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Église en marche
Kirche einmal anders

Die Austritte aus unseren Kirchen gingen in den letzten Jahren aus vielerlei Gründen in die 100.000. Man müsste Kirche wieder in Bewegung bringen, Verkrustungen abbauen… Dazu stelle ich fünf wichtige, aber sicher nicht endgültige Überlegungen an.

 

Jean Paul Sartre wurde in eine sehr gestörte Familie hineingeboren. Plötzlich verschwand der Vater, seine Mutter hatte andere Interessen. Sein Großvater holte ihn in seine Familie. Dessen Erziehung(smethode) bestand aus Theaterspielen. Jean Paul liebte diese Spiele. Bestimmt hat er (wie auch Camus) seine Philosophie in Theater übersetzt (so mein Favorit: „Das Spiel ist aus“ von 1943). Das war Opas Erbe. Als der Großvater starb, war das für den Kleinen natürlich eine Katastrophe. Dazu schrieb er (in „Les mots“): Wenn es die Religion nicht schon gegeben hätte, hätte ich sie erfunden. Er galt als Atheist. Aber Freiheit und Liebe über alles schätzen – ist das Atheismus? Oder sollte man Sartre nicht eher zum Kirchenlehrer krönen?

Wenn ich das miesepetrige Gesicht sehe fällt mir Nietzsche ein ... Erlöster müssten mir seine Jünger aussehen - Aus einem Chorgestühl in der Abbaye de Fontenay (Foto FJ Illhardt)

Wenn ich das miesepetrige Gesicht sehe fällt mir Nietzsche ein … Erlöster müssten mir seine Jünger aussehen – Aus einem Chorgestühl in der Abbaye de Fontenay (Foto FJ Illhardt)

Mein Problem ist längst nicht so dramatisch wie das von Sartre. Natürlich ist Religion etwas, das viele Menschen haben, auch wenn sie keiner Glaubens­gemein­schaft, sprich Kirche, angehören. Deswegen die ungeheuerlichen Glaubenskriege – heute noch, z.B. in Syrien (Sunniten gegen Schiiten, beide gegen Christen und Juden wie Modernisten). Zurück zu mir! Kirche hindert mich oft, Religion zu leben. Besonders wichtig ist die für Kirche gelegentlich wichtige Harmoniesuche. Ich bin Mitglied eines recht guten Kirchenchores. Chor heißt nicht, mit Musik ummantelte Wörter produzieren, sondern Weg nach innen, Weg zur inneren Harmonie. Umso schlimmer ist für mich die Disharmonie in der Welt. Darum streife ich alles von der Kirche ab, was sie irreligiös macht.

Macron prägte das politikphilosophische Motto „République en marche“. Warum nicht auch „église en marche“, also „Kirche auf dem Weg“ oder „Kirche in Bewegung“? Dieser Begriff stammt von einem Expriester (J. Hochstrasser, NZZ 3.2.2018). Um es deutlich zu sagen: Nur eine Kirche, die auf dem Weg ist, hat Bedeutung und Daseinsberechtigung. Mein Verhältnis zur Kirche ist von Wut, Witzelei und Wehmut geprägt, Austreten geht nicht, drinbleiben auch nicht.

Von Kirche fällt da vieles weg: Dogmen, Moralgebote, Koalition von Thron und Altar, Unterdrückung, Entweltlichung als Weltfremdheit, Machtspielchen usw. Das alles hat mit Religion nichts zu tun und mit Kirche auch nicht. Denken wir auch an die Unfähigkeit der Kirche, aktuelle Probleme zu lösen: Laut einer theologischen (!) Dr.-Arbeit sind das Lösungen v.a. von Klimawandel, Sexualmoral, Wirtschaft und Gesellschaft sowie Konfliktlösungen. Was Kirche wieder religiös machen und sie reanimieren würde, wären – die Kirchen sehen das freilich anders, aber macht nichts! – folgende Punkte:

 

  1. „Moral par provision“

René Descartes prägte diesen Begriff. Man kennt ihn als großen Philosophen und Begründer der neuzeitlichen Philosophie. Er war aber auch Arzt, Truppenarzt im französischen Heer zur Zeit des 30jährigen Krieges. Egal, auf welcher Seite man stand: Schlimme Bilder prägten seine Weltansicht. Er erlebte, dass alles kaputt war, nichts mehr wirklich Bestand hatte und Gültigkeit besaß. Auf nichts konnte man sich verbindlich verlassen. Was ist mit den Regeln? Auch sie können keinen Bestand haben in einer Welt, die in Trümmern liegt. Deshalb findet er die „moral par provision“, sagen wir: provisorische Moral, so wichtig.

Eine provisorische Moral kennt keine langfristig gültigen Normen. Sie gelten nur so lange, wie sie hilfreich sind. In einer Zeit, wo alles drunter und drüber geht, helfen nur Regeln, die man schnell wieder ändern, verbessern oder sogar abschaffen kann. Das geht natürlich nur, wenn man weiß, warum sie gelten. Gegenwärtig ist ungeheuer viel im Fluss, ohne dass man wissen kann, wohin diese Entwicklung führt: Partnerschaften, Klima, Wirtschaft, Politik usw. Dann kann man auch nicht wissen, welche Norm dazu passt. In der kirchlichen Moral gibt es das nicht, es gilt nur, was eine lange, nicht unterbrochene Tradition hat. „Église en marche“?

Seltsam, viele misstrauen der Kirche – mit Recht. Aber ihre Struktur wurde von der Politik konserviert. Zwei Beispiele für eine kirchenähnliche Einstellung, auch wenn sie nichts mit Kirche zu tun hat. Viele (etwa AfD-Vorständler. Aber auch ihre Kritiker) meinen, dass sie die historischen und mentalen Hintergründe der NS-Gesetze ausreichend gut kennen, um sie auf Heute anwenden zu können. Ruckzuck, eine moralische Norm ist geboren, auch wenn sie falsch ist. Übrigens. NS und Hitler dürfen nicht zu Formeln verkommen wie das bekannte (K.-H. Leven) „schon die alten Römer haben…“

Oder Beispiel 2: Hassmails können nach 24 Stunden gelöscht werden. Ab wann ist etwas Hass? Hat jemand außer Heiko Mas schon Gedanken darüber verschwendet? Einige sind Hasskenner, andere stehen noch darüber und können beurteilen, ob das richtig oder falsch ist. Ein Gesetz ist geronnene Moral, sagt Bloch. Aber wenn es dazu noch keine Moral gibt? Dann geht auch das Gesetz in die Hosen. Armer damaliger Justizminister!

 

  1. Begleiter statt Vormund

Nach dem Dienst ging ich im Wald joggen, und lief und lief, aber die Dunkelheit holte mich ein. Es wurde stockdunkel. Mir blieb nichts anderes übrig als bergab zu gehen, um irgendwo und irgendwann ein Dorf zu erreichen. Gegen 23 war ich wieder zu Hause, aber meine Frau war noch nicht da, und ich konnte niemandem von meiner Angst erzählen.

Wenn jemand mitgejoggt wäre, hätte mir das geholfen? Angenommen, ich hätte einen Navi benutzt, hätte ich nicht das Gefühl des Sieges über Dunkelheit, Geräusche im Unterholz und Angst gehabt. Der Navi wäre mein Vormund gewesen, hätte genau gewusst, wo es langgeht und kluge Anweisungen gegeben. Nur ein Begleiter hätte mir geholfen, er hätte zwar genauso wenig gewusst wie ich, aber wir hätten die Angst gemeinsam besiegt. Das einzige, was wirklich hilft, ist die ständige Justierung der Gemeinsamkeit.

Was hat das mit Kirche zu tun? Viel. Wir brauchen Begleiter, nicht Vormünder, v.a. in Dilemmata. Was bekommen wir? Verbote. Deregulierung auch in der Kirche! Wäre schön. Aber geht das?

 

  1. Befreiung und Liebe als Hilfeschrei
K. Stuttmann: Politische Karikaturen. Schaltzeitverlag Berlin 2017. Druckerlaubnis des Verlags und des Autors

K. Stuttmann: Politische Karikaturen. Schaltzeitverlag Berlin 2017. Druckerlaubnis des Verlags und des Autors

Ich war und bin immer noch fasziniert von dem linken Philosophen Ludwig Feuerbach. Hassliebe verband ihn mit Marx. Feuerbach hatte einen schlechten Start in sein Leben. Er bekam die Vorlesungserlaubnis (Habilitation) in Philosophie und hätte beinahe den Lehrstuhl in Würzburg bekommen. Aber die evangelische Kirche verbaute ihm den Ruf, Denn er hatte sich gegen die kirchlichen Schriften zum Sterben stark gemacht und seiner Kirche „frommes Geschnuckel“ – auch eine Art verkrampfter Liebestechnik – vorgeworfen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als den Arbeitern in Industrie und Handwerk philosophische Vorlesungen anzubieten. Vermutlich ohne Erfolg.

Neben seinen politischen Arbeiten schrieb er viel über den Menschen und was ihn prägt. Wichtig war ihm die Befreiung von Autoritäten und Markt. Als prägend galt ihm die Liebe, die Feuerbach als die geschlechtliche Liebe versteht, das Gegenteil des kirchlichen Geschnuckels, wie er einst schrieb. Warum? Liebe verleiht die Erfahrung von Lust, Sich-neu-Entwerfen, Freisein und Bedeutung: alles Kategorien, die (auch heute noch) in Kirche und Gesellschaft fehlen.

Übrigens, die erotischen Gesänge des „Hohen Liedes“ in der Bibel wurden schnell entschärft. In Kirchenkreisen galt als ein theologisches Symbol, was der junge Mann mit seiner Geliebten anstellte, dass das Mädchen schlanke Beine, ein wohlgestaltetes Becken und schöne Brüste „wie zwei Kitzlein“ hat. Leider selten, z.B. beim englischen Dichter und anglikanischen Theologen John Donne, wird Erotik als Erfahrung von Ganzheit und heiligem Mysterium verstanden.

Schlimm – besonders für die Kirche, wenn man diese Verbindung von Liebe und Religion nicht mehr spürt! Liebe macht die Menschen frei. Versperrt die Kirche diesen Weg?

 

  1. Unendlichkeit der Dinge

Auf der Schule in Clermont-Ferrand bekam der kleine Teilhard einen Stein. Sein Lehrer erzählte ihm von der unendlich langen Geschichte der Gesteine. Seitdem war der Kleine fasziniert von alltäglichen Dingen und achtete auf ihre Geschichte. Er trat in den Orden der Jesuiten ein und studierte viele Fächer. Dort arbeitete er in einem Jesuitenkolleg als Physik- und Chemielehrer, geriet aber wegen seiner Einstellung zur Evolution mit der Kirche über Kreuz. Um ihn aus dem Schussfeld zu nehmen, schickte ihn der Orden nach China. Dort half er bei der Entdeckung des Sinanthropus (vor ca. 420-850.000 Jahre) – heute eingruppiert als homo errectus. Unter seinen Fachleuten in der Paläontologie hatte Teilhard de Chardin einen großen Namen, nur in der Kirche nicht. Er starb 1955 als enfant terrible der Kirche.

Alles setzte er daran, das „missing link“ in der Entwicklung vom Primaten zum Menschen von Charles Darwin zu komplettieren und darin ein Mysterium und nicht einen Treppenwitz der Fundamentalisten zu sehen. Aktuell scheint Teilhard von der Kirche rehabilitiert zu werden. Wir auch sein Problem rehabilitiert: in den alltäglichen Dingen etwas unendlich Bedeutendes zu sehen?

Treiben wir dieses Problem noch weiter. Ein südamerikanischer Theologe schrieb über das „Sakrament des Zigarettenstummels“. Eine Inderin verfasste den Roman „Gott der kleinen Dinge“. Aktuelle Gedichte haben Dinge als Mittelpunkt, die wir als wertlos ansehen. Immer öfter lese ich Romane, in denen Kneipen, Häuser, Straßen usw. eine wichtige Rolle spielen. Beachten wir diese Dinge nicht oder beachten wir uns nicht?

 

  1. Kritik des Politischen

Als ich diesen Beitrag schrieb, kochte der Ausspruch von Seehofer hoch, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre. Warum nicht auch mal falsche Behauptungen in die Welt setzen? Schließlich hat der Islam, etwa der Mohammedaner Constantinus Africanus, viel dazu beigetragen, die medizinischen Schriften, die meisten davon griechisch oder arabisch, ins Lateinische zu übersetzen und damit das westliche Heilsystemzugänglich zu machen.

Kreuz (Foto Arnold Illhardt)

Kreuz (Foto Arnold Illhardt)

Nehmen wir Seehofers Ausspruch als Beispiel des Politischen. Einige meinen, dass er von Söders Wahl als Bayrischer Ministerpräsident ablenken wollte. Wusste er, dass sein Ausspruch sehr bedenklich ist? Darf ein Politiker, zumal er ein Ministeramt bekleidet, mehr als die Hälfte der Wähler düpieren? Wollte er AfD-Wähler für seine Partei gewinnen? Hat er einen Akzent gesetzt, wie er künftig sein Innen- und Heimatministerium (nicht wie in seinem Versprecher: Heimatmuseum [in Telgte?]) gestalten wird? Zeigt er, wie er die Vereinbarungen der Groko unterlaufen wird?

Was wäre die Aufgabe der Kirchen? Sicher nicht klarstellen, dass Islam und Christentum verschiedene Religionen sind. Das ist eher wenig aufregend und bestenfalls akademisch. Viel wichtiger ist aufzudecken, dass dieser Ausspruch als Paradigma des Politischen

  • auf Interessen beruht und nicht auf Fakten,
  • Macht ausübt, um andere ins Abseits zu stellen,
  • intellektuelle Redlichkeit unterläuft
  • Dienst für andere im Staat zu leisten gegen Machtattitüde vertauscht und
  • Andersdenkende ausklammert.

Wie wichtig und überzeugend wäre es, wenn sich eine Institution der Gesellschaft Verhalten und Entscheidungen auf diese Hintergründe des Poltischen in Frage stellen würde? Wenn sich Kirchen wie Weihwasserfrösche aufführen, hilft das niemandem.

Politik kritisch zu hinterfragen ist Aufgabe des sogenannten vierten Gewalt. Jedoch häufen sich die Beobachtungen über Verflechtungen der Medien mit der Politik. Gerade aktuell der Film „Die Verlegerin“ (Publikatuion der Penatogon-Papiere in der Washigton Post). Freiheit durch Medien – Vorsicht. Ohne Mut geht das nicht. Und Mut ist selten.

Zum Schluss eine fantastische Erzählung aus den Brüdern Karamasow (1868-70) von Fjodor Dostojewskij über den „Großinquisitor“ (Kap 5), eine Art Glaubenswächter der katholischen Kirche. Der Atheist Iwan erzählt seinem frommen Bruder Alyoscha folgende Parabel: Im Sevilla des 16. Jahrhunderts taucht Jesus wieder auf und heilt eine schwerkranke Frau. Der Großinquisitor eilt herbei und verurteilt Jesus zum Tod – wieder einmal. Vor der Hinrichtung geht der Großinquisitor in die Gefängniszelle und fragt Jesus, woher er sich das Recht nähme, die Jahrtausendalte Tradition der Kirche mit seiner Rückkehr zu unterlaufen.

Meine Interpretation: Hat die Kirche nicht die Pflicht, aufzuwachen und wieder „en marche“ zu sein?

Franz Josef Illhardt

Franz Josef Illhardt

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