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Rente ab dem Tod
Oder: Gedanken über das gute Leben.

Alle Jahre wieder wird eine Rentendiskussion entfacht: Rente ab dem Eintrittsalter von 67 Jahren oder sogar ab 73? Wo bleibt dabei der philosophische Gedanke vom guten Leben?

Rentnerbänkle (Quelle n-tv.de)

Rentnerbänkle (Quelle n-tv.de)

Rente mit dem Eintrittsalter von 69 Jahren ist eine der neusten Forderungen von Jens Spahn, seines Zeichens Christdemokrat mit starker Neigung zum Fabrizieren von Seifenblasen in luftdichten Marmeladengläsern. „Wenn wir ein gutes Sicherheitsniveau beibehalten wollen und die Beiträge nicht deutlich ansteigen sollen“, so der Staatssekretär im Finanzministerium, „müssen wir länger arbeiten.“ (Fokus 22.8.16). Er ist nicht der erste, der die Arbeitsmaschine Mensch länger aktivieren möchte, vor allem nicht der erste aus einer gutverdienenden Oberschicht. Man hört solche Forderungen von normalsterblichen Arbeitnehmern selten bis nie. Spahns guten Kontakte zur Wirtschaftslobby (siehe Lobby Control) sind kein Geheimnis und so würde es mich selbst als Nicht-Verschwörungstheoretiker kaum verwundern, wenn es hier gewisse Beeinflussungen bei seinen Überlegungen zur Rente geben würde. Das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) legt noch eine Schippe drauf und schockt mit der Diagnose, die Deutschen müssten in 25 Jahren mit 73 in Rente gehen.

Rente ist die dezente Belohnung für den selbstlosen Verzicht auf seine besten Jahre, meinte der Publizist Andreas Egert. Und schon Goethe reimte in ähnliche Richtung: Nah schon dem Herbste seiner Jahre, hofft´er getrost der Taten Lohn; doch unaufhaltsam trug die Bahre, ihn schnell davon. Wie ärgerlich! Nun bin ich selbst ja ein fanatischer Befürworter der Rente ab dem Tod. Da der Mensch im Arbeiten den Lebenssinn an sich sieht und den Lebensnebensinn im Fernsehglotzen, wäre es doch sinnvoll, ihn so lange arbeiten zu lassen, bis er tot am Fließband, an der Werkbank oder am Schreibtisch zusammenbricht. Da der so verstorbene Arbeitnehmer zu diesem Zeitpunkt möglicherweise eh keine Anverwandten oder Freunde mehr hat, könnte der Arbeitgeber auch gleich die Beerdigung übernehmen und die Person im betriebseigenen Entsorgungspark verscharren.

Seniorenpaar (Quelle zeit.de)

Seniorenpaar (Quelle zeit.de)

Gut, das klingt jetzt leicht sarkastisch, aber immer dann, wenn ich die Dramatik menschlicher Verblödung zu spüren bekomme, ist der Sarkasmus sozusagen ein Notventil. Andere rauchen oder malen ekelige Bilder; jedem das Seine. Das Schlimme ist, dass die Verkäufer der möglichst hoch angesetzten Arbeitsaustrittsschwelle zugleich die Kunst beherrschen, aus tränensackschweren Politikeraugen den Hades des Solidaritätsprinzips an die Raufaserwände des bundesdeutschen Arbeitnehmers zu schmieren: Wer nicht bis zur bitteren Neige robottet, ist eine Art Sozialschmarotzer und ein hedonistischer Wüstling.

Ich will das sinnschwangere Motto, es gäbe ein Leben vor dem Tod, nicht zu arg strapazieren. Doch in den 80ern habe ich in meiner früheren Funktion als Krankenpfleger auf einer internistischen Männerstation zahlreiche Herren der Schöpfung gepflegt, die aufgrund einer defekten Blutpumpe nicht mehr so richtig am Puls der Zeit waren. Diagnose: Infarkt durch Lebens- und Arbeitsstress, was natürlich gestandene Hardcoremediziner in einer Art berufsspezifischem Abwehrmechanismus anders sehen. Mediziner mögen in der Regel psychologische oder psychosomatische Hintergründe nicht. Manch einer der armen Gesellen (gemeint sind jetzt wieder die Siechenden) bekam auf dem Lebensschlachtfeld eine rote Karte mit der Aufschrift „letale Grüße, ihr Vitalsystem“ präsentiert. Niemand (also NIEMAND!) klagte – wenn ich mich recht erinnere – auf dem Sterbebett darüber, nicht mehr arbeiten gehen zu können! Vermisst wurde vielmehr die sträflich vernachlässigte Familie nebst Freunden, das Hobby, der Garten, das Angeln am Fluss usw. Was lernen wir daraus? Die Arbeit ist nicht der Lebenssinn an sich!

Arbeiten im Alter (Quelle t-online.de)

Arbeiten im Alter (Quelle t-online.de)

Nun heult der Chor der Workaholics und vom eigentlichen Leben frustrierten Menschen mit Arbeitszwang auf: Aber die Arbeit: sie definiert uns! Sie gibt uns Anerkennung! Und nicht selten vernimmt man den Nachruf der Hinterbliebenen, er oder sie sei mit dem Eintritt der Rente in sich zusammengesunken und nicht mehr lebensfähig gewesen. Die Arbeit ist nicht der Lebenssinn? Der Chef mit vom Bluthochdruck geplatzten Äderchen in der gesamten Gesichtsfläche, seines Zeichens Choleriker und autoritär-egomanische Persönlichkeit, geifert über den marxistischen Background dieser Gedankengänge. Nein, liebe arbeitende Bevölkerung, es ist schon o.k., dass wir alle bemüht sind, das Bruttosozialprodukt zu erhöhen, für die Vollbetonisierung unserer Landschaft zu sorgen, die Militarisierung Deutschlands voranzutreiben, die 8-Zylinder-Boliden unserer Vorgesetzten zu finanzieren und die deutsche Beamtenschaft (hab den Sinn dieser Spezies bis heute nicht verstanden) durch unsere gemeinnützigen Steuerabgaben zu unterstützen. Ich selbst mag meine Arbeit als Psychologe außerordentlich, wobei ich selbstlos die unbegreifliche Tatsache in Kauf nehme, dass Personen im sozialen Bereich grundsätzlich schlechter bezahlt werden, als z.B. Personen, die unnütze Software oder Maschinen herstellen. Das zum Thema: Wertediskussion. (Ach, das ist was anderes?). In dem viel gepriesenen christlichen Abendland ist es Tradition, dass Materielles höher im Kurs steht als Humanes.

Blüm - die Rente ist sicher (Quelle picture alliance - dpa)

Blüm – die Rente ist sicher (Quelle picture alliance – dpa)

Natürlich basiert die Lebenszeit verbrauchende Arbeit auch auf einem recht einsichtigen Prinzip und ist – wenn es Arbeitgeber und Kollegen gut meinen – mehr als nur eine Form der Lebensunterhaltfinanzierung! Wieviel Sinn- und Nutzvolles wird durch unser aller Arbeit ermöglicht und gesichert. Allerdings werden dies die vielen Menschen mit unterbezahlten Stellen oder Geringlohnbezieher, die vielen (Teilzeit-)Angestellten, die von Billiglohnfirmen und anderen staatlich unterstützten Ausbeutungsunternehmen ausgenommen werden, anders sehen. Es ist nicht zu erwarten, dass es innerhalb und außerhalb von Legislaturperioden irgendeinen Arbeitsminister interessiert, ob dort das Leben vieler Menschen ruiniert wird und sich die ehrenwerten Chefs besagter Firmen sich auf kriminelle Weise mittels vorsintflutlicher Arbeitsbedingungen eine goldene Nase verdienen. Arbeit kann – lebenssinnhaft – bereichern, Arbeit kann aber auch Körper und Seele krank machen und wirft nach Feierabend ausgelaugte Gestalten aus den Büros und Fabrikhallen. Arbeit zerstört die sexuelle Lust, Arbeit trennt Menschen, Arbeit frisst Lebenszeit. Und – kehren wir zurück zur ärgerlichen Rentendiskussion – die Wirtschaft vergreift sich an der Lebenszeit der Menschen wie in einem Selbstbedienungsladen. Sie suggerieren lächelnd den Sinn des Lebens im Arbeiten wie die Zeugen Jehovas an der Tür, dabei verkaufen sie ein hohles System, das auf nichts Anderes als auf Ausbeutung bedacht ist. Und damit die Saat aufgeht und das Humankapital Mensch möglichst früh auf den Markt geworfen werden kann, gibt es Einrichtungen wie G8 (Verkürzung der Gymnasialzeit von 13 auf 12 Jahre), die – festhalten – von Wirtschaftspädagogen ersonnen wurden.

Rente (Quelle Daserste.de)

Rente (Quelle Daserste.de)

Eine zufällig gehörte Unterhaltung vor dem Supermarkt in meiner Stadt: “Ich bin abends immer völlig erledigt. Da reicht es nur noch zum Fernsehgucken!” “Aber bald ist ja Wochenende!” “Da schlaf ich und ruckzuck ist das Wochenende vorbei, ohne dass man etwas Vernünftiges gemacht hat!” –  Das ist das wahre Leben, von dem in der Stellenanzeige nicht die Rede war. Doch schnell ist das fremdbestimmte Leben zum Automatismus geworden. „Es geht vielmehr darum, dass ihr lernt, die Dinge zu tun, die getan werden müssen, ohne dass die Dinge euch beherrschen.“ (Wolfgang Kopp: Zen – Jenseits aller Worte). Die krakenhafte Verblödungsindustrie versucht ganztägig oder zumindest nach Feierabend die Menschen bei Laune zu halten, damit nur niemand auf dumme Ideen kommt und zum Beispiel über die Sinnhaftigkeit eines guten Lebens nachdenkt. Und weil die Energie nicht mehr zum eigenen Leben reicht, schaut man wenigstens zu, wie andere vermeintlich leben. Surrogatleben per Knopfdruck.

Ich bin immer wieder erschrocken, wenn ich mit Jugendlichen über ein gutes Leben philosophiere. Die Suggestionen eines vernetzten Kapitalismussystems scheinen ihre Früchte zu tragen, denn mit einem gut = vernünftigen Leben werden viel Geld verdienen, ein eigenes Haus und Sicherheit verbunden. „Work, drink, look TV, sleep, wake up tomorrow same thing“ (im Original „fuck“ statt „look TV“) scheint das Lebensmotto einer Gesellschaft zu sein, die nicht mehr hinterfragt, ob es das eigene gute Leben ist oder das, was durch die externe Lebensbevormundungen vorgegeben wurde.

Das gute Leben ist ein Relativum, das jeder anders auslegt. Vermutlich gibt es verschiedene gute Leben. Doch ich halte es für wichtig, es sich bewusst zu machen. In seinem Buch „das vollkommene Leben” schreibt der Philosoph Michael Hampe, dass „…allein durch Verstand oder durch Spiritualität, durch skeptische Distanz zur Welt oder durch die Harmonie zwischen Menschen und Dingen” so etwas wie ein vollkommenes, also auch gutes Leben erreichbar ist. Mir ist allerdings gänzlich unbekannt, dass das gute Leben durch möglichst lang währende Lebensarbeitszeit geprägt wird.

Rente mit 69 oder doch 70? Ein politischer Ansatz, der nichts Anderes im Schilde führt, als eine Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft. Der Mensch ist so viel wert, wie wertvoll er für die Wirtschaft ist. Der Mensch ist austauschbar, eine ökologische Maschine, sein Leben eine Massenware. Manche Moralisten regen sich auf, wenn von Hagen Ex-Menschen plastiniert und in seiner Wanderausstellung „Körperwelten“ zur Show stellt, doch kaum ein Moralist findet es schändlich, wenn das kapitalistische Wirtschaftssystem (und seine Handlanger) den Menschen schon zu Lebzeiten mumifiziert. Wann kapieren wir endlich, dass unser Leben zu mehr als nur zum Arbeiten bestimmt ist?

Ende der Rente (Quelle ksta.de)

Ende der Rente (Quelle ksta.de)

Und spätestens mit Spahn stellt sich die Frage: Warum machen sich wie auch immer gefärbte Politiker nicht Gedanken darüber, wie man für die Menschen eine Lebensphase gestalten kann, die nicht durch Lohnmechanismen geprägt wird, sondern durch freiwillig gestaltete Resssourcenaktivierung in sozialen, kulturellen oder gesellschaftlichen Projekten? Erwartet man nicht von der Politik, dass sie das Humanistische im Blick hat, anstatt ausschließlich danach zu schielen, Handlanger eines kapitalistischen Prinzips zu sein? Es werden Milliarden von Euros in Waffensysteme, unsinnige Straßenausbauten, überzogene, zudem falsch kalkulierte Großprojekte oder sonstige Sachwerte investiert: Warum werden stattdessen von diesen Geldern nicht soziale Sicherungssysteme geschaffen, die am Menschen orientiert sind?

Ich habe eine App auf mein Handy geladen, die meine Zeit bis zur Rente runterzählt. Vielleicht kümmere ich mich dann ehrenamtlich um Kinder oder mache mich als Kulturarbeiter nützlich. Es kann aber auch sein, dass ich schon morgens Löcher in den Himmel gucke oder das erste Schnäpschen beim Wirt meines Vertrauens trinke, bevor ich mir ein bisschen laute Rockmusik reinziehe. Welch´ ein gutes Leben!

Arnold Illhardt

Arnold Illhardt

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