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Normalisierungsprozesse
Wenn Abnormes normal wird

Normalisierungsprozesse: Wenn Abnormes normal wird, dann sind schleichende Prozesse am Werk, die so gewollt sind oder sich unserer Aufmerksamkeit entzogen haben. Es sind Mahner und Bewahrer notwendig, um solche Normalisierungsprozesse aufzudecken. Ein Plädoyer für die gesellschaftliche Achtsamkeit.

Was ist schon normal?

Normalität 6 (Quelle - www.wuerzburgerleben.de - Bearbeitung AI)

Mobbing – hört auch irgendwann wieder auf. Normalität (Quelle – www.wuerzburgerleben.de – Bearbeitung AI)

Auf meine Frage nach dem momentanen Befinden pflegte eine ältere Jugendliche stets mit „normal“ zu antworten. Für einen unbedarften Fragesteller wäre damit der obligatorische „Wie-geht´s-Part abgeschlossen, doch als Vertrauensperson wusste ich: „Normal“ hieß für sie, sich heute nur einmal selbstverletzt und die Downphasen auf wenige Tiefs begrenzt zu haben. Das Mädchen hatte in ihrer Kindheit zahlreiche Traumatisierungen erlebt und somit hatte Normalität für sie eine andere Bedeutung als für die meisten anderen Menschen.

Normalität ist also ein relativer Begriff und taugt als statistisches Maß oder als Richtlinie wenig. In der Regel basiert sie auf zwei Bedingungen:

  1. Es handelt sich um individuelle Normalität, weil ein Individuum nach eigenen Vergleichen und aus einem persönlichen Gefühl heraus zu dem Ergebnis gekommen ist, dass ein Verhalten oder ein gesundheitlicher Zustand als normal zu bezeichnen ist. Wenn ich über lange Zeit Beobachtungen anstellen konnte, dass es von der eigenen Norm Abweichungen im positiven und negativen Sinne gibt, dann wird ein Befinden, das irgendwo in der Mitte liegt, vermutlich als normal gelten bzw. empfunden werden.
  2. Von einer Normalität aus soziologischer Sicht spricht man, wenn bestimmte Verhaltens- oder Vorgehensweisen gesellschaftlich als normal bezeichnet werden, weil es sich um allseits akzeptierte Selbstverständlichkeiten handelt, die keiner großen Diskussion mehr bedürfen. „Die Vorstellung von Normalität orientiert sich entweder an einem Ideal, an einem erwünschten Zustand, am Durchschnitt oder im Einzelfall an der Angemessenheit.“ (www.sign-lang.uni-hamburg.de)

Zur Normalität kann etwas werden, weil es so von einer Autoritätsperson oder einer übergeordneten Gruppierung vorgegeben wurde. Für viele muslimische Frauen ist es daher recht normal, sich zu verschleiern. Auch wenn es für westliche Empfindungen, vor allem auf einem emanzipatorischen Hintergrund nicht nachvollziehbar ist und man nicht versteht, warum nicht auch muslimische Männer verschleiert sind, gehört diese Form der Kleidung für viele zum kulturell oder religiös bedingten Selbstverständnis.

 

Mensch gewöhnt sich an ALLES

Normalität 1 (Quelle - Neue Westfälische - Bearbeitung AI)1 (Quelle - Neue Westfälische - Bearbeitung AI)

Hassmails – liest man heutzutage ständig. Normalität (Quelle – Neue Westfälische – Bearbeitung AI)

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, sagt man. Er gewöhnt sich an alles. Auch wenn ich mich persönlich gar nicht an alles gewöhnen möchte, ist eine solche kognitive Verarbeitung zum Teil (über-)lebenswichtig, um die auf uns einströmenden Reize nach wichtig versus unwichtig oder brauchbar versus überflüssig zu selektieren. Hier gilt das Prinzip der Verhältnismäßigkeit: Mich daran zu gewöhnen, dass das Rathaus meiner Heimatstadt grottenhässlich ist, ist verhältnismäßig zu verschmerzen. Schlussendlich kann ich es ja auch nicht bei Nacht und Nebel in die Luft sprengen, um den Verantwortlichen zu signalisieren, was für eine architektonische Katastrophe sie da in die Welt gesetzt haben. Das Rathaus bekommt somit irgendwann eine Art Normalität als Teil der ansonsten recht schönen Stadt.

Anders verhält es sich mit Normalisierungsprozessen im gesellschaftlich-humanitären Bereich. Kriege können keine Normalität darstellen, ebenso wenig wie die Flüchtlingssituation, der Hungertod von Millionen von Menschen oder die Verarmung von Menschen. Und dennoch lassen wir uns tagtäglich von schleichenden Normalisierungsprozessen vereinnahmen; so sind die Nachrichten über soeben grassierende Katastrophen oder brutale Schicksalsschläge, über Hungersnöte und Willkürherrschaften, über Klimaveränderungen und Sturmfluten in der Tagesschau Teil dieser schleichenden Gewöhnung geworden. Genauso wenig, wie ich nicht ohne weiteres unser Rathaus sprengen kann, kann ich nichts dafür tun, dass die Kriege aufhören und alle Menschen Zugang zur Nahrung bekommen. Denke ich! Doch bin ich wirklich so hilflos, wie es aussieht?

Normalität 3 (Quelle - Wikipedia - Bearbeitung AI)

Rechtsradikale – sind doch nur eine kleine Minderheit. Normalität (Quelle – Wikipedia – Bearbeitung AI)

Dass momentan Bewegungen wie Pegida oder AfD entstehen, hat etwas damit zu tun, dass dort Menschen andocken, die nicht bereit sind, über ihren Tellerrand schauen zu wollen. Sie sind schlichtweg überfordert, nicht zu dumm, ihre eigenen Konstrukte über gesellschaftliches Zusammenleben zu reflektieren. Damit machen sie es sich mehr als einfach, denn sie entziehen sie sich einem wichtigen kognitiven Baustein, der für ein Miteinander wichtig ist: dem Nachdenken. Natürlich beanspruchen auch Pegida und AfD für sich, zu Gewohnheit gewordene Prozesse anzuklagen, allerdings (s.u.) stellen sie frei nach der Prämisse „Eindimensionalität statt Vielfalt“ Normalitäten infrage, die längst gesellschaftlicher Konsens geworden und sogar im Grundgesetz verankert sind.

Normalität 4 (Quelle - WWF Jugend - Bearbeitung AI)

Massentierhaltung – die kommen doch eh anschließend in die Pfanne. Normalität (Quelle – WWF Jugend – Bearbeitung AI)

Die Normalisierungsprozesse vollziehen sich aber nicht nur auf der Ebene der großen Weltpolitik, die ja – das muss man sich mal auf der Zunge (besser nicht) zergehen lassen – von ein paar wenigen Misanthropen verantwortet wird, die in ihrer Gänze nur einen homöopathischen Bruchteil der Menschheit darstellen. Es geht auch um die alltäglichen Gewöhnungsvorgänge: Wir gewöhnen uns daran, dass Kinder in ihren Schulsystemen verwirtschaftlicht werden, dass rechtsradikale und damit menschenverachtende Politiker in unsere Land- und Bundestage einziehen, dass unsere Nahrung verunreinigt wird, dass unsere Demokratie längst keine mehr ist, sondern nur noch eine Lobbykratie, dass die Umwelt durch schädliche Energiegewinnung ruiniert wird, dass Falschmeldungen zur Tagesordnung gehören oder gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen geschossen wird. Wir tolerieren, dass es Mobbing an den Schulen gibt, dass in kirchennahen Einrichtungen immer noch Kirchenrechte an der allgemeinen Rechtsprechung vorbei gelten, dass Frauen auch 2017 benachteiligt werden oder Personen a la Dieter Bohlen das Recht zugestanden wird, untalentierte Gesangskünstler öffentlich zu dissen. Wir nehmen es als normal hin, dass Behörden unsere Freiheiten einengen, anstatt sie zu fördern, dass Manager mit Millionengehältern bezahlt, während unsere Altenpfleger mit einem Minimum abgespiesen werden oder dass Leute in die Türkei reisen, obschon dort staatlich gefoltert, getötet und die Pressefreiheit mit Füßen getreten wird.

Wir gewöhnen uns an alles. Wenn wir es nicht schaffen, uns abzuwenden und wahrnehmungstechnisch auf Durchzug zu stellen, werden wir vielleicht krank daran oder laden unseren Frust auf facebook ab. Aber am Ende des Tages ist da immer die innere Stimme, die zur Tagesordnung aufruft: Das ist eben so und nicht änderbar. Lass es Normalität sein, auch wenn sie dir nicht gefällt. So einfach ist das.

 

Und nun?

Doch was tun? Soll ich wirklich der AfD beitreten oder sie wählen, weil die alles abschaffen wollen oder leugnen, was anstrengend ist? Das ist das Kleinkindschema: ich tue so, als wenn nichts wäre, dann muss ich keine Eigenverantwortung übernehmen. Viel erwachsener ist es doch, sich einem Prozess zu unterziehen, den man Entnormalisierung nennen könnte. Dieser Prozess könnte aus 5 Phasen bestehen:

A Nachdenken

Normalität 7 (Quelle - Spiegel AFP - Bearbeitung AI)

Flüchtlinge – hätten ja auch da bleiben können. Normalität (Quelle – Spiegel AFP – Bearbeitung AI)

Wir werden in den meisten Fällen schulisch so ans Leben herangeführt, dass wir nicht denken, sondern reproduzieren lernen. Ethische und/oder philosophische Unterrichtsbausteine in allen Schulformen halte ich für ungemein wichtig und einfach in ihrer Umsetzung. Wir Erwachsenen brüsten uns, reife Persönlichkeiten zu sein, was ich bei der Hälfe der vermeintlich Erwachsenen in Frage stelle. Reif hieße, in der Lage zu sein, nachzudenken und dass bedeutet vor allem, selbst zu denken. Dafür benötigt man keinen Gymnasialabschluss. Das Selbstdenken ist eines der Krönungen im erwachsenen Kognitionskosmos.

Eine reflektierte Meinung bilden

Meine Frau und ich sind TAZ-Leser. Ein eher konservativ ausgerichteter Bekannter brachte einmal ein, dass ja hier ein sehr linkes Weltbild bedient würde, was wir dadurch ausschließlich übernehmen. Mal abgesehen davon, dass das klassische Links-Rechts-Denken reichlich überholt ist, stimmt sein Vorwurf insofern nicht, als dass ich die Inhalte zum einen nicht unreflektiert lese, zum anderen weitere Pressemitteilungen zur Meinungsbildung hinzuziehe. Wird zum Beispiel in der TAZ die Meinung xy vertreten, so halte ich es für wichtig, diese durch den Abgleich mit anderen Publikationen zu überprüfen, bevor man sie ungefiltert übernimmt. Das Denken über die Welt oder Segmente des politisch-gesellschaftlichen Lebens werden zu individuellen Konstrukten zusammengefasst. So gibt es ein Konstrukt über friedliche versus kriegerische Auseinandersetzungen oder offenen versus geschlossenen Nationalgebilden. Dazu kann sich jeder Menschen Gedanken machen; wir sind in der Lage, überall Informationen abzurufen.

  1. Meinungen überprüfen
Normalität 2 (Quelle - Wikipedia - Bearbeitung AI)

Kriege – gab´s doch schon immer. Normalität (Quelle – Wikipedia – Bearbeitung AI)

Konservativ kommt von dem lateinischen Wort conservare und meint bewahren oder erhalten. Eine konservative Geisteshaltung gibt es links, wie rechts; oftmals wirken solche Einstellungen starr und zeitlich überholt. Andersrum ist es wichtig, dass es Bewahrer gibt, die nicht müde werden, daran zu erinnern, dass man sich mit gewissen Auswüchsen eines Zeitgeists, die sich als normal eingeschlichen haben, auseinandersetzt. So mag es normal sein, seine sozialen Kontakte über ein Smartphone zu regeln, es ist und bleibt aber nicht normal, dies dann zu tun, wenn man sich in einer Unterhaltung befindet. Gewisse Umgangsformen sollten bewahrt werden. Halte ich aber an der Maxime fest, dass Schläge bei Kindern noch nie geschadet hätten, so ist dies eine falsche und somit ungeprüfte Meinung. Schläge sind für jedes Kind eine Form von Misshandlung, unter der es leidet und die Folgeschäden in der psychischen Entwicklung nach sich ziehen können. Zudem spricht es nicht für ein sozial kompetentes Verhalten der Eltern oder Erzieher, falsches oder ungewünschtes Verhalten von Kindern über diesen Weg zu reglementieren.

  1. Orientierung an vereinbarten Metawerten

Es gibt – vielleicht auch zum Glück – kein vereinbartes Maß, das bestimmt, ob etwas normal oder unnormal ist. Indem es „bestimmt“, ist es schon kein freier Entscheidungsprozess mehr. In fernöstlichen Ländern, inklusive der Türkei ist es normal, Menschen zu foltern. Würde sich die AfD durchsetzen, würde es normal werden, dass gleichgeschlechtliche Eltern keine Kinder mehr großziehen dürfen. Das wäre mehr als schlimm, weil es fantastische Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern gibt. Und dennoch könnte sich eine Gesellschaft durch überparteiliche Prozesse darauf einigen, bestimmte gesellschaftliche Metawerte dem Denken und Handeln zugrunde zu legen. Man könnte dies auch als eine neue Kunst des friedlichen Zusammenlebens bezeichnen.

Ein solcher Entwurf für eine solche Kunst ist das Konvivialistische Manifest (www.diekonvivialisten.de), wie es von hauptsächlich französischen Wissenschaftlern und Intellektuellen herausgegeben wurde. Dieses Manifest basiert auf Forderungen wie: Kampf gegen die Maßlosigkeit der Menschen (gegen extreme Armut und extremen Reichtum), ein Maximum an Pluralismus, Gleichberechtigung und Gleichheit, sowie ein Vorzug des Seins vor dem Haben in Anlehnung an Erich Fromm bei größtmöglicher gesellschaftlicher Autonomie. Das sich hier die Parole der französischen Revolution Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit (dem möchte ich noch die Schwesterlichkeit hinzufügen) erkennen lässt, ist wohl sicherlich kein Zufall.

  1. Etwas tun

    Normalität 5 (Quelle - Süddeutsche Zeitung - Bearbeitung AI)

    Hungersnöte – man kann sich nicht um alles kümmern. Normalität (Quelle – Süddeutsche Zeitung – Bearbeitung AI)

Die oben genannten konvivialistischen Punkte sind natürlich grob vereinfacht, aber wäre es nicht ziemlich simpel, sich im Hinblick auf Überlegungen zu einer Normalität auf solche Grundstrukturen zu einigen? Und hier ist jeder einzelne gefragt, das in seinen Möglichkeiten stehende zu tun, um an gesellschaftliche, kulturelle oder politische Normalitäten zu erinnern und sie zu schützen. Es ist m.E. ziemlich sinnfrei, dafür politische Parteien zu nutzen, denn es hat nichts mit Freiheit zu tun, wenn man das Vordenken Personen anvertraut, die vor allem aus Motiven wie Machtversessenheit, persönlicher Bereicherung und Profilierung handeln. Es sind vielmehr Initiativen, Nichtregierungsorganisationen oder auch religiöse Gemeinschaften, die hier als Mahner und Bewahrer fungieren und Wiederstand leisten sollten.

Aber manchmal ist es das Handeln im Kleinen, was Wunder bewirkt und effektiv ist: Wenn wir gesellschaftliche Achtsamkeit walten lassen, indem wir uns in Gesprächen, Diskussionen oder sicherlich auch in den sozialen Netzwerken einbringen und gesellschafts-, persönlichkeits- und freiheitsgefährdende Normalisierungsprozesse anprangern, ist vielleicht schon mehr gewonnen, als eine staatliche Behörde damit zu beauftragen. Man darf Normalisierungsprozesse nicht aus dem Auge verlieren und muss sie wenn nötig mit provokativen Aktionen, Demonstrationen oder Petitionen sichtbar machen. „Da sich unsere Welt radikal verändern wird, stehen wir nicht vor der Frage, ob alles bleiben soll, wie es ist, oder nicht. Wir stehen nur vor der Frage, ob sich diese Veränderung durch Gestaltung oder Zerfall vollziehen wird – ob man sehenden Auges die sukzessive Verkleinerung des noch bestehenden Handlungsspielraums geschehen und damit Freiheit, Demokratie, Recht und Wohlstand über die Klinge springen lässt. Oder ob man seinen Handlungsspielraum nutzt, um Freiheit zu erhalten, also auch die Freiheit, die Dinge besser zu machen.“ (Harald Welzer, aus „Selbst denken“)

Arnold Illhardt

Arnold Illhardt

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