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Nachkriegszeit
Gedanken über (Liebes)Beziehungen

Thinking about Love - (c) Sandra Löhr

Thinking about Love – (c) Sandra Löhr

Wir alle waren im Krieg. Wir alle sind einmal in einen Krieg geraten, den wir nicht selbst verursacht hatten, mit dessen Folgen wir nun aber selbst umgehen lernen müssen.

 

Wir alle müssen lernen, unsere Bedürfnisse wahrzunehmen, zu äußern und zu verfolgen, ohne neue Kriege zu verursachen. Wir alle müssen lernen, uns unsere Bedürftigkeit einzugestehen und dem vermeintlichen Feind zu vertrauen.

Nein, wir müssen es nicht. Aber wenn wir es nicht tun und nur weiter kämpfen oder uns nur weiter verstecken, erhalten wir die Bilder des Krieges (in unserem Inneren) aufrecht und kämpfen selbst Kriege. Krieg ist das, was wir kennen. Die Distanz & das Leid darin fühlen sich vertraut an. Deshalb merken wir manchmal nicht einmal, dass wir uns freiwillig in einen neuen Krieg begeben. Wir suchen freiwillig neue Kriegsgebiete auf.

Wollen wir Frieden kennenlernen, dürfen wir keinen neuen Krieg entfachen oder aber müssen unseren Mut zusammennehmen, um uns aus unserem Versteck zu begeben, in das wir uns aus Angst zurückgezogen haben. Auch wenn wir noch nicht wissen, wie Frieden eigentlich geht und wie sich Frieden eigentlich anfühlt.

Frieden besteht darin, Verbindung zu schaffen & Nähe zuzulassen. Frieden bedeutet, Verantwortung für unsere Bedürfnisse zu übernehmen und behutsam mit den Bedürfnissen anderer umzugehen. Doch meistens kämpfen wir Freiheitskämpfe gegen Verbindung, weil wir glauben, unser Bedürfnis im Kampf verteidigen zu müssen oder seine Erfüllung durchsetzen zu können. Dabei verwechseln wir Freiheit mit Frieden.

Wir kämpfen für Freiheit, weil Freiheit unsere Unabhängigkeit wahren soll. Wir wollen Unabhängigkeit, weil wir uns unsere Bedürftigkeit nicht eingestehen können. Wir verachten unsere Bedürftigkeit & wir verachten sie im anderen. Deshalb kämpfen wir. Unabhängigkeit ist Angst vor Verbindung, Angst vor Nähe, Angst vor Frieden.

Als Freiheitskämpfer kämpfen wir um unsere Grenzen. Wir alle sind Länder mit unterschiedlichen Grenzen auf verschiedenen Ebenen – je nachdem auf welcher Ebene sich die alten Kriege abgespielt haben. Frieden liegt nicht in Grenzenlosigkeit, sondern im liebevollen Verständnis für die eigenen Grenzen und die des anderen. Frieden ist keine Freiheit. Frieden ist Verbindung. Frieden ist keine Vereinnahmung. Frieden bedarf keiner Kontrolle.

Die Grenzen des anderen sind keine Akte der Gewalt gegen die eigenen Bedürfnisse, die Grenzen des anderen sind keine Eingrenzung der eigenen Grenzen – und andersherum. Jeder trägt selbst die Verantwortung für die eigenen Grenzen und für die eigenen Bedürfnisse. Und ja, Nachkriegskindern fällt es schwer die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und die eigenen Grenzen behutsam zu wahren.

Aber wir können lernen, wenn wir wollen.
Nicht von heute auf morgen, sondern Schritt für Schritt.
Durch Kriegsdienstverweigerung – ohne Resignation mit viel Mut & Liebe.

3 Kommentare

  1. Liebe Sandra, über den Text lässt sich viel nachdenken, den Kopf wiegen, nicken – und streiten. Das Wort „Krieg“ ist mir hier zu viel. Es geht um Konflikte, Selbstaufgabe, Streitkultur, Verletzbarkeit, Angst….Ich bin ja auch so ein Nachkriegsenkel, aber ich habe niemals in einem Bombenhagel ausharren müssen und wenn ich trauere, weil ich etwas unfreiweillig umziehen muss, ist das immer noch ein Klacks gegenüber einer Flucht und den Verlust der Heimat, Freunde, allen Besitzes. Aber: der Frieden im Inneren ist sicher eine schlechte Voraussetzung dafür, Kriege zu führen. Das unterscheidet den Dalai Lama von Erdohan, Putin, Trump und Kumpanen. Danke für den Text und seine Anregungen, ich werde ihn sicher noch ein paar Mal lesen. Daniela

  2. Liebe Daniela,
    danke für Deinen Kommentar. Ich habe auch länger über den Begriff „Krieg“ nachgedacht. Er ist mir selbst eigentlich auch zuviel an dieser Stelle – gerade in dieser Zeit… Doch ich habe ihn hier trotzdem beibehalten und metaphorisch verwendet, weil er genau das trifft, was ich immer wieder beobachte, dass (zwei) Menschen in einen derartigen Konflikt geraten, der sich (für sie – immer wieder) absolut existentiell anfühlt und zuspitzt. Aus Gedanken darüber ist der Text entstanden.
    Und ja, gegenüber Menschen, die einen „echten“ Krieg mit staatlicher oder terroristischer Gewalt erleben, ist der Begriff hier vielleicht unangebracht… Ich werden auch nochmal darüber nachdenken. Vielleicht ist ein solcher Krieg aber auch nur eine Erweiterung der Kriege in den kleinen Beziehungen?! I don’t know…
    Herzlichst
    Sandra

  3. Da der Artikel sehr metaphorisch ist, passt auch der Ausdruck „Krieg“ m.E. ganz gut. Der Begriff ist ja zunächst einmal allgemeingültig, d.h. er meint das Zwischenmenschliche genauso, wie das große Kriegsereignis a la Aleppo. Und wenn man nicht im Kleinen Kriegsdienstverweigerung betreibt, funktioniert es im Großen auch nicht.

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