Innenweltverschmutzung
Wenn die Menschlichkeit verloren geht

Früher gehörte es zum allgemein gültigen Wertesystem, ehrlich, tolerant, sozial, solidarisch und menschenliebend zu sein. Heute findet durch unterschiedlichste Einflüsse eine Innenweltverschmutzung statt. Solidarität und Menschlichkeit sind plötzlich verpönt. Selbstverschuldet oder kollektiv programmiert?

Annäherung an einen Begriff

Innenweltverschmutzung - 0 - (Foto, Gestaltung Arnold Illhardt)

Innenweltverschmutzung – 0 – (Foto, Gestaltung Arnold Illhardt)

Innenweltverschmutzung, ein etwas sperriger Begriff, der mir eher beiläufig einfiel. Schade, ich hätte ihn gerne kreiert, aber bei meinen Recherchen musste ich feststellen, dass er als Buchtitel bereits genutzt wurde und auch in dem einen oder anderen Text im Internet herumdümpelte.  Die geniale Wortschöpfung scheint sich allerdings nicht durchgesetzt zu haben, dabei ist sie wie gemacht für die gesellschaftliche Jetztzeit.

An die Außenweltverschmutzung, auch Umweltverschmutzung genannt, haben wir uns ja inzwischen gewöhnt. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier und passt sich an fast alles an. Und irgendwann kommt er gar zu dem Schluss, dass so etwas eben zur Normalität des Lebens dazugehöre. Da sterben Tierarten aus, da verpesten Firmen ungeniert die Luft, sowie Wasser und Boden und da zerstören unsere Ausdünstungen das Ozonloch, aber bis auf ein paar unverwüstliche Gutmenschen (Ausdrucksweise der Neofaschisten) kümmert das so richtig niemanden. Wenn der gut getarnte Überkopfkletterer Nebelparder ausstirbt, ist das irrelevant, weil man eh noch nie im Leben (außer vielleicht im Zoo) ein solches Tier gesehen hat und es daher auch nicht weiter auffällt, wenn es fehlt.

Vielleicht müssten erst Hunde, Pferde und Katzen aussterben, damit ein verstärktes Raunen durch das unbeteiligte Volk geht. Und da auch Ozonlöcher unsichtbar sind und die Lunge von den vielen Abgasen noch nicht blutet, geht man eben über zum Tagesgeschäft. Aktuell setzen Rechtspatrioten alles in Bewegung, um den Menschen im Land, die sie Volk nennen, den Bären aufzubinden, Umweltverschmutzung sei eine Erfindung einer links-grün-versifften Brotbeutelbande. Und sie stehen damit nicht alleine, denn die Industrie lässt wissenschaftliche Gutachten verfälschen, um ein „Alles-Halb-So-Schlimm“ zum Credo zu machen. Die ersten Schritte in Richtung Innenweltverschmutzung wären bereits gemacht! Wir lassen uns hinters Licht führen und glauben, was vermeintliche Experten uns erzählen!

Innenweltverschmutzung - 1 - (Foto, Gestaltung Arnold Illhardt)

Innenweltverschmutzung – 1 – (Foto, Gestaltung Arnold Illhardt)

Nun also Innenweltverschmutzung! Neulich sprach ich mit ca. 18 Jugendlichen über das Erwachsenwerden. Schlaue Köpfe, die sich wie ich der Psychologie verschrieben haben, kreierten seinerzeit unterschiedliche Modelle der sogenannten Entwicklungsaufgaben, womit das Lösen bestimmter Lebensprobleme gemeint ist. Dazu gehören Aufgaben wie neue und reifere Beziehungen zu Altersgenossen beiderlei Geschlechts, die emotionale Unabhängigkeit von den Eltern und von anderen Erwachsenen oder ein sozial verantwortliches Verhalten. Zeitentsprechend wurden z.B. von Klaus Hurrelmann die Aufgaben noch erweitert um Aspekte wie Entwicklung einer intellektuellen und sozialen Kompetenz oder/und eines eigenen Werte- und Normensystems sowie eines ethnischen und politischen Bewusstseins. Eine Umsetzung oder Lösung dieser Aufgaben/Probleme wird erwartet, doch stellt sich die Frage: Woher weiß ich als Jugendlicher, dass dies von mir erwartet wird und das diese Forderungen zu einer guten (was ist das?) Gesellschaft gehören? Erzählen mir das die Eltern, die Schule, die Peergroup, erfahre ich davon in Zeitungen oder im Sportverein?

In dem besagten Seminar mit Jugendlichen wies ich die Teilnehmer darauf hin, dass es noch eine weitere wichtige Aufgabe gäbe, nämlich das Selbstdenken, das Hinterfragen, ob das, was mir von übergeordneten Institutionen wie Staat oder Religion vorgekaut wird, auch essbar bzw. genießbar ist. Meine Ausführungen wurden zunächst mit erstauntem Schweigen, später mit engagierter Diskussionen erwidert und plötzlich kamen zahlreiche Rückmeldungen zusammen, wo und wie man schlechte Erfahrungen mit dem Selbstdenken gemacht habe und eigene Meinungen nicht erwünscht waren. Nur hatte man selbst noch nie darüber nachgedacht! Könnte also eine Innenweltverschmutzung eventuell damit zusammenhängen, dass wir von außen beeinflusst, gesteuert oder gar programmiert werden, um z.B. nicht zu viel nachzudenken? Um zu funktionieren, wie es die Herrschenden vorsehen? Existiert vielleicht sogar eine kollektive Programmierung?

Innenweltverschmutzung - 2 - (Foto, Gestaltung Arnold Illhardt)

Innenweltverschmutzung – 2 – (Foto, Gestaltung Arnold Illhardt)

Wie lässt sich eine Innenweltverschmutzung umschreiben? Sicherlich ist es wichtig, zunächst den Gegenbegriff zu finden. Vielleicht könnte man von einer intakten oder reflektierten Innenwelt sprechen. Erich Fromm sprach davon, dass wir mit dem „ganzen Menschen“, aber auch zum „ganzen Menschsein“ in Kontakt treten sollten. Viele Aspekte, die eine Persönlichkeit mit einem reflektierten Innenleben ausmachen, finden sich in den meisten Religionen, Kulturgrundlagen oder Philosophieansätzen wieder. Danach ist ein Individuum, das sich als „ganzer“ Mensch bezeichnen möchte: sozial, mitfühlend, seiner Sinne bewusst, fähig zu Mitleid und Trauer, selbstentscheidend, selbstdenkend, zu Kritik fähig, sozial kompetent, Gerechtigkeit liebend, tolerant und gleichberechtigte Teilmenge der kompletten Menschheit. U.a. sind dies Grundlagen des christlichen Abendlandes. Wenn sich rechte Radikale mit diesem Begriff schmücken, haben sie entweder keine Ahnung, haben mal wieder etwas falsch abgeschrieben oder – was die wahrscheinliche Variante ist – setzen sie bewusst als Täuschung ein.

Lehnt man diesen Begriff der Innenweltverschmutzung an die bekannte Definition der Umweltverschmutzung an, so ist damit die Verschmutzung oder Belastung der natürlichen Innenwelt des Menschen gemeint. Offenbar vergeblich bemühten sich Generationen von Menschen in Deutschland, allgemein gültige Aspekte wie Gleichberechtigung, Freiheit in seinen unterschiedlichen Facetten, Integration, Akzeptieren von Andersartigkeit oder Vielfältigkeit zu implantieren. Momentan werden sie von den Horden des Rechtspopulismus ad absurdum geführt. Eine Innenweltverschmutzung hieße somit im Rückschluss: Rassismus, gesellschaftsspaltendes Verhalten, Egoismus, Leistungsorientierung als Prinzip, Machtmissbrauch, Benachteiligung schwächerer Mitmenschen, Amüsieren und damit Akzeptieren über menschliche Fehlleistungen/Fehler, unreflektierte Übernahme von fremden Meinungen etc.

 

Verantwortliche Institution Elternhaus

Innenweltverschmutzung - 3 - (Foto, Gestaltung Arnold Illhardt)

Innenweltverschmutzung – 3 – (Foto, Gestaltung Arnold Illhardt)

Natürlich sollten die Grundsteine für eine solide Innenwelt im Familienkreis gelegt werden. Familie, so der Entwicklungspsychologe Bronfenbrenner, ist das primäre Mikrosystem. Neuerdings werden von den rechtsradikalen Parteien, die – und hier schließt sich der Kreis – aufgrund geballter Innenweltverschmutzung der Wähler entstanden sind – auf die Wichtigkeit der Familie mit heterosexuellen Eltern, als Hafen in einer herzlosen Welt oder Keimzelle der Gesellschaft hingewiesen. Diese Aussage ist insofern unsinnig, da eine Familie in klassischer Besetzung mit Vater und Mutter nicht automatisch auch gewährleistet, eine Keimzelle für was auch immer zu sein. In meinem Alltag erlebe ich Unmengen an Innenweltverschmutzungen bei Kindern dadurch, dass keine Zeit mehr für Kinder da ist, dass keine verbindlichen Abmachungen mehr getroffen werden, dass ein ungefilterter Umgang mit Medien erlaubt wird, dass die Eltern (z.T. selbst lediglich älter gewordene Kinder) keine Vorbildrolle mehr einnehmen, dass Zuwendung z.T. nur noch mit Leistungsdenken verbunden wird oder dass in Scheidungsfamilien auf unerträgliche = unreife Weise der Ehezwist auf dem Rücken der Kinder ausgetragen wird. Die Liste ließe sich beinah unendlich verlängern. Wie soll hier eine Keimzelle entstehen, die sich konträr zu Innenweltverschmutzungen verhält?

Auch wenn ich aus heutiger Sicht nicht alle Erziehungsmaßnahmen meiner sehr konservativ eingestellten Eltern für gut heißen würde, so sind doch viele hier erfahrene Strukturen nachhaltig prägend gewesen. Obschon selbst nicht sonderlich wohlhabend, war es ihnen stets wichtig, ihre christlichen Werte zu praktizieren. Während sich mein Vater um die Ärmsten der Armen kümmerte und auch die damaligen Gastarbeiter mit Möbeln versorgte, war meine Mutter als Vertrauensfrau aktiv und organisierte ein Café für ausländische Mitbürger und alte Leute, ihre Tätigkeit war ehrenamtlich. Ihr Vorgehen, nicht nur auf sich selbst zu achten, Nächstenliebe zu praktizieren oder Toleranz gegenüber Schwächeren waren für mich ein wichtiger Richtungsanzeiger.

 

Verantwortliche Institution Schule

Innenweltverschmutzung - 4 - (Foto, Gestaltung Arnold Illhardt)

Innenweltverschmutzung – 4 – (Foto, Gestaltung Arnold Illhardt)

Eine Innenweltverschmutzung fängt also früh an, im Elternhaus und in der Schule, aber auch durch zufälliges Lernen in der unmittelbaren Umwelt. Wenn ein junger Mensch immer wieder erlebt, dass anders aussehende oder sich verhaltende Mitschüler in der Schulklasse ausgegrenzt oder gemobbt werden und sich von den Verantwortlichen niemand daran stört, dann kommt er irgendwann zu dem Schluss, dass dies ein normaler Vorgang sei. Sendungen wie „Deutschland Sucht Den Superstar“ geben solchen Ausgrenzungen Futter und sind somit nichts anderes als öffentliches Mobbing. Der Mob klatscht Beifall, wenn sich Menschen öffentlich blamieren.

Ich betreue chronisch kranke Kinder und Jugendliche; Mobbing gehört zu den häufigsten Problemen und hemmt einen unbeschwerten Umgang mit der Erkrankung enorm. Schaltet man sich ins zuständige Schulsystem ein, so muss man sich anhören, dass es Mobbing in der Schule nicht gäbe und man hier großen Wert auf ein Zusammen legen würde. Die Frage stellt sich da nur: Wie ist das Zusammen gemeint? Zusammen gegen das Opfer? Die Vermeidung einer Innenweltverschmutzung hieße somit, dass mir Modelle gezeigt werden, dass sich jemand zuständig fühlt, mich zu begleiten, anzuweisen und eben auch zu berichtigen, wenn der falsche Weg eingeschlagen wurde. Die Soziologie und Sozialpsychologie nutzt den Ausdruck des sozialen Korrektivs. Und das bedeutet eben auch, Grenzen zu setzen und konsequent bei falschem Verhalten zu reagieren. Wir benötigen in den Schulen und zwar so früh wie möglich, Fächer wie Ethik, Philosophie, Anleitung zur sozialen Kompetenz etc. Der Trend, die Jugendlichen bereits in jungen Jahren als Humankapital zu verfüttern (z.B. das schulische G-8 System), ist gesellschaftlich unverantwortlich.

Innenweltverschmutzung

Innenweltverschmutzung

Schulen sind heute vor allem Lernanstalten, in denen Vorgegebenes eingetrichtert wird. Es ist ein Zweckbetrieb, der allein schon durch die Verkürzung der Schuljahre und der Verdichtung des Lernstoffes keinen Raum mehr für Persönlichkeitsreifung- und entwicklung lässt. Es wird schlussendlich nicht nur an Fächern gespart, sondern auch an Pädagogen, die über die Lehrtätigkeit hinaus die Schüler begleiten: Wo sind die Schulpsychologen und –sozialarbeiter, wo die unabhängigen Vertrauenslehrer, wo die Anti-Mobbing-Trainer? Schule sollte vielmehr Proberaum fürs Leben werden, so wie es in einigen Modellschulen schon mit Erfolg umgesetzt wird.

Es wird von den Schulen immer wieder darauf hingewiesen, dass sie keinen Erziehungsauftrag haben und nicht das ausbügeln könnten, was von den Familien bzw. den Eltern „verzapft“ worden sei. Das ist nur halb richtig, da die Schule neben dem Kindergarten die erste Institution ist, die Kinder oder Jugendliche als Gruppe verschiedener Individuen begleitet. Wo, wenn nicht hier, ist es möglich, Andersartigkeit wahrzunehmen und auszuprobieren, Kritik auszuhalten und geben zu können oder die Kraft der Gemeinschaft im positiven Sinne zu entfalten. Eben Solidarität zu lernen.

 

Verantwortliche Institution Gesellschaft

Innenweltverschmutzung - 6 - (Foto, Gestaltung Arnold Illhardt)

Innenweltverschmutzung – 6 – (Foto, Gestaltung Arnold Illhardt)

Kultur, Ethnizität, aber auch Religion, Medien und bestimmte gesellschaftliche Vereinbarungen haben großen Einfluss auf die Gestaltung unserer Persönlichkeit und unsere Innenwelt. Dabei bleibt es mir vor allem in der westlichen Welt weitgehend selbst überlassen, ob ich diese Vorgaben annehme oder mich gegen sie entscheide. Die genannten Aspekte sind aber nicht nur persönlichkeitsbildend, sondern auch allesamt an einer Gesellschaftssteuerung beteiligt. Eine solche Steuerung sollte in optimaler Weise mehrdimensional sein, um so einer individuellen Selbstentfaltung und Autonomie möglichst viel Raum zu geben. Befasst man sich mit den verschiedenen kulturellen Spielarten wie Fernsehen, Printmedien oder Internet drängt sich mehr und mehr der Eindruck auf, dass diese Selbstentfaltung nicht erwünscht ist. Unzählige Beispiele deuten darauf hin, dass dem Gesellschaftsindividuum zuvorderst eine eindimensionale Zielfunktion zugedacht wird. Der Mensch soll vor allem unhinterfragt konsumieren, wozu seine digitalen Spuren auf Schritt und Tritt vermessen werden, um ihn führbar und vor allem verführbar zu machen.

Paul Mason spricht in seinem Buch „Postkapitalismus“ davon, dass der Mensch mehr und mehr „finanzialisiert“ und nach Belieben verheizt wird. Es ist somit fraglich, ob mir tatsächlich noch die Option bleibt, mich gegen kulturelle Prozesse zu entscheiden, da es schwer sein wird, sich dem fein gespannten Netz der Beeinflussung, Reglementierung und kollektiven Programmierung zu entziehen. Im überwiegenden Teil der Fernsehserien werden neoliberale, kapitalistische Existenzverhältnisse als ideale Lebensform verkauft. „Das Leben erscheint so als eine permanente Bewährungsprobe, als permanenter Wettlauf um einen hohen sozialen Status, als permanentes Sich-Thematisieren, Sich Optimieren, Sich-Darstellen“(1). Sozialkritische Ausrichtungen wie z.B. früher bei der Lindenstraße sind passe und offenbar nicht mehr erwünscht.

Die Grundlage solcher Fehlentwicklungen ist der jeweilige Gesellschafts- oder Sozialcharakter, wie Erich Fromm es bezeichnete. Einem solchen Charakter liegen gemeinsame Kernstrukturen und Formierungen zugrunde. Ich selbst bin in einer Struktur großgeworden, in der Solidarität eine große Rolle spielte, was u.a. bedeutete, dass soziale Gegensätze akzeptiert und Unterdrückung, sowie Bevormundung abgebaut werden sollten. Wie schon bei den Fernsehserien dargestellt, wandeln sich Teile der Gesellschaft zu einer „…Kultur der chronischen Unzufriedenheit, der permanenten Vergleichsfrustration … Selbst wenn es uns subjektiv bessergeht, reden wir von objektiver Verschlechterung.“ (2) Erich Fromm benennt die Struktur als „…von Konkurrenzkampf, vom Horten, von der Ausbeutung einer autoritären, aggressiven und individualistischen Einstellung geprägt“ (3). Eigentlich beschrieb er damit den Charakter des 19. Jahrhunderts. Ich denke aber, diese Beschreibung findet für die Jetztzeit immer noch Gültigkeit.

Innenweltverschmutzung - 7 - (Foto, Gestaltung Arnold Illhardt)

Innenweltverschmutzung – 7 – (Foto, Gestaltung Arnold Illhardt)

Die beschriebenen gesellschaftlichen Deformationen ziehen sich in weite Kreise der Politik hinein. Gelebt werden Lobbyismus und Wachstumsdenken um jeden Preis. Und damit hat sich die Demokratie längst von ihrer ureigenen Bedeutung verabschiedet und ist zu einer Verwaltung mutiert, in der Menschlichkeit nur noch rudimentär eine Rolle spielt. Politiker verhalten sich oftmals diametral zum Parteiprogramm: Sie nennen sich christlich und verhalten sich unsolidarisch und menschenverachtend. Und die Religionen – ich meine damit alle Religionen – sehen zu, schweigen und geben sich hin und wieder etwas „not amused“. Aber am Ende des Tages geht es darum, keine Wähler bzw. Kirchenmitglieder durch Verärgerung zu verlieren. Die so entstehende Unglaubwürdigkeit und Falschheit führt zu weiteren Verschmutzungen des Innenlebens. Ich lehne als libertär denkender Mensch das gängige Parteisystem in vielen Bereichen ab, weil es hier nicht mehr um Sachaufgaben geht, sondern um Parteidisziplin und andere unsinnigen Reglementierungen. Dennoch ist mir ein Christdemokrat, der auf christliche Grundwerte pocht und diese auch persönlich lebt, lieber als ein Linker, der in einem momentan gängigen Populismus seine Grundsätze verrät. Und umgekehrt!

Die Stärke rechtsradikaler Parteien wie AfD oder NPD (oder ihre Pendants in Europa) ist das Beherrschen von Staubsaugertätigkeiten: Sie saugen all die persönlichen und kollektiven Innenweltverschmutzungen auf, die sich bei den besorgten, verstörten oder auch gestörten Bürgern angesammelt haben. Der Ausdruck asozial bekommt hier eine ganz neue Bedeutung, denn rechtsradikales Denken fußt vor allem auf Aspekten wie Gesellschaftsunfähigkeit und –feindlichkeit. Deutschland ist nicht aufgrund von Einwanderern oder Flüchtlingen entwurzelt, sondern aufgrund einer gesellschaftlichen Pathologisierung der Deutschen durch Innenweltverschmutzung. Wir dachten, die großen Seuchen der Menschheit wären ausgerottet. Wir haben die Pest und Cholera weitgehend besiegt, nicht aber die seuchenhafte Krake rechtsradikalen Denkens.

Neulich las ich auf einem Wahlplakat der FDP in Mecklenburg-Vorpommern den Slogan „Für Wirtschaftsbeschleunigung“. Das scheint bei dem größten Teil der existierenden Parteien das Non-Plus-Ultra zu sein. Wäre nicht eine Menschlichkeitsbeschleunigung wesentlich wichtiger für unsere in die braune Widerlichkeit abdriftende Gesellschaft?

 

Verantwortliche Institution „Ich selbst“

Innenweltverschmutzung - 8 - (Foto, Gestaltung Arnold Illhardt)

Innenweltverschmutzung – 8 – (Foto, Gestaltung Arnold Illhardt)

Begreift sich der Mensch als selbstdenkendes und –verantwortliches Wesen oder wird er fremdgesteuert? Meine Ausführungen unter den vorherigen Rubriken mögen dies glauben machen. Sicherlich beißt sich der Hund hier selbst in den Schwanz, denn wie soll ich selbst denken, wenn man mir das abtrainiert, weil es z.B. schulisch nicht erwünscht ist? Wie soll ich gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, wenn man mir schon zuhause zeigte, dass nur das Konzentrieren aufs Ich zählt und ich meine Ellbogen gebrauchen soll? Wie soll ich Toleranz entwickeln, wenn mir das als undeutsch oder linksversifft ausgelegt wird? Wie soll ich Solidarität lernen, wenn mir keiner mehr zeigt, wie das geht? Wenn ich aufgrund einer schwerwiegenden Psychopathologie nicht in der Lage bin, selbst zu denken, so ist es sicherlich schwierig, Schalter umzulegen und das Verhalten zu ändern. Da dies aber für eher wenige Menschen zutrifft, ist grundsätzlich jeder in der Lage, sich zu hinterfragen: Ist das, was ich denke und tue noch mit Gesichtspunkten der Menschlichkeit zu vereinbaren oder bewege ich mich im Fahrwasser eines inhumanen, undemokratischen und egoistischen Weltbilds?

Vielfach ist zurzeit die Rede davon, dass die Wähler von AfD, NPD und anderen rechtsradikalen Sektierern verirrte Politikverdrossene seien. Und das an diesem menschlichen Desaster die Kanzlerin und der Rest des deutschen Machtapparates schuldig sei. Wie einfältig müssen dann Menschen sein, dass sie, um eine unfähige Kanzlerin abzustrafen noch unfähigeren, machtgeilen, hinterlistigen und gesellschaftskriminellen Einzehntelpolitikern ihre Stimme geben und sie auf diese Weise mit der Vertretung ihrer Belange beauftragen? Die Personen, die diese Parteien anführen, spielen bezüglich ihrer eigenen Innenweltverschmutzung bereits auf dem Niveau der Champions League.

Wenn sich jemand bewusst für eine radikale Partei, Religion oder Meinung entscheidet, so muss er oder sie sich auch die Frage gefallen lassen, warum er zu dieser Entscheidung gekommen ist. Ein Anhänger einer solchen radikalen Richtung muss sich außerdem gefallen lassen, nicht christlich, muslimisch, demokratisch, humanistisch oder tolerant genannt zu werden!

 

Was tun?

Innenweltverschmutzung - 9 - (Foto, Gestaltung Arnold Illhardt)

Innenweltverschmutzung – 9 – (Foto, Gestaltung Arnold Illhardt)

Innenweltverschmutzung hat viele Gründe, aber genauso auch viele Möglichkeiten, um sie zu vermeiden. Wie aus der sicherlich nicht vollständigen Umschreibung der verantwortlichen Institutionen hervorgeht, reicht es nicht, den Menschen schreiben und lesen beizubringen. Wir brauchen philosophische, ethische und gesellschaftskritische Fächer. Wir brauchen Vorbilder, die nicht nur nach Macht und Einfluss schielen, um ihre Profilneurose zu stillen, sondern Leute die Klartext sprechen. Wir brauchen klare Ansagen von den Menschen, die wichtige Rollen in Religionen oder Parteien haben, in denen sie sich von den verlogenen Trittbrettfahrern absetzen. Genauso wie die IS nichts mehr mit einem wie immer gearteten Islam zu tun hat, sind AfD-Politiker/Anhänger nicht automatisch Vertreter eines christlichen Abendlandes und CDU oder CSU-Politiker/Anhänger nicht Vertreter eines christlichen Menschenbildes. Wir brauchen einen Pakt von aufrechten Menschen, die nicht müde werden, auf humanistische Werte hinzuweisen, diese offen zu leben und für die Erhaltung einzusetzen. Wir brauchen Künstler, Sportler, Schriftsteller, Musiker und Personen des öffentlichen Lebens, die sich klar von den Innenweltverschmutzern absetzen. Wir brauchen ein neues/altes Weltbild, das den Menschen in den Fokus setzt, und nicht Wirtschaftsinteressen, Machtansprüche und egozentrisches oder egomanisches Denken. Unser Lernziel ist Solidarität!

Es bleibt zum Schluss nur die resignierte Frage: Was machen wir mit den Uneinsichtigen? Mir fällt dazu immer der Wahlspruch der 1992 gegründeten Initiative “Arsch huh, Zäng ussenander“ (Kölsch für Arsch hoch, Zähne auseinander) ein. Der Slogan ist wichtiger denn je. Leider auch nicht von mir!

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(1) Patrick Schreiner: „Zehn Jahre „Marienhof“-Skandal: Neoliberalismus in deutschen Fernsehserien. http://www.nachdenkseiten.de/, Sept. 2015

(2) Matthias Horx: „Das Buch des Wandels – Wie Menschen Zukunft gestalten“

(3) Erich Fromm: „Wege aus einer kranken Gesellschaft“

Arnold Illhardt

Arnold Illhardt