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Sag es durch den Stein
Im Atelier des Bildhauers Friedo Schange

Atelier Friedo Schange (Foto: Thomas Esche)

Atelier Friedo Schange (Foto: Thomas Esche)

Münster. Es hatte etwas von einem Familienausflug, als sich der überwiegende Teil der Telgter Kulturnomaden mit Auto und Motorrad auf den Weg machte, um den Mitnomaden Friedo Schange in seinem Bildhaueratelier in Münster zu besuchen. Eine gewisse Aufregung konnte man an diesem Abend bei Friedo nicht übersehen: „Ihr ward in meinem Wohnzimmer, in einer Art Intimsphäre“, gab er in einem späteren Interview zu bedenken. „Und ich war neugierig, was jeder nach dem Besuch über meine Arbeit dachte!“

 

Atelier Friedo Schange (Foto: Thomas Esche)

Atelier Friedo Schange (Foto: Thomas Esche)

Das Atelier des Telgter Künstlers hat auf den ersten Blick eine ungewöhnliche Lage, befindet es sich doch im Untergeschoss der psychiatrischen Klinik des Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). Doch dieser Standort erschließt sich, wenn man den Werdegang und die Arbeit des Bildhauers kennenlernt. Friedo, der seit 20 Jahren der Bildhauerei nachgeht, arbeitete in der LWL-Klinik zunächst als Fachpfleger für Psychiatrie. Als das Pflegepersonal vor vielen Jahren überlegte, wie man sich auch mit kreativen Angeboten bei der Betreuung der Patienten einbringen kann, lag der Entschluss natürlich nahe, mit den Menschen bildhauerisch zu arbeiten. Dabei war der Grundgedanke: Warum soll das, was mir gut tut, nicht auch anderen gut tun? „Durch die Therapie mit Stein“, so Friedo, „werden Gefühle zum Ausdruck gebracht, Spannungen gelöst. Abschalten. Es ist aber auch Raum da zum Wohlfühlen.“

Als Wohlfühlraum hatten sich die meisten Kulturnomaden das Atelier im Vorfeld nicht vorgestellt, vielleicht eher als staubigen Raum, in dem die Geräusche der Steinbearbeitung den Ton angeben. Tatsächlich gibt es auch einen solchen Werkraum, überfüllt mit diversen Steinarbeiten, Werkzeugen wie Fäustel und Spitzeisen, Skizzen und anderen Materialien, doch das Untergeschoss beherbergte auch eine gemütliche Sitzecke, eine Küche und ein Büro. Also doch Wohlfühlen? „Es ist dann etwas Wertvolles passiert, wenn die Leute ihren Alltagsstress draußen lassen können, eintauchen können. Manche Leute kommen auch noch nach vielen Jahren zu mir, auch nach dem stationären Aufenthalt. Sie haben einen Schlussstrich unter die Klinik, nicht aber unter die Werkstatt gezogen.“ Und häufig wird auch nicht gehämmert und gepickt, dann sind die Gespräche in der Sitzecke wichtig und vorrangig. In solchen Momenten zählt weniger der Künstler Friedo, sondern der Mensch Friedo als Zuhörer.

 

Atelier Friedo Schange (Foto: Thomas Esche)

Atelier Friedo Schange (Foto: Thomas Esche)

Friedo Schange entdeckte schon sehr früh seine Leidenschaft für kreative Prozesse und begann zunächst zu malen. Die Idee eines Kunststudiums wurde verworfen. „Das Leben verlief eben anders“, so Friedo im Interview. Nach und nach entdeckte er die Liebe für den Stein und es wurde immer klarer, dass dies sein Weg werden sollte. Was mit einer Sandsteintreppenstufe begann, wurde über Kurse und Seminare immer mehr perfektioniert. Eine sehr wichtige Rolle spielte dabei sein Onkel Josef Recker, der in Freckenhorst als Bildhauer tätig war. Auf die Frage nach Vorbildern in diesem Kunstgenre muss Friedo schmunzeln: „Meine Werke wurden mal mit den Objekten von Max Bill verglichen. Das war zwar sehr schmeichelhaft, allerdings kannte ich den Künstler zu dem Zeitpunkt gar nicht.“ Vielmehr orientiert sich Friedo an Formen und Bewegungen, die er sowohl bewusst, aber auch unbewusst wahrnimmt. “ Allein in der Natur gibt es viel Bewegung“. Dass sich Friedo von der Malerei abwandte, hatte letztendlich mit einem Schlüsselerlebnis zu tun, dass ihn bei der Bearbeitung von Steinen bewegte: „Wenn du in die Fläche eines Steins hineingehst, erzeugst du eine Dimension. Man holt Flächen raus, die tatsächlich da sind, die man fühlen und tasten kann.“

 

Atelier Friedo Schange (Foto: Thomas Esche)

Atelier Friedo Schange (Foto: Thomas Esche)

Immer mehr bildete sich eine gewisse Linie bei seinen Werken heraus. Waren es anfangs noch figürliche Formen, mit denen er bestimmte Dinge darstellen wollte, faszinierte ihn mit der Zeit zunehmend, sich in den Stein hineinzuversetzen, „so als wolle man gedanklich hindurchkriechen.“ Nicht die Oberfläche war mehr wichtig, also ob ein Stein besonders glatt geschliffen war, sondern das Ziel des Arbeitens lag eher darin, Bewegung zu schaffen. „Die Form denke ich mir vorher aus“ beschreibt Friedo seine Vorgehensweise, „während dies früher eher im Prozess des Hauens entstand. Die Formen werden immer komplizierter, daher überlege ich ständig: Wo läuft der Schwung lang? So entstehen Erfahrungswerte, wie man den Stein zu nehmen hat.“ Dabei hat jeder Stein sein eigenes Geheimnis, aber auch eine gewisse Logik. Vor allem wenn man so dünnwandig arbeitet, wie Friedo Schange. Das Überschreiten der Grenzen, die der Stein diktiert, ist der Weg – Leichtigkeit das Ziel! Dieser Satz auf seiner Homepage bringt das Konzept der bildhauerischen Prozesse auf den Punkt.

Friedos Werke waren schon in zahlreichen hochkarätigen Ausstellung zu bewundern und in Wadersloh verewigte sich der Künstler mit einer Skulptur mit dem Titel „Rahmen“. Es wäre ihm zu wünschen, dass auch in Telgte bald „ein Schange“ eine Bleibe findet. Bei vielen seiner Skulpturen entdeckt man als Betrachter Formen, die man mit der Faszination des Weglassens beschreiben könnte. Obschon es sich bei den Objekten um äußerst schweres Material handelt, scheinen sie durch die bildhauerische Formgebung beinah zu schweben. Und so stelle ich mir manchmal vor, dass Friedo auf einem Schemel vor einem seiner Werke sitzt, in der ihm eigenen Ruhe eine Zigarette raucht, dabei Neil Young hört und davon träumt, dass seine Steine eines Tages abheben.

 

www.friedoschange.de

 

Die gesamte Bildergalerie des Kulturvisite (Fotos: Thomas Esche):

Arnold Illhardt

Arnold Illhardt

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