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Die Mythologie des Minas Vlaxos
Der bekannteste Künstler der griechischen Insel Karpathos

Wandmalerei von Minas Vlaxos in Othos (Foto by Arnold Illhardt)

Wandmalerei von Minas Vlaxos in Othos (Foto by Arnold Illhardt)

Kyra Panagia (Griechenland). Der spröde Charme des Verfalls, das sind Worte, die mir bei unserem zweiwöchigen Aufenthalt auf der griechischen Dodekanesinsel Karpathos immer wieder in den Sinn kommen.

 

Minas Vlaxos

Minas Vlaxos

Wir laufen durch Städte, in denen jegliches Geräusch gestorben zu sein scheint, ein subtropisches Klima hat die felsige und bizarre Landschaft zum Teil unwegsam gemacht und die bei Touristen beliebten Orte scheinen sich komplett dem Fremdenverkehr verkauft zu haben, während manche Dörfer im Inneren langsam verfallen, da die Bewohner weggezogen sind. Die Tristesse in manchen Orten steht in einem völligen Widerspruch zu den kleinen Buchten und dem beinah schon unwirklichen Blau des Meeres. Man könnte meinen, diese raue und wunderschöne Insel müsste geradezu ein Eldorado für Künstler und Farbensucher sein. Doch die erhofften Ateliers sucht man auf Karpathos vergeblich. Man liest, die Insel sei in ihrem kulturellen Denken äußerst konservativ. Hier geht es eher um die Aufrechterhaltung von Traditionen. Eben griechische Folklore, was ja so mancher Tourist in jeder Taverne vermutet.

 

Bei unserem Bummel durch Pigadia, den Hauptort und wichtigsten Hafen der Insel, stoßen wir schon bald auf das Art Center, das leider zu diesem Zeitpunkt geschlossen hat. Mittagszeit! Schon von außen macht die Aufmachung des Gebäudes nebst Eingang ins Untergeschoss neugierig: Ein Konglomerat aus Wandmalereien, unterschiedlich angemalten Holzklötzen, die zu kleinen Fantasiestädten formiert sind oder Reliefs mit Frauenköpfen. Alles mutet sehr verspielt surrealistisch an. Noch erschließt sich uns nicht genau, was sich hinter diesem Art Center verbirgt.

 

Art Center Pigadia (Karpathos) by Arnold Illhardt

Art Center Pigadia (Karpathos) by Arnold Illhardt

Zweiter Anlauf. Das Atelier hat geöffnet und laute Klaviermusik dringt auf die Straße. Ein paar Stufen tiefer tauchen wir in eine andere Welt ein. Die Welt des in Griechenland sehr bekannten Künstlers Minas Vlaxos, den wir bald persönlich kennenlernen. Wie in Trance wandeln wir von Bild zu Bild, von Werk zu Werk. Minas malt auf allem, was sich ihm anbietet und nutzt dabei verschiedene Materialien wie Kohle, Bleistift oder Aquarell. Auf dem Boden liegt eine erotische Gipsfigur, ein gefallener Engel. Überhaupt liegt über vielen Werken ein Schimmer von Erotik, gepaart mit Mystik und Traumsequenzen. Und immer wieder scheinen Symbole und Sequenzen der griechischen Mythologie durch. Manche Bilder erinnern an psychedelische Plattencover.

 

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Wandmalerei von Minas Vlaxos in Othos (Foto by Arnold Illhardt)

Minas empfängt uns mit Handschlag. Seine Art vereinnahmt einen direkt: Wirres graues Haar, lebendige Augen; es würde einen nicht wundern, wenn er mal bei den Doors an der Gitarre ausgeholfen hätte. Gitarre nebst Verstärker stehen neben dem schwarzen, aufgeräumten Schreibtisch. Wie ein Derwisch tänzelt er leichtfüßig von Werk zu Werk, zeigt uns Nuancen, stellt Vergleiche an, weist uns auf verschiedene Wirkweisen der Bilder je nach Lichteinfall hin, setzt Farben in Szene. Selbst die Rahmen einiger Bilder sind von ihm in akribischer Kleinarbeit künstlerisch gestaltet. Er hält sich weder bei der Wahl der Materialien, noch was die Bildränder anbetrifft an irgendwelche Grenzen. Übermalungen gehören zu einem typischen Stilmittel des Karpathoten.

 

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Atelier/Art Center von Minas Vlaxos (Foto by Arnold Illhardt)

Seit 25 Jahren existiert dieses Atelier und man glaubt ihm, dass das künstlerische Arbeiten Herzenssache ist. Don´t take your dreams to the cemetery (Trage deine Träume nicht auf den Friedhof) steht weiß auf schwarz auf eine Pappe gekritzelt und seine Homepage www.minasvlaxos.weebly.com ist mit LETS TOGETHER CHANGE THE WORLD überschrieben, eine Vision, die bei meiner Urlaubslektüre über den Konvivialismus, ein Entwurf des Zusammenlebens ohne Macht, passender nicht sein könnte. Damit Kreativität entstehen kann, ist eine Vielfalt und Reichhaltigkeit an kognitiven und emotionalen Prozessen notwendig. Kunst passiert nur scheinbar zufällig und beiläufig. Minas Bilder strömen ganz viel Emotionalität aus. Ständen sie in mir bekannten deutschen Galerien, so würden sie zwischen all dem für Arztpraxen und Reduce-to-the-max-Edelappartements gemachten unterkühlten Hochglanzkram untergehen.

 

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Wandrelief in Othos von Minas Vlaxos (Foto by Arnold Illhardt)

Tage später machen wir mit dem Leihwagen einen Ausflug nach Othos, ein 280-Seelendorf in den Bergen. Hier lebt Minas Vlaxos, wie er auf seiner Homepage stolz präsentiert. In den beiden Tavernen des Ortes sind Bilder und vor allem Wandmalereien von Minos zu bewundern. Und das mit den Doors scheint, zumindest was seine Verehrung für Jim Morrison anbetrifft, nicht ganz so weit hergeholt zu sein, denn das Konterfei des Sängers dieser Kult-Rockband hängt von Minas psychedelisch in Szene gesetzt über der Theke und macht dieses bodenständige Kafeneo nahezu unwirklich. Übrigens beriefen sich die Doors auf ein Zitat von William Blakes, welches lautet: „Würden die Pforten der Wahrnehmung gereinigt, würde den Menschen alles so erscheinen, wie es in Wirklichkeit ist: Unendlich.“ Merkwürdig, dass mich dies wiederum an Szenen in Minas Bildern erinnert.

 

Wir erstehen übrigens ein sehr schönes Werk von Minas. Leider vergessen wir, ihn nach dem Titel zu fragen. Wir nennen es einfach Karpathos.

Arnold Illhardt

Arnold Illhardt

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