Schaulaufen der Eitelkeiten
Rundgang in der Kunstakademie Münster 2015

Rundgang Kunstakademie Münster 2015 (Foto: Illhardt / Esche)

Rundgang Kunstakademie Münster 2015 (Foto: Illhardt / Esche)

Münster. Beim Eintreten: Kunst, die nach Waffeln mit Puderzucker riecht, wobei ja Puderzucker wenig Geruch an sich hat…ich vermisse den Geruch nach Ölfarben, aber Videoinstallationen sind ja auch geruchs-, aber nicht geschmacksneutral… ein Rundgang „zum Schauen, Staunen, Empören und vor allem denken“ heißt es in der Ankündigung…man vergaß dabei das Lachen…tatsächlich, Manches ist auch zum Lachen, hängt oder klebt aber eher zwischen den Werken…

 

Rundgang Kunstakademie Münster 2015 (Foto: Illhardt / Esche)

Rundgang Kunstakademie Münster 2015 (Foto: Illhardt / Esche)

Arnold Illhardt:

Demokratie rein, Professorium raus steht am Männer-Klo in der 1. Etage oder „bei Fragen einfach sagen“, lese ich auf einem Kärtchen, dahinter ein Student zum Fragenbeantworten…Mir fällt gerade keine Frage ein…Vermischung geometrischer Elemente und malerischer Darstellungen…ich finde, es ist wenig Sex dieses Jahr. Muss man sich Sorgen machen?…Ateliermassaker mit floralen Elementen…Auch lustig ein Schild über der Tür: „Personen, die bei der Betrachtung von Kunst oder dem Beginn eines Gesprächs über Diese gesichtet werden, werden zur Identifikation freigegeben“…

Was die sich alles trauen auszustellen, sagt eine Frau…farbenfroh saftige Leinwände…wer komponiert eigentlich die Musik, die bei Kunstausstellungen montonon aus versteckten Lautsprechern wummert?…ein Raum voller Nägel, gleichmäßig angeordnet und Menschen, die diese Nägel in die Wand gehämmert haben amüsieren sich lümmelnd in rudimentären Sesseln über Zuschauerreaktionen: Hier isses ja so weiß, wie bei uns zuhause, sagt ein Herr in langem Mantel. Wer will das wissen? Haben die zuhause keine Bilder an der Wand?…

Menschen bewegen sich wie in Schwerelosigkeit an den Wänden: Eine Projektion. Proicere bedeutet hinwerfen…Plötzlich feine Bleistiftzeichnungen! Darf man eigentlich sagen, dass ein Werk schön ist? Oder ist „schön“ abwertend? So wie: Ganz nett?… immer wieder Bilder komplett intuitiv…also schöpferisch?

 

Rundgang Kunstakademie Münster 2015 (Foto: Illhardt / Esche)

Rundgang Kunstakademie Münster 2015 (Foto: Illhardt / Esche)

Rundgang Kunstakademie Münster 2015 (Foto: Illhardt / Esche)

Rundgang Kunstakademie Münster 2015 (Foto: Illhardt / Esche)

…Apropos Schöpfung: Embryonaleske, fleischige Neuwesen in Aspik oder doch Formaldehyd. Meine Frau find´s ekelig…es riecht nach Kaffee und Waffeln…Ein Schaulaufen der Eitelkeiten, raunzt eine Frau mit harter Lippenstiftkontur. Ja, was glaubt sie, wir sind in Münster. Bilderungsbürgertum mit viel Schein!…

Ein Kind greift in eine im Rund stehende Anordnung von Blättern hinein. Darf es das? Wie unbedarft! Erfreulich, man weiß ja hier nie, ob anfassen erwünscht ist…ein junger Wilder mit viel Bart und Locken. Ich schau mich um, seine Bilder nur getupft. Mensch, wo sind die Provokationen? Kunst soll doch provozieren. Aber man kann auch nicht den ganzen Tag provozieren…Erforschung der Welt, präsentiert durch einen Haufen Müll…Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Wunderbarer Kommentar, fast so wie: Das haben wir in Kunst früher auch gemacht!

…wohin man schaut Dackel, also auf Bildern…Der Dackel hat einen Kopf, vier Beine und einen Schwanz, erklärt mir jemand, den ich dachte zu kennen, später aber bemerke, dass ich mich vertan habe… Und mit den Beinen hat er Bodenhaftung, ergänzt der Mensch seine Ausführung…Na guck, wieder was gelernt, antworte ich…Bierkästen türmen sich neben vollgekleckerten Waschbecken.

Ob die Studenten gestern alle gesoffen haben, um die vielen Zoobesucher zu ertragen, die ihre Werke begaffen, verhöhnen oder belächeln? Zack, in den Raum rein und wieder raus…Was ist eigentlich ein Versatzstück?…Auf einem Zettel lese ich: Sie wollten uns begraben, sie wussten aber nicht, dass wir Samen waren. Toller Spruch, muss ich mir merken…die Röntgenbilder im Eingangsbereich erinnern mich daran, dass ich Donnerstag zum Zanhnarzt muss… Düdeldü Tirili Tralala, so heißt ein kleiner Flyer…ist Kunst doch lustig?…Draußen fotografiere ich einen bunten Blumentopf vor grauem Wellblech. Ist das Kunst, fragt mich eine Frau? Jetzt ja, antworte ich. Sie nickt…in den Büschen draußen hängen eingeschweißte Förmlichkeiten oder doch Figürlichkeiten, entziehen sich aber den Blicken…irgendwann ist es für die Augen zuviel…außerdem habe ich dringenden Kaffeedurst!…

 

 

Rundgang Kunstakademie Münster 2015 (Foto: Illhardt / Esche)

Rundgang Kunstakademie Münster 2015 (Foto: Illhardt / Esche)

Thomas Esche:

Für mich war es das erste Mal, dass ich auf dem Rundgang in der Kunstakademie dabei war. Und schon bei der schier endlosen Suche nach einem Parkplatz verdrehe ich die Augen. Und richtig, die Massen schieben sich wie auf dem Rummel durch die Gänge. Aber so ist Münster: Wenn lau dann jau.

Schnell wird deutlich: die Zeit, die man sich eigentlich für die Kunstwerke nehmen müsste, hat man hier nicht, und schon gar nicht die dafür notwendige Ruhe. Gute Fotos von den Objekten und Bildern zu machen ist fast schier unmöglich. Ständig rennt einem irgendein Stiesel durchs Bild. Endlos viele Räume reihen sich sich an ebenso langen Gängen auf.

Vor einem der Ausstellungsräume werden wir gebeten, die Handys auszuschalten. Drinnen erwartet uns absolute Dunkelheit und eine Stimme, die uns zu einer Navigation in diesem schwarzen Nichts auffordert, was angesichts der unterschiedlichen Positionierung der einzelnen Besucher nur in einem blanken Chaos enden kann. Es ist das Spiel mit den Urängsten. Kein Platz für Panikattacken. Ich stelle mir vor, jetzt laut zu schreien. Unfreiwillig wird man von wildfremden Menschen begrabscht. Ich denke an Sex und überlege mir, ob ich die Situation nicht ausnutzen und einfach irgendjemanden mal küssen sollte, erspare mir aber dann doch das Gequieke und die mögliche Rangelei und verlasse den Raum. Ich bin raus aus dem Alter für einen in ein vermeintlich künstlerisches Korsett gezwängten Darkroom, Swingerclub für Fußgänger. Auch draußen vor der Tür lese ich in den Gesichtern, derer die dieser Kammer des Schreckens entfliehen, dass diese Fifty Shades of Darkness nicht unbedingt der Brüller sind und atme erleichtert durch; niemanden von denen hätte ich freiwillig küssen wollen.

 

Rundgang Kunstakademie Münster 2015 (Foto: Illhardt / Esche)

Rundgang Kunstakademie Münster 2015 (Foto: Illhardt / Esche)

Gelangweilt stehen ein paar Frauen im Gang und diskutieren mit „gebrochenem Händchen und klimpernden Augen“ versucht akademisch und gequält eloquent über die Notwendigkeit bestimmter Farbkleckse in einem Bild. Sie selber sind eher gekleidet wie graue Mäuse, und ich frage mich, ob das Gespräch nur als eine spontane Theateraktion, eine gewollte Provokation für die ebenso gelangweilt und orientierungslos vorbeigehenden Besucher gedacht ist.

Die jungen Newcomer-Künstler selbst fläzen sich wie die neuen Wilden in den Ausstellungsräumen auf irgendwelchen Sitzkissen oder offenbar Generationen alten Matratzen herum und stopfen sich Kuchen oder Waffeln in den Mund, als sei das Schaulaufen wichtiger als die Arbeit und zeigen sich völlig unbeeindruckt von dem Interesse oder Desinteresse des gewöhnlichen Fußvolkes.

 

Rundgang Kunstakademie Münster 2015 (Foto: Illhardt / Esche)

Rundgang Kunstakademie Münster 2015 (Foto: Illhardt / Esche)

Und dennoch hat ihre Kunst Berechtigung, auch wenn sie nicht auf Anhieb zu sehen und zu verstehen ist, auch wenn man so manches Mal geneigt ist zu fragen: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ Es ist unser aller Wunsch nach Freiheit, der uns zwingt, es zu akzeptieren, dass auch Kunst eben nicht immer so ist, wie wir sie selber gerne hätten. Unbequem, aufdringlich, abschreckend. So kann auch ein Müllhaufen oder eine zusammengetackerte Bretterbude ein künstlerisches Sinnbild für irgendetwas in unserem Alltag oder das Aufzeigen eines Mißstandes sein. Denn manchmal ist es gerade diese Provokation, die uns aufwühlt und uns für den nötigen Moment, wenn auch vielleicht aus Unverständnis oder sogar Wut, innehalten lässt, damit wir begreifen, worum es überhaupt geht, denn nicht immer sind die Titel der Kunstwerke für sich sprechend.

Auch wenn ich bei manchem bewusst weggeschaut habe, aber JA – ich habe viele Kunstwerke heute gesehen!

 

 

 

 

Die gesamte Bildergalerie des Rundgangs (Fotos: Illhardt/Esche):

Arnold Illhardt

Arnold Illhardt