Rede mit mir!
Über Sinn und Unsinn des Diskutierens

Wir reden viel und viel aneinander vorbei. Manche diskutieren, um ihren Horizont zu erweitern und manche betreiben es als Machtspielchen. Und dann gibt es noch Götz Kubitschek: Der hält die Diskussion für beendet.

 

Jugendliche diskutieren gerne – jedenfalls einige! Sie hinterfragen, wollen Zusammenhänge wissen und stellen auch gerne etwas infrage! Neulich noch ging es um den Sinn des Lebens – ein durchaus brisantes Thema, wenn man wie die jungen Menschen, die ich als Psychologe betreue, chronische Krankheiten oder Schmerzen hat. Ein Junge, mit ziemlicher Hochbegabung gesegnet, stellte in einer Runde mit etwa 15 Jugendlichen die Gegenfrage: Warum braucht man unbedingt einen Sinn für sein Leben? Ist das Leben an sich nicht schon Sinn genug? Ist es nicht bedenklich, wenn man krampfhaft nach sinngebenden Inhalten suchen muss? Lebenssinnsurrogate, wie ich sie gerne nenne. Die Diskussion nahm Fahrt auf. Während die ersten die Augen verdrehten, weil sie lieber über Sonderangebote bei Primark nachdachten, als sich über einen solchen langweiligen Unfug Gedanken zu machen, versuchten andere mit Gegenargumenten ihre Einstellung, es gäbe einen Lebenssinn, zu verteidigen. Die oben beschriebene Diskussion blieb ergebnisoffen. Den aktiv Beteiligten ging es auch weniger um eine Lösung der Frage „Sinn und Nicht-Sinn“, sondern um den Spaß am Diskutieren.

Kneipengespräch (Foto Arnold Illhardt)

Kneipengespräch (Foto Arnold Illhardt)

Diskussion kommt von dem lateinischen Verb diskutere, was so viel bedeutet, wie untersuchen oder erörtern. Indem man mit zwei oder mehreren Menschen in mehr oder weniger hitziger Weise einen Dialog führt, betrachtet man eine Sache von verschiedenen Standpunkten. Vielleicht einigt man sich, vielleicht geht man auch mit verschiedenen Meinungen wieder auseinander, aber möglicherweise nimmt man aus der Diskussion etwas mit, denkt über die andere Ansicht noch einmal nach. Eventuell eignet sie sich dafür, um das eigene innere Weltbild etwas zu verändern oder noch besser: zu erweitern. Wir Menschen entwickeln – wenn es gut läuft – Konstrukte über die Welt und das Leben. Konstrukte sind innere Landkarten, die uns individuell den Weg leiten, um mit der Komplexität des Lebens klarzukommen. Manche Landkarten haben einen großen, allgemeinen Maßstab und reichen gerademal fürs Nötigste, andere sind hochaufgelöst und verfügen sogar über Feld- und Nebenwege im Denksystem.

 

Spaß am Diskutieren oder reiner Selbstzweck?

Zu meiner Jugendzeit gab es eine Teestube im Keller des evangelischen Pfarrheims. Dort traf man sich einmal die Woche bei schummrigen Kerzenlicht, hockte auf Bodenkissen, trank Jasmintee und diskutierte sich die Welt schön. Diskutieren bedeutete in der Welt zu sein, reflektiert mit gesellschaftlichen Missständen umzugehen, kritisch zu denken und damit dem Gefühl einer Hilflosigkeit im Strudel der Zeit zu entkommen. Es war aber auch ein Experimentieren mit den großen Themen, von denen wir, wie es hieß, keine Ahnung hätten. Hier wurde der „Linksextremismus“!!! geboren, da man sich für eine menschliche, friedliche und gerechte Welt einsetzte. Ich selbst war ein feuriger Diskutierer und fand durchaus Gefallen an den manchmal Nächte füllenden Debatten. Enttäuschend war es nur jedes Mal, wenn man nach zwei Stunden Teestube oder am nächsten Morgen wieder das Licht der damals schon orthodox-konservativen Welt im Kleinen und Großen erblicken musste. Alles Diskutieren für die Katz: Die Welt hatte sich nicht verändert.

Eine Patientin von mir, die recht müde zur Therapiestunde kam, antwortete auf meine Frage, ob sie schlecht geschlafen habe: Nein, wir haben gestern Abend „Realtalk“ gemacht! Ich kannte den Begriff nicht und auf meine Nachfrage erfuhr ich, dass man sich ganz normal, sozusagen oldschool, unterhalten und diskutiert habe. Normalerweise laufen Gespräche über whatsapp und werden eher nebenher geführt, weshalb es sich in der Regel um ein Aneinandervorbeisprechen handelt. Anders kann ich mir es nicht erklären, warum es ständig zu Verständigungsschwierigkeiten oder Missverständnissen führt. Eine Diskussion über whatsapp kann trotz noch so vielen Emojis einen desaströsen Ausgang haben, weil A die Botschaften von B in den falschen Hals bekommen hat, was vermutlich bei einem Gespräch von Angesicht zu Angesicht anders verlaufen wäre.

Diskussion (Quelle Bundesarchiv Bild 183-R0220-020, Berlin, Diskussion Künstler - Werktätige)

Diskussion (Quelle Bundesarchiv Bild 183-R0220-020, Berlin, Diskussion Künstler – Werktätige)

Szenenwechsel. Ich nahm als Zuhörer (sagen durfte ich nichts) an einer öffentlichen Sitzung des Stadtrates teil. Vor mir Vertreter der verschiedenen im Rat der Stadt vertretenen Parteien. Die meisten kannte ich vom Sehen. Es ging um diverse stadtrelevante Überlegungen. Bei einer aufkommenden Diskussion wurden alle Register der Argumentationsstrategien genutzt – angefangen bei der sachlichen Analyse über abenteuerliche Fakten- und Phrasendrescherei bis hin zu persönlichen Seitenhieben an den jeweiligen Gegner. Die Strategien mögen legitim sein und nicht weiter verwundern, was mich allerdings aufregte war, dass Politiker Positionen übernahmen, die nicht der eigenen Überzeugung entsprachen, nur weil man sich einer Fraktionsdisziplin unterworfen hatte. Man diskutierte also nicht über die Sache, sondern hier ging es ausschließlich um Machtspielchen. Welchen Sinn haben dann noch Diskussionen?

 

Kompromiss und Konsens

Während bei privaten Diskussionen der Sinn eher darin liegt, Positionen abzuklären oder aus Spaß am Vorgang selbst im Gespräch zu sein, ist es in öffentlichen Diskussionen wie z.B. in Parlamenten oder gesellschaftlichen Gruppen das Ziel, einen Kompromiss oder noch besser einen Konsens zu erzielen. Ein Kompromiss bedeutet, dass eine Diskussion dazu führt, dass alle Beteiligten sich so einigen, dass zwar keiner richtig zufrieden ist, aber man zumindest das Gefühl hat, gehört worden zu sein. Bei der letzten Kompromissfindung, an der ich beteiligt war, wurde zwar tatsächlich ein Mittelweg gefunden, ich selbst fand mich bzw. meine Meinung darin nur rudimentär wieder. Trotzdem sind immer alle ganz stolz auf ihre Kompromisslösungen und halten dies für eine hohe Gesprächskultur.

Eine radikal anderer, aber auch aufwendigerer Weg ist die Konsenskultur, die in der Graswurzelrevolution, Monatszeitung für eine gewaltfreie, herrschaftslose Gesellschaft (Okt. 2017/422), sehr eingehend beschrieben wurde: „Konsens ist … der Versuch unter Freien und Gleichwertigen alle Bedürfnisse möglichst optimal zu berücksichtigen. Verschiedene Bedürfnisse oder Wünsche sind nicht per se in Konkurrenz zueinander, sondern Teile eines noch zu gestaltenden gemeinsamen größeren Bildes, in dem vieles Platz haben kann.“ (Henning Melber, S. 10). Der Vollständigkeit halber muss man noch das Diskutierverbot erwähnen. Die Rede ist nicht von autokratischen Staaten a la Türkei, sondern von autoritär geführten Betrieben in Deutschland, die nach außen recht mitarbeiterkonform wirken wollen. Diskussion sind hier nicht erwünscht: Einer bestimmt, der Rest kuscht.

 

Öffentliches Diskutieren oder zur Schau gestelltes Gequatsche?

spritzige Talkshow mit Fritz Teufel und Matthöfer (Bild picture-alliance dpa)

spritzige Talkshow mit Fritz Teufel und Matthöfer (Bild picture-alliance dpa)

Diskussionen sind heute schwer angesagt und werden im Fernsehen zu den besten Abendstunden angeboten. Zuhause sitzen Millionen von Zuschauern und laben sich an den Disputen von halbgaren Politikern oft unterschiedlichster Couleur. Da aber eigentlich nicht diskutiert wird, sondern jeder möglichst viel Sprachhülsen von sich gibt, mit denen er oder sie möglichst gut punkten kann, nennt man es auch Talkshow. Was übersetzt so viel bedeutet wie zur Schau gestelltes Gequatsche. Der Hauptdiskussionsort findet allerdings in den sozialen Medien wie z.B. facebook statt. Jemand gibt ein Thema vor, was dann je nach Öffentlichkeit des Benutzerkontos von Freunden oder zufällig dort Gestrandeten kommentiert wird. Den Gipfel der Geschmack- und Inhaltslosigkeit von geposteten Statements, zudem in einer wenig patriotischen Ausdrucks- und Schreibweise, findet man in der momentan überhandnehmenden rechten Szene. Da bekommt der Vorgang des Diskutierens einen ganz neuen Drive:

Irgendein Patriot: (Es geht um Flüchtlinge) „Man sollte all das Ficki Ficki Pack abknallen oder aufknüpfen.“

Ein Kritiker: „Findest du nicht, dass du dich mit deiner Ausdrucksweise genauso radikal verhältst, wie die, die du kritisierst?“

Patriot: „Wohl auch son linksgrünversieferter Linksfascho, was? Dich können die gleich hinten dran stelen zum abknalen!“

Eine ergebnisfreie Diskussion! Einmischen: sinnlos!

 

AUSdiskutiert

Gespräch im Rahmen von HeimArt mit C. Rüter (Foto M. Besse-Sandmann)

Gespräch im Rahmen von HeimArt: Der Autor (li) im Gespräch mit dem Regisseur Christoph Rüter (Foto M. Besse-Sandmann)

Mit den Jahren habe ich die Lust am öffentlichen Diskutieren verloren. Wenn ich denke, dass Rot eine tolle Farbe ist, andere aber Blau besser finden, macht es wenig Sinn, sich auf Lila zu einigen. Ich mag die Farbe nicht besonders! Allerdings interessiert es mich auch nicht so brennend, Blau in all seinen Facetten kennenzulernen. Warum dann diskutieren? Wäre vielleicht stilles Tolerieren besser oder – wie gerne immer wieder hervorgehoben wird – das Akzeptieren der anderen Meinung? Warum soll ich mit vernebelten Rechten darüber diskutieren, dass ein friedliches, tolerantes, gerechtes oder gleichberechtigtes Miteinander eine tolle Sache ist, wenn das Ganze in einer ideologischen Sackgasse endet und ich mir anhören muss, in einer ideologischen Denkblase zu stecken? Wer schon mal in rechten Wassern diskussionstechnisch gefischt hat, weiß wie Fischkadaver stinkt!

Eine ganze Weile hatte ich meine Überlegungen zum Thema Diskutieren auf Eis gelegt, da stieß ich auf diverse Artikel über den Umgang mit den Rechtsradikalen a la AfD, Patrioten oder Identitären hier im Land. Man solle mit ihnen diskutieren, sagten die einen, man sollte es sein lassen, meinten die anderen. Nun fand ich auf ZEIT online (Störungsmelder vom 2.1.2018) einen Bericht über Götz Kubitschek. Darin wird der Rechtsextremist zitiert: »Wozu sich erklären? Wozu sich auf ein Gespräch einlassen, auf eine Beteiligung an einer Debatte? Weil Ihr Angst vor der Abrechnung habt, bittet Ihr uns nun an einen Eurer runden Tische? Nein, diese Mittel sind aufgebraucht, und von der Ernsthaftigkeit unseres Tuns wird Euch kein Wort überzeugen, sondern bloß ein Schlag ins Gesicht«. Damit wäre dann wohl die Diskussion abgeschlossen. Fragt sich nur noch: Auf die Schläge warten oder friedlich die Rechte mundtot machen? Wir müssen reden!

Arnold Illhardt

Arnold Illhardt