber gehabt.

Mit dem Gärtnern hat es dann aber anfangs leider nicht geklappt. So habe ich erst in einem illegalen Restaurant gekellnert, das wir dann aber anschließend offiziell als Essensclub angemeldet haben. Doch nach und nach sprachen mich immer mehr die Kunden des Gärtners, der mich ja hergelockt hatte, an, dass er immer unzuverlässiger wurde. Schlussendlich hatte er dann doch aus persönlichen Gründen aufgehört, und ich konnte die Kundschaft von ihm übernehmen und habe damit meinen Job hier gefunden.

 

Wann in Deinem Leben war klar, dass Du Gärtner werden wolltest?

Ich habe schon mit drei oder vier Jahren zu meiner Oma gesagt, dass ich Gärtner werde. Diesen Wunsch habe ich stets beibehalten. In der Schule war ich zielgerichtet faul gewesen. Für den Gärtnerberuf braucht man nun wirklich keine besondere Ausbildung. (schmunzelt breit)

 

El Chico de los Balcones La Palma (Foto: Thomas Esche)

El Chico de los Balcones La Palma (Foto: Thomas Esche)

Du bist mittlerweile durch die Medien ja ziemlich bekannt geworden. War „Wunderschön“ der ausschlaggebende Moment?

Ja, das kann man so sagen. Danach war ich in diversen Magazinen abgebildet, und aktuell ist meines Wissens auch noch was im ADAC Reiseführer. Es passiert schon häufiger, dass mich Leute auf der Straße ansprechen und ein Foto mit mir machen wollen. Ich find es okay. Manchmal sind die Leute sogar ein bisschen verrückt. Ich kann irgendwelche Empfehlungen geben, und die Leute kaufen das. Nach der „Wunderschön“-Sendung wollten plötzlich alle Leute dieses kleine Gartenset haben, das ich Andrea Grießmann für den „Wunderschön“-Rucksack geschenkt hatte, obwohl es das für drei Euro in jedem China-Laden gibt. Aber man muss wissen, dass es im Fernsehen auch ganz viel Verarsche gibt. „Wunderschön“ wurde vor drei Jahren gedreht, aber erst vor zwei Jahren ausgestrahlt und danach noch drei Mal wiederholt. Noch krasser war der „ZDF-Fernsehgarten on Tour“, die zur gleichen Zeit hier waren. Die haben die Bettentürme und die weißen Strände auf Gran Canaria gedreht und sind hier wandern gewesen und erzählten dann im Fernsehen, wie toll La Palma doch ist, und dass hier einfach alles vorhanden sei, was man sucht. Anschließend haben mich Freunde angerufen: „Hey, Du hast doch gesagt, dass es auf La Palma keine Bettentürme gibt. Du hast uns belogen!“ Das war dann noch ein bisschen Aufklärungsarbeit.

 

Theater Santa Cruz de la Palma (Quelle: la-palma24.info)

Theater Santa Cruz de la Palma (Quelle: la-palma24.info)

Verändert der Tourismus La Palma?

Es heißt, es sind derzeit 15 % mehr Touristen hier, als seinerzeit. Dabei muss man natürlich den Zeitraum von 2009 an berücksichtigen. Denn da wurde der Flughafen vergrößert. Und die Kreuzfahrtschiffe kommen ja auch erst seit wenigen Jahren. Die sind aber jedes Mal nur ein kurzer Heuschreckenbefall, weil die Reedereien ja die meiste Kohle lieber an Bord machen möchten.

Das mag sich bestimmt irgendwann ändern. Aber nein, La Palma ist und bleibt erst noch einmal die Landwirtschaftsinsel. Hier gibt es fast ausschließlich Bananenplantagen. Auch wenn ‚Chiquita‘ die Weltherrschaft der Bananen an sich gerissen hat. Aber die palmere Banane erreicht Deutschland gar nicht erst. Denn sie ist zu klein und zu schrumpelig, auch wenn sie gut schmeckt. Ein Teil geht aufs spanische Festland und einer auf die anderen Kanareninseln. Und der verbleibende Rest wird einfach ins Meer gekippt oder anderweitig entsorgt. Das ist schade, aber es geht nur um die EU-Subventionen. Denn ohne die wäre die Arbeitslosigkeit hier deutlich höher.

Doch im Augenblick tut sich bemerkenswertes. Denn eine Reihe von Plantagen walzen ihre Felder platt und bauen plötzlich Avocados an. Die sind im Moment der Hype, weil diese nicht nur gegessen werden. Denn Kern und Schale können noch in der Beauty-Industrie weiterverarbeitet werden. Da ist wirtschaftlich mehr Luft nach oben.

Aber La Palma hatte auch einmal eine richtige Blütezeit. Die liegt jedoch lange zurück. La Palma war 1805 nach Paris der zweite Ort in Europa, der Strom hatte. Da wurde in der Charité noch bei Kerzenlicht operiert. Hier war der größte Hafen, von dem aus die Schiffe in die neue Welt nach Amerika fuhren. Es wurde hier im Hafen nachgeladen, bevor es auf die große Reise über den Atlantik ging. Schau Dir einfach mal das Theater in Santa Cruz an. Hier fragt sich so mancher aus Unwissenheit, warum hier in einer 15.000 Seelen zählenden Stadt, auf einer Insel, wo der Hund begraben scheint, ein solch großes Theater mit kleinen Separees vorhanden ist. Den Grund dafür findet man in dieser alten Zeit von vor 200 Jahren.

 

La Negra Tomasa (Quelle: wikimedia.org)

La Negra Tomasa (Quelle: wikimedia.org)

Rührt aus dieser Zeit auch der weiße Karneval mit der „Tomasa Negra“ auf La Palma?

Nein, das kommt aus einer Zeit, die noch gar nicht so lange her ist. Als es La Palma wirtschaftlich richtig schlecht ging, sind viele nach Kuba ausgewandert, weil sie dort Arbeit fanden. Nachher kamen sie als Wohlhabende in weißen Klamotten mit ihren schwarzen Dienstmädchen zurück. Und die Person der „Tomasa Negra“ hat dies schon als junger Mann begleitet. Anfangs sollen es nur vierzig Leute gewesen sein, die sich vor dem Rathaus mit weißem Puder überschüttet und auf diese Weise über die neureichen Rückkehrer aus der neuen Welt lustig gemacht haben. Mittlerweile ist es ein riesen Fest und das Aushängeschild von La Palma geworden.

 

Musstest Du eigentlich nach der „Wunderschön“-Sendung einige Deiner Balkonkreationen umgestalten, weil Du die Wohnungsinhaber durch ein Arrangement von fleischigen Pflanzen als fette Hennen geoutet hast?

(lacht) Nee, das brauchte ich zum Glück nicht. „Wunderschön“ schaut hier keiner, und die meisten meiner Kunden sind Spanier, die es nicht verstehen. Aber ich bin ganz froh, dass ich bei der Gestaltung der Balkone ziemlich freie Hand habe. Und ich mache es auch gerne immer entgegen, wie es im Buche steht. Wo alle immer sagen, das geht doch überhaupt nicht. Es ist mein Aushängeschild. Das sind dann so die kleinen, augenzwinkernden Spitzen, die man mitgibt, wenn man versucht, den Bewohner durch die Bepflanzung nach außen zu spiegeln. Noch vor Kurzem habe ich an einem Haus ein Arrangement mit Plastikpflanzen gemacht, was ja so gar nicht mein Ding ist. Aber ich dachte, es passt am besten, weil die Leute ein sehr aufgeräumtes, unkompliziertes und pflegeleichtes Leben führen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob echte Pflanzen dort nicht schon ein leidvolles Ende gefunden hätten.

 

El Chico de los Balcones La Palma (Foto: Thomas Esche)

El Chico de los Balcones La Palma (Foto: Thomas Esche)

Ich habe auf Deiner Webseite gelesen, dass Du eine Graugans namens Moneypenny hast?

Ja, ich komme ja selber vom Land. Eigentlich war das den Deutschen hier geschuldet, die ja nicht auf das deutsche Essen verzichten wollen. So habe ich mir überlegt, in die Gänseproduktion einzusteigen, weil ich auch den Platz dafür habe. Ich habe mir fünf Eier bestellt, aber nur eines ist ausgeschlüpft – Moneypenny. Doch für eine Gänsezucht braucht man natürlich auch noch einen Ganter. Doch James und Moneypenny konnten nicht so gut miteinander, wie es die Bond-Filme immer suggerierten. Und, oh Wunder, plötzlich wurde Moneypenny männlich.

 

Die Welt ist bunt. Transgender im Gänsestall?

Nein, wir haben es einfach nur nicht erkannt. Ich habe dann noch zwei Gänse besorgt und gehofft, dass es dann funktioniert und wieder Frieden herrscht, wenn jeder seine Frau kriegt. Doch das klappte leider nicht. James wurde immer aggressiver und hat auch mich schließlich angegriffen. Dann ist er den Weg durch die Bratröhre gegangen. Nun hat Herr Moneypenny zwei Frauen und ich endlich meine Ruhe.

 

El Chico de los Balcones La Palma (Foto: Thomas Esche)

El Chico de los Balcones La Palma (Foto: Thomas Esche)

Und, ist man nach neun Jahren hier auf La Palma „angekommen“ und ein echter Palmero?

Ein waschechter Palmero wird man sicherlich nur, wenn man hier geboren ist. Ich muss gestehen, mein Spanisch ist immer noch nicht perfekt, aber ich kann mich verständigen und ich verstehe auch die Leute hier. Ohne die Sprache geht es halt nicht. Der kulturelle Unterschied verschwimmt nicht so schnell, weil Deine Herkunft einfach bleibt. So passiert es mir immer wieder mal, dass ich von Palmeros zu meiner Meinung als Cuadrado (Quadratkopf), wie man die Touristen und insbesondere die Deutschen hier nennt, gefragt werde. Und ich sag dann immer: Hey Leute, ich bin mittlerweile einer von euch, genauso wie ihr ein Rodando (Rundkopf), vielleicht noch mit einer Ecke. Da spiegelt sich dann der Gedanke oder die Idee und gibt ein ganz anderes Licht auf den Sachverhalt und läuft nicht einfach nur stumpf im Kreis.

Tja, und nach all den Jahren und der anfänglichen Heulerei und Angst, es könne nicht klappen, mag man es nicht glauben, aber ich habe in der ganzen Zeit hier auf La Palma die Insel nur ein einziges Mal verlassen, als ich über das Wochenende nach Gran Canaria geflogen bin. Und im nächsten Jahr ist meine Emigration komplett durch. Dann bin ich ein kompletter Palmero, zumindest auf dem Papier.

 

balconesde.wordpress.com/

 

Alle Fotos der Galerie (Fotos: Thomas Esche / bis auf die letzten drei – Quelle angegeben):