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Hochkonjunktur des Trivialen
Blockiert das Platte das Menschliche?

Eine Zeit lang las ich gerne Shakespeare oder sah ihn im Theater. Bei einem Essen sagte mir mein Schwager, der gerne Bier trank und stets einen flotten Spruch auf den Lippen hatte: Was dem einen sein Shakespeare / ist dem anderen sein Becks Bier. – Natürlich geht es in erster Linie um das geistige Niveau, und dafür gibt es keine Obergrenze. Aber Trivialität ist noch mehr, Zugang zur Welt der Menschen.

 

Umgeben vom Trivialen (Collage von FJ Illhardt)

Umgeben vom Trivialen (Collage von FJ Illhardt)

Vor ein paar Jahren fuhr ich mit einer Mitarbeiterin zur Arbeit. Wir stritten uns über ein Ereignis im Fernsehen (einmal pro Monat „Das literarische Quartett“ mit Marcel Reich-Ranicki). Der damals sog. Literaturpapst lehnte vor laufender Kamera die Verleihung des goldenen Bambis als Preis für sein Lebenswerk (2008) ab. Die TV-Gemeinde war geschockt. Der Moderator Gottschalk rettete diese Situation, indem er Reich-Ranicki zu einer exklusiven Fernsehdiskussion Wochen später einlud.

Dieser Preis wurde als Auszeichnung für kreative Leistungen von Vertretern der verschiedensten Medienbereiche konzipiert. Diese Sendung schaute ich wegen der möglichen Preisverleihungen an historische Serien und einer bestimmten Fernsehdokumentation. Die anderen Kategorien interessierten mich nicht. Erschreckend groß war der Medienrummel.

Reich-Ranicki saß im Publikum und wusste nicht, was ihm passierte. Dass er diese triviale TV-Show nicht kannte und sogar die Annahme des Preises verweigerte, ehrt ihn, wahrscheinlich hat er sich noch nie solch einen Unfug im Fernsehen angeschaut. Nebenstehendes Bild zeigt ihn umzingelt von Überschriften, die man so im Alltag vorfindet.

Übrigens, die angekündigte Diskussion zwischen Gottschalk und dem Literaturpapst ging m.E. voll daneben, weil sie die wirklichen Ursachen für diese Entwicklung nicht benannte. Bei Gottschalks hartnäckiger Frage, was der Unterschied zwischen „guter“ und „schlechter“ Literatur sei, kapitulierte Reich-Ranicki entnervt und gab er Gottschalk recht, der immer wieder Kommentare auf TV-Niveau einforderte: Der Unterschied läge darin, wieviel Seiten der Autor brauche, um das Thema des Buches zu bearbeiten. Je mehr Seiten, desto „besser“ die Literatur, lautete das Resümee. Hoffentlich hat das niemand ernst genommen.

Welches Problem hatten meine Mitarbeiterin und ich damit auf dem Weg zur Arbeit? Meine Mitarbeiterin meinte, dass man es nach getaner Arbeit niemandem verdenken könnte, sich leicht verdauliche Unterhaltung anzusehen .Reich-Ranicki befasse sich mit einem Nischenproblem. Mehr als Leichtverdauliches sei den Leuten nicht zuzumuten. Kognitiv Anstrengendes überfordere viele Menschen, und jeder habe das Recht, etwas zu genießen, auch wenn es leichtverdaulich ist.

Mein Argument: Nichts gegen Unterhaltung, aber sie müsse gut und anspruchsvoll sein. Strategien der Konfliktlösung (z.B. Streitszenen und ihre aggressionsfreie Bewältigung auch unter Freunden statt Bettszenen) wären wünschenswert. Unsere Medien dürften aber nicht nur Volksbelustigung inszenieren. Reich-Ranicki wollte die Chancen nicht verbaut sehen, Leben bedeutungsvoller zu machen.

Denken verdirbt Fernsehabende (Quelle peenty.com)

Denken verdirbt Fernsehabende (Quelle peenty.com)

Vor Trivialität zu warnen, soll nicht arrogant klingen. Darum ein paar Klarstellungen: Trivialität ist etwas, was simpel ist. Anders als Dummheit ist sie kein IQ-Problem und betrifft nicht unzureichende Bildung. Unter dem Titel „Lob der Torheit (Original: laus stultitiae)“ erschien 1509 ein Büchlein des Humanisten Erasmus von Rotterdam. Sein satirisches Werk wurde ein paar Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks in ganz Europa bekannt. Es war nicht zuletzt eine Absage an akademische Arroganz. Torheit bedeute:

  • keine vorgefertigten Meinungen vertreten, die mir nicht ins Schema passen;
  • Dinge akzeptieren, die zwar unwahrscheinlich, aber möglich sind;
  • etwas anerkennen, auch wenn es fremd klingt.

Pech für diesen gelehrten Holländer: Man hat zwar gelacht, aber nichts begriffen.

Was ist eigentlich „trivial“?

Laut Duden heißt trivial: platt, abgedroschen, alltäglich und niedrig. Aber die rein sprachliche Ebene ist wenig aufschlussreich.

More Sweets (Foto Arnold Illhardt)

More Sweets (Foto Arnold Illhardt)

Vergessen wir die lateinische und französische Etymologie. Interessant ist die Praxisgeschichte dieses Wortes. In der mittelalterlichen Universität gab es als Grundlage die sieben freien Wissenschaften oder Künste. Die ersten drei, das Trivium – daher das Wort „trivial“ – umfassten Grammatik, Rhetorik und Dialektik (damals = eine These vertreten können). Die weiteren vier Basis-Fächer (Quadrivium), sind Arithmetik, Geographie, Musik und Astronomie

Trivial (von trivium) ist also das Simple und Einfache. Das quadrivium, also das, was die Menschen wirklich unbedingt angeht, kommt erst danach. Nur, man darf nicht beim ersten Schritt stehen bleiben.

Ist das nicht ein längst veraltetes Bild? Gewiss. Nur übersieht man leicht den Gehalt dieses Bildes, und der lautet: Man darf das Triviale nicht verurteilen. Es ist – bleiben wir beim Beispiel – der Einstieg in das Wichtige. Das trivium (trivial) ist die Pforte, durch die man zur Welt der Menschen kommt. Schleichwege scheint es nicht zu geben. Wer vor der Pforte stehen bleibt und nicht weiterkommt, dem bleibt der Weg zu den Menschen versperrt. Gemeint ist damit folgendes:

  • Arithmetik = Rechnen und einschätzen können;
  • Geographie = Voraussetzungen für die Lebenswelt der Menschen erschließen;
  • Musik = zusammenhanglosen Lärm vermeiden und Harmonie zwischen den Menschen herstellen und
  • Astronomie = einschätzen, was als unwandelbares Gesetz den Menschen bestimmt.

Genau das ist der Punkt: Trivial ist nicht das Dümmliche. Viele (ich fühle mich da eingeschlossen) meinen, das Triviale sei das kognitiv Unwichtige, Platte, aber eigentlich ist es Voraussetzung für das quadrivium, also das, was zu den Menschen und ihrem Zusammenleben führt. Diese Gefahr wird oft übersehen, weil die Bedeutung dieser Menschenwelt aktualisiert wird.

Ich bekenne mich als Liebhaber mancher Tatort-Krimis, vor allem der Kriminalkomödien aus Münster, mehr und mehr finde ich sie allerdings witzlos. Es gibt Bücher (z.B, die von F. von Schirach), die einem nahebringen, dass der Kriminelle seine Vorgeschichte hat. Tatortkrimis spüren die Verbrecher möglichst geschickt auf, garnieren sie gelegentlich mit Statistiken und lassen die Kriminalkommissare wie James-Bond-Verschnitt aussehen. Aber das ist erstens nicht die ganze Story, zweitens fehlen da Perspektiven und drittens hilf das den Menschen nicht. Und doch bleiben wir dem Tatort treu. Mag er nichtssagend sein, aber er ist Tradition.

Wir wollen einige Charakteristika benennen, die man immer findet, wenn man etwas als trivial einstuft:

  1. Mangelnde Unterscheidung zwischen wichtig und unwichtig,
  2. Leugnen der Welt der Betroffenen,
  3. das Muster von Simplifizierung,
  4. Verzicht auf Freiheitsrechte und
  5. Ausblendung der Autonomie

 Beispiele

Natürlich dürfen wir bei dem Vorfall mit Reich-Ranicki nicht stehen bleiben. Es gibt noch viele andere Beispiele für Fälle, welche die Öffentlichkeit zufrieden stellt, aber ihre Entfaltung verstellt. Einige Beispiele zeige ich auf, weil sie besonders aufregend sind.

1. Printmedien

Deutschsprachige Trivialliteratur (Quelle commons.wikimedia.org)

Deutschsprachige Trivialliteratur (Quelle commons.wikimedia.org)

Viele Tageszeitungen haben zunehmend niedrigere Auflagen, ihnen brechen die Anzeigen weg. Möglicher Grund: Verbreitung kostenfreier digitaler Informationen, Wochenzeitungen stehen natürlich anders da. Die Konsequenz ist jedoch, dass die Recherche- und Kommentarmöglichkeiten zunehmend auf einige wenige zusammenschrumpfen und die Vielfalt der Perspektiven immer kärglicher wird.

Bei einem medizingeschichtlichen Vortrag über Epidemien vor Lehrern (!) begegneten mir mittelalterliche Vorurteile. Das waren die alten Reaktionsmuster (Sündenbocktheorie, Juden [jetzt sind es die Fremden] als Brunnenvergifter, Verfolgung von Religionskritikern, Migranten usw. usw.) Diese veralteten und niemals korrigierten Muster irritierten mich. Die Lehrer bezogen ihre Informationen aus dem Fachblatt für Medizin, Geschichte und Politologie namens BILD.

Schlimm daran ist, dass Blätter von dieser Qualität wegen ihrer Verbreitung die Informationskultur Deutschlands bestimmen. Sogar ernstzunehmende (?) Politiker geben ihnen Interviews.

2. Event statt Politikdebatte

Nach gravierenden Ereignissen konzentriert man sich auf sogenannte Brennpunkte nach der Tagesschau, die ca. 15 Minuten über etwas reden, zu dem es oftmals noch keine Informationen gibt. Über was redet man da?

Leider sind viele politische Diskussionsrunden keine Informationsrunden, sondern fallen laut Intendanz in die Kategorie „Unterhaltung“. Ihnen geht es um Inszenierung wortgewaltiger Teilnehmer, nicht um Verständnis der Situation, die Fragen der Moderatoren werden oftmals auch gar nicht beantwortet. Übrigens, Perspektiven helfen weiter, nicht Kriegsschauplätze.

3. Trivialisierte Integration

 

Karrikatur von Jan Rieckhoff (Quelle SZ 2.1.2016)

Karrikatur von Jan Rieckhoff (Quelle SZ 2.1.2016)

Man hat sich darauf geeinigt, Integration für Migranten und Flüchtlinge als sinnvoll einzuschätzen. Aber weiß man, was Integration ist? Hauptsache die Konsensbegriffe sind griffig, alltagstauglich – was ist Alltag? – und nicht zu sperrig. Die unverstandene Integration im Deutschkurs für Flüchtlinge ist ein Zeichen für Trivialisierung. Natürlich wird nicht – die nebenstehende Karikatur aus der Süddeutschen vom 2./3.1. 2016 ist ja nur ein Beispiel – nach „Fischers Fritz“ gefragt, wohl aber nach jener Zeile in der deutschen Nationalhymne „Einigkeit und Recht und Freiheit …“- ursprünglich von A.H. Hoffmann von Fallersleben gedichtet. Die im Integrations­büchlein gegebene Erklärung ist so etwas von witzlos, dass niemand auf die heutige Bedeutung von Einigkeit, Recht und Freiheit kommt, und was die Beziehung dieser drei Ideale zueinander ist, erst recht nicht. Beunruhigend ist, dass wir selber nicht sagen können, warum das für uns wichtig ist. Peinlich! Und das nennen wir dann Integration? Integrieren wir Migranten und Flüchtlinge in eine trivialisierte Gesellschaft?

 

4. „Kloppa bringt die Bude zum Zittern“

Wenn ich maile (web.de), werden Nachrichten wie die obige eingespielt. Genau weiß ich nicht, wer oder was Kloppa ist, ich will es auch gar nicht wissen. Für Querzeit habe ich mich schlau gemacht: Kloppa ist ein Fußballtrainer. Die eingeblendeten politischen Nachrichten sind oft schlecht recherchiert oder gar falsch. Heiratsvermittlungsinstitute werben mit leicht bekleideten Frauen. Geht es hier um Männerfantasien, oder gehören zum Heiraten nicht auch Frauen und deren Bedürfnisse? Geburtsprobleme vom europäischen Hochadel werden auch dargestellt und – wie könnte es anders sein – auch Deutschlands liebstes Kind, das Auto … Natürlich brauchen manche diese Nachrichten, sonst würde web so etwas nicht senden. Warum nicht einblenden? Aber hilft das irgendjemandem weiter?

Selfies für das eigene Ego sorgen dafür, dass man die anderen nicht braucht – oder?

Ein Zwischenruf

Der leere Mensch - Genf (Foto FJ Illhardt)

Der leere Mensch – Genf (Foto FJ Illhardt)

Vor einer Fehlentwicklung warnen, die Angst macht, ist Sache der wistleblowers und ihres Mutes. Vielleicht ist der dänische Theologe und Philosoph Søren Kierkegaard mit seiner Geschichte so ein wistleblower. Übrigens, Kierkegaard – Sartre und Camus, Promotoren des vollen Lebens, wurden von ihm beeinflusst – legte großen Wert auf den angstfreien, wagemutigen und entscheidungsfreudigen Menschen. Der leere Mensch war ihm ein Gräuel.

Den philosophischen Hintergrund seiner Geschichte lasse ich einfach weg. Das Drama in Kürze: Ein Zirkuszelt gerät in Brand. Um die Besucher zu warnen, schickt der Direktor die nächstbesten Akrobaten auf die Bühne, um die Besucher ins Freie zu schicken. Die nächstbesten sind die Clowns. Die Zuschauer meinen, das sei ein Gag, und bleiben auf ihren Plätzen. Das Feuer wächst, und als man die schlimme Realität erfasst, ist alles zu spät. Bei uns heute auch?

Was sind solche Ereignisse? Die Liste kann lang werden, sehr viel länger als die Beispiele, die in diesem Beitrag andiskutiert wurden. Was aber ist das Schlimme an dieser Entwicklung? Angst macht, dass der Mensch leer wird, besessen von Unwichtigem und Banalem.

Franz Josef Illhardt

Franz Josef Illhardt

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