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Steinharter Surrealismus
Der Bildhauer Jürgen Risse auf La Palma

Bildhauer Jürgen Risse (Foto: Thomas Esche)

Bildhauer Jürgen Risse (Foto: Thomas Esche)

Jürgens Leben rankt schon seit seiner Jugend um das Bearbeiten von Steinen. Sein Wissen ist fundiert und die Passion nach all den Jahren sogar noch gewachsen, obwohl sein Leben einen gewaltigen Einschnitt erlebte.

 

Bildhauer Jürgen Risse (Foto: Thomas Esche)

Bildhauer Jürgen Risse (Foto: Thomas Esche)

Es ist purer Zufall gewesen. Als wir nach unseren täglichen Ausflügen auf La Palma wieder auf dem Rückweg in unser Domizil in La Punta sind, fliegt plötzlich beim naturgesättigten Blick nach draußen ein kleines Hinweisschild an uns vorbei. „Bildhauerei“, frage ich. Ich sage, halt mal an und fahr ein Stück zurück. Tatsächlich: „Bildhauer Jürgen Risse“ und ich beginne anschließend zu Hause sofort im Internet zu recherchieren und werde fündig.

Natürlich schicke ich Jürgen Risse eine Mail mit Interviewanfrage. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten und ich bin gespannt. Und als ich ihn dann endlich, nach einmal vorbeifahren im Geäst der kleinen palmeren Landwirtschaftswege und unbeschilderten Einfahrten treffe, bin ich angenehm überrascht über dieses kleine Refugium kreativen Schaffens, irgendwo zwischen den Bananenplantagen in La Punta, nördlich von Los Llanos.

Jürgen selbst wirkt auf mich eher zurückhaltend, ja schon fast ein bisschen scheu. Seine Antworten sind zögerlich und sortiert und man hat den Eindruck, als würde er ständig über viele Dinge gleichzeitig nachdenken. Es wird deutlich, er ist Pragmatiker und redet eigentlich nicht viel.

 

Bildhauer Jürgen Risse (Foto: Thomas Esche)

Bildhauer Jürgen Risse (Foto: Thomas Esche)

Erzähl ein bisschen, wie bist Du zum Stein und letztendlich zur Bildhauerei gekommen?

Ich arbeite schon seit meiner Jugend als Steinmetz. Angefangen hat es schon im elterlichen Betrieb im Schwabenland. Doch dort war Pragmatismus angesagt. Meine Fähigkeiten im kreative Bereich habe ich selbst entdeckt und auch passioniert weiter ausgebaut. Der Hang zur eigentlichen Bildhauerei kam erst später. Anfang der 80er bin ich dann von zuhause weg und nach München gegangen. Dort habe ich dann zusammen mit meiner Schwester, die als Innenarchitektin tätig ist, exklusive Bäder gebaut. Damals in den 80ern und 90ern begann dieser große Trend. Das war für mich eine tolle Erfahrung und für den Steinmetz an sich eigentlich ein fremdes Gebiet. Sozusagen Kunst am Bau, Brunnenbau oder im weitesten Sinne die Verbindung von Wasser und Stein. Und parallel dazu fing bei mir schon damit die Bildhauerei an. Wir hatten schon einige Ausstellungen mit diesen Gebrauchselementen aber auch künstlerischem Schwerpunkt in München.

 

Waschbecken aus Marmor- und Granitstücken (Foto: Jürgen Risse)

Waschbecken aus Marmor- und Granitstücken (Foto: Jürgen Risse)

Ist es also Dein Traumjob?

Ja, auf jeden Fall. Doch der Traumjob darin ist langsam entstanden, nicht etwas, das auf einmal klick gemacht hat. Durch das ständige Lernen am Stein und vor allem der zunehmenden Kreativität, die ich umsetzen konnte, ist es immer mehr gewachsen. So habe ich mit auch steintechnisch kontinuierlich weiterentwickelt. Es ist eines meiner Spezialgebiete. Recycling am Stein ist beispielsweise dabei ein relativ neues Terrain und schon fast einzigartig in der Welt. Das heißt, aus alten Bruchstücken etwas Neues zu kreieren. Ich habe beispielsweise mal ein Waschbecken aus kleinen Marmor- und Granitwürfeln zusammengesetzt. Nachher bin ich von einer italienischen Firma angesprochen worden, die dieses Produkt gerne in Lizenz nachbauen wollte.

 

Wann bist Du nach La Palma ausgewandert und wie kam es dazu?

Das war eigentlich von heute auf morgen. 1986 hatten wir mal von der Firma aus einen Betriebsausflug hier nach La Palma gemacht. Ich war das erste Mal hier. Und dann 1999 bin ich dann sozusagen von Knall auf Fall nach La Palma. Ich habe alles in Deutschland aufgegeben und bin mit meiner Partnerin hier her ausgewandert.

 

Warum?

Es war mir einfach alles zu stressig geworden. Mir war bewusst, dass es ein gewaltiger Schritt war. Doch er war nötig. Ich weiß nicht, wo ich heute sonst wäre. Das große Problem im exklusiven Innenausbau war, dass es für den Steinmetz keine Ausbildung speziell für diese kreative Richtung gab. Das hatte zur Folge, dass man sich Mitarbeiter und Hilfskräfte selbst heranziehen und ausbilden musste, was sehr aufwendig und zeitintensiv ist. Da bedeutet dann schon eine kleine Macke im Produkt einen erheblichen Mangel und kann die Reputation ziemlich ankratzen.

 

Was machst Du dann hier auf La Palma? Wovon lebst Du?

Ich Prinzip mache ich hier das gleiche, weil man von der Bildhauerei eben nicht leben kann. Es gibt ein paar Auftragsarbeiten im absolut kreativen Bereich, die an öffentlichen Plätzen stehen. Aber sonst stehe ich auch hier, wie vorher in Deutschland auf dem Bau.

 

Aber was ist dann hier auf La Palma anders?

Hier habe ich nicht diesen erheblichen Termindruck. Das hängt oft mit Zulieferern oder Handwerkern anderer Gewerke zusammen, auf die man warten muss. Und wenn man dann mal eine Stunde oder einen Tag später kommt, ist es noch kein Drama. Dennoch versuche ich aber das deutsche Arbeitsniveau und die Qualität beizubehalten. Das zahlt sich in meiner vornehmlich deutschen Kundschaft aus. Und wenn man hier gute Arbeit macht, hat man immer zu tun. Das spricht sich rum. Unter- aber auch Überqualifizierung ist hier auf La Palma schlecht. Denn dafür bietet die Insel nichts. Sie ist mit knapp 90.000 Einwohnern dafür einfach zu klein.

 

Bildhauer Jürgen Risse (Foto: Thomas Esche)

Bildhauer Jürgen Risse (Foto: Thomas Esche)

Hat La Palma Dein künstlerisches Arbeiten verändert?

Ich habe lange einen Platz gesucht, wo man Staub und Lärm machen kann, wo es keine direkten Nachbarn gibt. So was zu finden, ist schwer hier auf La Palma. Ich habe lange in Puerto Tazacorte gewohnt, bei meiner Partnerin, die ich in ihrer Bäckerei und Konditorei in El Paso unterstützt habe und konnte dadurch erst wieder vor zwei Jahren richtig in die Bildhauerei einsteigen. Da habe ich dieses Anwesen gefunden. La Punta ist klasse, vom Klima her und genau passend für mich. Ich fühle mich sehr wohl. Und das beflügelt natürlich auch die Kreativität.

 

Du sagst, Du hast neue Steinverbindungen kreiert, die auch Deinen Stil unterstreichen. Wie würdest Du Deinen Stil beschreiben?

(Er überlegt einen Moment) Surrealismus. Komm mit, ich zeig Dir ein Beispiel. An dieser Figur arbeite ich schon recht lange. Wenn Du genau hinschaust, dann siehst Du, es ist jemand, der schweren Schrittes aus dem Meer kommt. Aber er ist nicht rein menschlich. Hier fließen viele Ideen mit rein. Eine besonders große Herausforderung war, in diesem weit aufgerissenen, an einen Fisch erinnerndes Maul diesen anderen Stein mit einzuarbeiten.

 

Bildhauer Jürgen Risse (Foto: Thomas Esche)

Bildhauer Jürgen Risse (Foto: Thomas Esche)

Bildhauer Jürgen Risse (Foto: Thomas Esche)

Bildhauer Jürgen Risse (Foto: Thomas Esche)

Was inspiriert Dich?

Zweifelsfrei die Natur. Ich habe bei der Arbeit oft das Verlangen, florale Dinge im Stein zu verwirklichen, ganz filigran, Dynamik und Bewegung umzusetzen, wie eben bei dieser surrealen Figur, die nicht einfach nur dasteht, sondern aus dem Wasser herauskommt. Wasser und Stein in Verbindung sind dabei für mich wichtige Elemente. Eigentlich ist für mich im Prinzip das ganze Leben inspirierend, von daher auch der Surrealismus, weil man es nicht eins zu eins übernehmen kann. Es lässt ganz viele Spielarten und Möglichkeiten zu. Das ist überaus inspirierend.

Es sind langwierige Prozesse, die mitunter auch Jahre dauern können. Da muss man dann auf die Eingebungen warten. Wenn sie nicht da ist, dann lieber weg mit dem Werkzeug und warten, sonst bringt es nichts.

Ach ja, und mein Sundownerplatz. (Er weist auf eine Leiter, versteckt hinter dem Haus. Über sie gelangt er auf die nächste Terrasse der Bananenplantage, in die das Anwesen eingebettet ist. Von dort habe er einen Blick über die Plantagen hinweg auf das Meer. Dieser Platz ist sein Heiligtum.) Denn es gehört auch meditative Ruhe zum Arbeiten und zur Inspiration. Kreativität kann man nicht erzwingen.

 

Bildhauer Jürgen Risse (Foto: Thomas Esche)

Bildhauer Jürgen Risse (Foto: Thomas Esche)

Gibt es besonderes Gestein auf La Palma mit dem Du arbeitest?

Nein, nur Basalt und Lava. Dort habe ich einen Basalt, an dem ich noch arbeiten möchte. Doch dieser Stein ist extrem hart und kann nur mit Diamantwerkzeugen und Nassschleifern bearbeitet werden. Das ist sehr aufwendig. Ich weiß noch nicht, was ich mit diesem Stein anstellen werde.

Ansonsten muss der Stein hierher transportiert werden. Hier habe ich beispielsweise junges Meeresgestein aus Apulien. (Er zeigt auf ein paar kleine Würfel auf dem Tisch.) Es sieht aus wie Sandstein, ist aber keiner, es ist reines Kalzium. Härtegrad 2 und von daher noch eben raspelbar und damit sehr gut geeignet für die Bildhauerkurse, damit man auch noch glatte Oberflächen verwirklichen kann.

 

Du machst aus Bildhauerkurse. Wie kam es dazu?

Das ist reine Passion. Ich möchte gerne die Begeisterung für das Arbeiten mit und am Stein weitergeben. Das Manko ist dabei leider natürlich, dass die meisten Leute, die für die Kurse herkommen, eigentlich die gesamte Insel besuchen und erkunden möchten und nicht zwei Wochen hier am Stück stehen wollen. So können solche Arbeiten und das Lernen eben nur beginnen. Manche, so wie Sabine hier, fangen mit ihren Arbeiten hier an, manchmal 5 Tage über den Urlaub verteilt und kommen dann im nächsten Jahr wieder und arbeiten weiter. Aber die Geschichte mit den Kursen wächst und es macht viel Spaß, das Wissen und die Fertigkeiten zu vermitteln. Es ist im Augenblich eine steigende Resonanz vorhanden. Ich biete Kurse ab drei Tage mit Transport nach Deutschland. Unter diesem Zeitraum lohnt es sich nicht wirklich. Es sind ganz unterschiedliche Leute aus verschiedenen Branchen und Lebensbereichen, die sich anmelden. Aber durchweg haben sie alle etwas gemein, sie trauen sich etwas zu.

 

Kannst Du Dir vorstellen, La Palma noch einmal zu verlassen, oder bist Du hier angekommen?

Ich möchte mein Leben gar nicht so auf einen Ort eingrenzen, und über eine solche Entscheidung habe ich mir gar keine Gedanken gemacht. Ja, sicherlich bin ich hier ein Stück weit angekommen, sodass mir dieser Gedanke etwas fremd erscheint.  Was ich mir vorstellen könnte, vielleicht noch mal wieder über Sommer nach Deutschland zu gehen und im Winter hier zu sein. Umgekehrt wird es, glaube ich, schwieriger, weil die Winter auf La Palma nicht so kalt sind.

 

Hast Du noch einen großen Traum oder eine Vision?

Ich würde gerne eine lebensgroße Skulptur schaffen. Aber das werde ich hier auf dem Anwesen nicht realisieren können, weil der An- und Abtransport unmöglich wäre. Es muss ein Ort sein, an dem ich noch mehr Staub und Krach machen zu könnte. Aber an Orten wie im Industriegebiet fühle ich mich einfach nicht wohl. Ich brauche die Natur und dieses florale Umfeld. Es ist essentiell. Sonst hätte ich auch in München bleiben können.

 

bildhauerkurse-la-palma.com

 

Alle Fotos der Galerie (Fotos: Thomas Esche):

2 Kommentare

  1. Hallo Thomas, ich sehe gerade das Du noch ein Bericht über ein Künstler auf La Palma geschrieben hast. Der ist ja auch in La Punta. Lebst Du auf La Palma?
    Viele Grüße
    Ann-Kathrin

    • Hallo Ann-Kathrin,

      nein, ich lebe nicht auf La Palma. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich das gerne möchte. Denn irgenwann endet der Urlaub, und dann beginnt auch an dem schönsten Ort auf der Welt der Alltag.

      LG Thomas

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