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The Sun Ain´t Gonna Shine Anymore
Eine Ausstellung über Tod und Sterben in der Rockmusik

Ausstellung The Sun Ain´t Gonna Shine Anymore

Ausstellung The Sun Ain´t Gonna Shine Anymore (Foto A. Illhardt)

Kassel. Welche Bedeutung Tod und Sterben  in der Rockmusik haben, zeigte 2010 eine Sonderausstellung im Museum für Sepulkralkultur in Kassel. Sowohl auf CD-/Plattencovern, als auch in den Liedtexten wird mit diesen Themen gespielt. Philosophische Betrachtung oder Horrorszenario?

 

Kassel ist eine Art Ianus-Stadt. Das unschöne Gesicht: die grottenscheußliche Holländische Straße, verhälnismäßig viele junge Leute mit Unisex-Frisuren (den Vokuhilas der 2000er), unglaublich viel geleaste Mercedes-Karren und architektonisch völlig entgleiste Nachkriegsbauten. Und vor den Toren hat man die Caldener Landschaft verwüstet, um dort für die Ballermann-Touristen einen Flughafen zu bauen. Ein Naturschauspiel der grauenhaften Art.

„Schee“ dagegen ist das Historische, Kulturelle und Subkulturelle von Kassel: Das Kulturzelt, der Auepark, die documenta, die Gegend um den Schlachthof und Goethestraße, das Fridericianum, Salzmann´s Factory und viele andere Orte, die dem oberflächlichen Kasselbesucher oftmals verborgen bleiben. Und dann gibt es noch das Museum für Sepulkralkultur. Sepulkralkultur? Ich habe auch etwas geübt, bevor mir der Ausdruck fehlerfrei über die Lippen ging. Der eigentümliche Begriff steht für die Kultur des Todes, des Sterbens, der Bestattung und der damit verbundenen Trauerprozesse.

Wir waren zum zweiten Mal Gast in diesem besonderen Museum. Ein Besuch lohnt sich und all denen, die Angst um ihre Lebenspartylaune habe, sei gesagt: Es ist weniger traurig als man denkt. Unseren Kasselaufenthalt haben wir genutzt, die Ausstellung THE SUN AIN’T GONNA SHINE ANYMORE zu besuchen. Dies liegt ein paar Jahre zurück, hat aber eine andauernde Wirkung.

Die neue Sonderausstellung „The Sun Ain´t Gonna Shine Anymore – Tod und Sterben in der Rockmusik“ befasst sich mit der dunklen, morbiden Seite des Glitzerbusiness. Idee und Zusammenstellung der umfangreichen Schau stammen von der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen. 200 Platten- und CD-Cover, zahlreiche Songbeispiele ergänzt durch übersetzte Songtexte, Videoclips und dreidimensionale Exponate führen die Besucher in die Welt jenseits des Lichts, in die atemberaubenden Gewölbe menschlicher Vergänglichkeit und Abartigkeit.

 

Rage against the Machine (Quelle: http://www.ratm.com/)

Rage against the Machine (Quelle: http://www.ratm.com/)

Für einen echten Rockfan ist es ein ganz besonderer Moment, all die ausdrucksstarken Plattencover bewundern zu können. Mit der Einführung der CD ist leider eine ganze Kultur zerstört worden. Ein CD-Cover ist im Vergleich zum Plattencover, als müsse man seinen Lieblingsfilm auf dem Handydisplay ansehen. Gerade in der Rockmusik ist die existenzielle Erfahrung von Tod und Sterben ein immer wieder anzutreffendes Thema. Und so habe ich mich schon oft gefragt, warum diesem Kunstgenre nicht schon viel früher in Ausstellungen die gebührende Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde. Nun hat sich mein Wunsch erfüllt und es war ein Wiedersehen mit Dead Kennedys, Social Distorsion, Metallica, Dead Can Dance, Joy Division, Black Sabbath, Christian Death, Rammstein, Tool oder Megadeath.

Viele Songbeispiele sind ins Deutsche übersetzt und erst jetzt beim Lesen wurde mir die wirkliche Bedeutung der Texte bewusst: Tragisch schön bis entsetzlich grausam. Per Audioguide konnte man

Parallels of Fates Warning (Quelle: nuclearblast.de)

Parallels of Fates Warning (Quelle: nuclearblast.de)

viele Songs auch anwählen und so mit Suicide durch die Ausstellung wandeln. Eine unglaubliche Erfahrung der kognitiven und emotionalen Art. Doch ist dies nur eine Seite der Medaille. Die Ausstellung zeigt vielmehr auch die perverse, bizarre oder provozierende Seite der Rockmusik. Schocken und Auffallen um jeden Preis. Ob es unbedingt für die Musik spricht, wenn das Cover Leichenteile oder rausgerissene Gedärme zeigt, ist fraglich. Was dies bei jugendlichen Betrachtern und Hörern anrichtet, ist ein weiterer Aspekt, der einem bei dieser Ausstellung durch den Kopf geht. Doch gerade dies ist die „Kunst“ dieser Ausstellung – die Bandbreite von Romantik über politische Folterszenen bis hin zur Horrorkultur zu zeigen. Ich fand es äußerst lohnenswert, meine Frau erschreckend. Also voll gelungen.

Und da bleibt kaum noch Luft Und da bleibt kaum noch Raum Und da bleibt keine Sehnsucht Und das ist alles was mir bleibt Ich muss hier raus – ich muss hier weg Und doch – ich suche nur nach Dir Dem Leben, das ich niemals fand Das Leben – meiner Zuflucht Not Ich habe Dich nur verflucht Um später und viel tiefer noch Den Kuss nur zu versuchen Du Licht meiner Seele

„Dich zu töten fiel mir schwer“ von Lacrimosa, ist perverserweise auch als Klingelton zu haben! Wir amüsieren uns zu Tode!

Warum ich Jahre später über diese Ausstellung berichte? Tod und Sterben hat in einer Spaßkultur einen niedrigen Stellenwert. Sich damit auseinanderzusetzen und zwar zu Lebzeiten, halte ich für einen wichtigen Prozess einer modernen ars moriendi.

 

Arnold Illhardt

Arnold Illhardt

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