Der Nacktputzer
Für alles offen oder nicht ganz dicht?

Ein Selbstversuch. Irgendwo in einem Magazin las ich letztlich, dass Nacktputzen sehr befreiend und reinigend nicht nur für das eigene Zuhause, sondern besonders auch für die eigene Psyche sein soll. Es war nicht das erste Mal, dass ich darüber etwas gehört bzw. gelesen habe. FKK-Strände sind ja nun schon lange nicht mehr der nackte Wahnsinn und auch Nacktwandern ist ja schon längst in Mode, auch wenn es von Vielen naserümpfend belächelt bzw. beäugt wird.

 

Der Nacktputzer (Foto: Thomas Esche)

Der Nacktputzer (Foto: Thomas Esche)

Überhaupt werden hinter der Freikörperkultur immer zuerst sexuelle Gedanken vermutet, fernab aller aktuellen „Maas“losen Verschärfungen des Sexualstrafrechts, denen eher eine hysterische Bauchentscheidung wegen jüngster Ereignisse, denn einer sanitiven Überlegung zugrunde liegen. Und getreu dem Motto „Der Böses denkt, der Böses tut“ mag es sicherlich auch einige Zeitgenossen geben, die ihre versteckte Lust auf diese Weise auszuleben versuchen. Nude cooking und nude dining stelle ich mir aber da schon etwas bizarrer vor. Denn beim Essen selbst geht es ja schon im weitesten Sinne auch um Lustgewinn. Dies wiederum ohne Hüllen könnte meiner Meinung nach sehr schnell eskalieren.

Doch zurück zum Putzen. Für meinen Selbstversuch habe ich mir einen Zeitpunkt gewählt, an dem ich allein zu Hause bin. Blöde nur, dass ich die Vorhänge zuziehen muss, damit die Nachbarn nicht unfreiwillig Zeugen dieses Schauspiels werden. Ganz so frei wollte ich es jetzt nicht gestalten. Zuerst einmal ist nach dem Entledigen der Kleidung festzustellen, dass die Bewegungsfreiheit doch ohne Klamotten extrem zunimmt. Ein gewisses Lustempfinden ist jedoch angesichts des ersten Mals durchaus vorhanden, was ja nicht ungewöhnlich ist, aber allerdings beim Anblick der Unordnung in meiner Bude schnell wieder vergeht. Was soll ich sagen? Die Arbeit wird dadurch nicht weniger, aber scheint irgendwie leichter von der Hand zu gehen, eben wegen besagter Bewegungsfreiheit. Dass die Psyche dadurch gleich mitgereinigt wird, kann ich in diesem Augenblick nicht bestätigen, obwohl der Glaube ja bekanntlich Berge versetzen soll. Also warten wir es ab. Doch bei mir selbst nach einer Stunde im Gegenteil. Putzmittel, die versehentlich auf die Haut kommen, jucken manchmal unangenehm. Auch der Hausstaub in den Atemwegen ist nicht sonderlich prickelnd. Okay, letzteres ist auch mit Klamotten möglich. Ich will damit aber nur deutlich machen, dass Putzen für mich nicht unbedingt luststeigernd ist und ich auch nicht die ganze Zeit über mit verwundert großen Augen herumkrieche wie Alice im Ständerland. Auf jeden Fall sollten Allergiker vorher doch einmal den Arzt konsultieren. Tipp: Lieber die Gummihandschuhe benutzen. Sieht zwar scheiße aus. Aber man ist ja schließlich hier nicht auf dem Cat Walk, sondern eher auf den Clean Crawl.

Völlig im Arbeitsfluss und in Gedanken packe ich meinen Müll und stehe schon mit dem Schlüssel an der Tür auf dem Weg zu den Mülltonnen. Die Tatsache, dass ich den Schlüssel nicht in die Tasche stecken kann, lässt mich glücklicherweise im letzten Moment noch aufschrecken. Nicht auszudenken, wenn Menschen wie Kängurus Beuteltiere wären. So stelle ich den Müll nur schnell vor die Tür und verschwinde wieder in der Wohnung. Ich versuche mir nicht vorzustellen, wie es ist, wenn ich meinen Nachbarn so begegne.

Inzwischen läuft mir der Schweiß runter und ich klebe am ganzen Körper. Wirre Gedanken. Ich überlege, ob ich mich nicht einfach wie eine Flusenrolle über den dreckigen Boden wälze, um mir die Nummer mit dem unhandlichen Staubsauger, der überall hängenbleibt, weil das Kabel viel zu kurz ist, zu ersparen. Schnell ein Blick auf die Uhr. Gott sein Dank. Meine Schnigge ist noch im Geschäft. Ich hör schon den Spruch: „Was geht’n hier ab?“

 

Der Nacktputzer (Foto: Thomas Esche)

Der Nacktputzer (Foto: Thomas Esche)

Zwischendurch, beim Schrubben der Dusche, kommt mir der Gedanke, ob ich mir nicht doch besser übers Internet einen professionellen Nacktputzer bestelle, der final entlohnend ausgepeitscht werden möchte. Doch wüsste ich nicht, wie ich das meinem Partner bei einem möglichen Ertappen Inflagranti erklären sollte. Denn das Auspeitschen ist ja schließlich auch nicht in fünf Minuten getan. Und wer weiß, was die Nachbarn hören, denken und tratschen.

Am Ende nach getaner Arbeit muss ich feststellen, dass keine Sachen schmutzig geworden sind und ich auch kein vollgeschwitztes T-Shirt in die Wäsche stecken muss. Von der Praxis her also ein echter Gewinn. Barfuß ist man auch rutschfester auf Teppich, Fliesen und Laminat. Einmal Duschen und das Thema ist durch. Tja gut, die Nummer mit der Psyche und der Lust … Wer insgeheim aber den Sturz rücklings auf die Schale mit den Bananen oder den Besenstil sucht, wird im Nacktputzen eher ein laffes Vorspiel finden.

Ich glaube, man muss an dieser Stelle einfach mal erinnern, dass Menschen vor Hunderttausend Jahren im Gegensatz zu heute deutlich underdressed waren und FKK heute einfach nur den Wunsch manifestiert, wieder zurück zu dieser elementaren Freiheit zu finden, die von der Haute Couture heute auf manchmal recht perverse und nicht zuletzt viel zu teurer Art und Weise konterkariert wird.

Ich beende meinen Versuch mit einer persönlichen Erfahrung. Und wie gesagt, es hat etwas Befreiendes, auch wenn der geriffelte Schlauch des Staubsaugers gelegentlich am Bein oder im Schritt scheuert. Mit einer Jeans wäre das sicherlich etwas leichter zu ertragen. Beim Spülen muss ich auch nicht immer nach hinten springen, wenn es mal aus dem Becken schwappt und sonst die Hose anschließend wie von einer gewissen Inkontinenz gezeichnet ist.

Fazit: Dass meine Psyche dadurch gleich mitgereinigt wurde, kann ich leider nicht bestätigen. Leichter zu Arbeiten ist es allemal. Doch vielleicht muss ich es dafür aber noch einige Male wiederholen. Aber möglicherweise habe ich auch meine Chakren nicht weit genug dafür geöffnet (wir schalten das Kopfkino wieder aus!), weil man ja doch irgendwie immer noch gehemmt ist und ein paar Spanner irgendwo vermutet. Zwischendurch war bei meinem Selbstversuch aber eine gewisse Normalität zu verspüren, die auch nicht als unnatürlich empfunden werden sollte. Na ja, der Raum sollte schon entsprechend temperiert sein. Schließlich ist das Fell von vor hunderttausend Jahren irgendwo auf der Strecke geblieben. Schlussendlich bleibt für mich aber eher die Überlegung des Pragmatismus. Aber ist man in unserer heutigen Gesellschaft wenn zu offen nicht ganz dicht?