Abwehrmechanismen
Gehhilfen für rechtes Denken

Identifikation

Werden die Zeiten unübersichtlich und bedrohend, tendieren viele Menschen dazu, sich z.B. mit einer angesehenen Person, einer Religion oder aber einer bestimmten politischen Richtung oder Weltanschauung zu identifizieren. Ausgeprägter Patriotismus und damit verbunden Fremdenfeindlichkeit sind Beispiele eine übermäßigen Identifizierung mit einer Sache, bei der es nicht nur um eine Schwärmerei oder das Gefühl der Zugehörigkeit geht, sondern eine unkritische Verschmelzung mit dem Objekt oder der Person des persönlichen Dafürhaltens. Ausdrücke wie „wir sind das Volk“ sind ja an sich schon Blödsinn, weil ja das Volk (was immer darunter zu versehen ist) eine Vielfalt von Personen, Ideologien, Religionen etc. darstellt, die bei Pegida, Hogida, AfD etc. gar nicht repräsentiert sind.

Eine Identifikation findet bereits bei kleinen Kindern in Bezug auf ihre Eltern statt, indem das Kind die als positiv und förderlich angenommen Eigenschaften von Vater und Mutter verinnerlicht. Bei vielen Menschen, denen solche Prozesse verwehrt blieben (überstarker Vater, Gewalterfahrung in der Familie etc.) erfolgen häufig sehr starke Identifikationen mit „Ersatz“ personen oder Objekten. Eine große Familie mit viel Wir-Gefühl, wie es die Pegida-Bewegung beispielsweise vorgibt zu sein, führt bei vielen Teilnehmern zu einer unreflektierten Übernahme von Leitsätzen und Denkweisen, die sie häufig in Einzelgesprächen zu revidieren oder auch relativieren suchen. Eine solche Rechtfertigung ist ein aufwendiger Prozess, da es leichter ist, in der Masse für etwas zu sein, als alleine für mich zu argumentieren. Ein Grund mit, warum Anhänger der Pegida-Bewegung angehalten werden, der Lügenpresse keine Interviews zu geben: Sie würden in ihrer Argumentation kläglich versagen!

Dramatisierung

NPD (Quelle TAZ.de)

NPD (Quelle TAZ.de)

Die Dramatisierung ist ein kognitives Handwerkszeug, das vor allem deswegen gern zum Einsatz kommt, weil es mein Gegenüber als Argumentationsbreitseite unmissverständlich überzeugen soll. Wenn ich erkältet bin, macht es sich möglicherweise besser, wenn ich von schlaflosen Nächten, Hustenattacken und unkontrollierbar Fieberschüben berichte. Solche Übertreibungen sind in den Ansprachen der Pegida-Redner, sowie in der von ihnen genutzten Presse und Internetforen, vor allem aber bei den Einzelmitgliedern selbst der Analogkäse im Pizzabelag. Je dicker der Käse, desto weniger fällt auf, dass der Teig angebrannt ist. Da ist die Rede von grassierender Islamisierung, minütlich stattfindender ausländerfeindlicher Kriminalität, allgegenwärtiger Vergewaltigung durch Männer fremder Herkunft oder Einschleusung von gewalttätigen IS-Kämpfern.

Der überwiegende Teil der Vorwürfe und Unterstellungen ist dermaßen überzogen und realitätsfern, dass die darin getätigten Aussagen im Grunde schon albern wirken und tatsächlich an ein Zurückfallen in kindliche Entwicklungsstufen erinnert. Letzteres würde man übrigens Regression nennen. Ein Junge, der seinen Vater als größten Rennfahrer aller Zeiten deklariert, wird in der Klasse vermutlich Spott, statt Anerkennung ernten, weil seine Übertreibung mehr als offensichtlich ist. Selbst gut recherchierte und allgemein anerkannte Gegenbeweise besitzen bei den Unbelehrbaren keinerlei Überzeugungskraft. Man will es so nicht wahrhaben und da alle so auf der Straße in Dresden oder sonst wo denken, wird dies als Beweis herangezogen, dass die rechten Theorien eine Allgemeingültigkeit besitzen.

Der Ausdruck Lügenpresse ist eine solche Dramatisierung. Natürlich ist bekannt, dass es zahlreiche Medien gibt, die staatlich und vor allem durch die Wirtschaft regulierend beeinflusst werden, doch gibt es genügend Beispiele von Presseorganen, die sich ihre Unabhängigkeit bewahrt haben. Erstaunlicherweise werden rechte Medien, derer es zahlreiche im Netz gibt, nicht so bezeichnet!

Abwertung

Spricht eine Frau beispielsweise über eine vermeintliche Nebenbuhlerin ihres Mannes als üble Nutte, so versucht sie auf diese Weise die „Feindin“ abzuwerten und sich damit in ein positives, eben anständiges Licht zu rücken. Eine solche „Technik“ der Herabwürdigung ist die Standardausstattung in den Hasstiraden der rechten Kontrafraktion. Indem die Menschen beleidigen, verunglimpfen oder lächerlich machen, heben sie ihr eigenes Ich und stellen sich damit über das Objekt oder die Person der Abwertung. Es erinnert an den erfolglosen Bettler, der über die vorbeigehenden Passanten schimpft. Schon im Kindergarten lernen die Kleinen, dass man Menschen nicht beleidigt und stattdessen Regeln des Anstands zu verinnerlichen. Solche Grundlagen eines christlichen Abendlandes, in dessen Sonne sich Pegida & Co unaufhörlich suhlen, sind völlig außer Kraft gesetzt.

Kompensation

Auch der Begriff kompensieren hat es zu einem fast schon inflationären Alltäglichkeitsphänomen gebracht. Egal ob Fußball, Politik oder Schule, überall wird kompensiert, womit ein Ausgleichen oder Ersetzen gemeint ist. Mir erzählte mal ein

Pegida (Quelle Tagesschau.de)

Pegida (Quelle Tagesschau.de)

Zauberer, dass er sein Stottern mit seinen Zauberkünsten kompensieren würde. Ebenso können Markenkleidungen oder besondere Autos eine Art Ausgleich für eigene Schwächen darstellen. Ich habe rechtsgelagerte Zeitgenossen, die ich z.B. in psychotherapeutischen Setting kennengelernt habe, häufig als sozial inkompetent, wenig selbstbewusst und (nicht nur) sprachlich minderbegabt erlebt. Mit ihrem lauten Protestieren, während sie in der Menge verschwinden, kann eben ein solcher persönlichkeitspsychologischer Mangel ausgeglichen werden. Gemeinsam mit den anderen hier erwähnten Abwehrmechanismen führt dies zu einer Aufwertung der eigenen Defizite. Auch hier lassen sich eigene Defizite durch das anonyme, aber als machtvoll erlebte Mitlaufen in der Masse kompensieren.

Projektion

Den Lesern älterer Jahrgänge ist noch gut der Diaprojektor in Erinnerung, mit dem die zumeist langweiligen Urlaubsfotos aus dem Zillertal an die Wand geworfen = projiziert wurden. So wie diese Bilder werden auch eigene Gefühle, Impulse oder Einstellungen auf eine andere Person oder Personengruppe übertragen. Möchte ich selbst Zuwendung, Aufmerksamkeit und einen gewissen gesellschaftlichen Erfolg, lasse ich meine Wut an denen aus, die diese nach meiner Meinung unverdienterweise innehaben. Als in der Finanzkrise Griechenland europäische Unterstützung bekommen sollte, nannten viele Zeitgenossen, die es selbst nicht zu sonderlich viel Ruhm gebracht haben, die Griechen als faul, was natürlich völliger Unsinn ist. So lassen sich Minderwertigkeitskomplexe hervorragend von einem selbst abwenden. Dass die Ausländer reihenweise deutsche Frauen vergewaltigen oder ebendiese dem Deutschmann wegnehmen wollen, ist ebenfalls eine Projektion, die damit zusammenhängt, dass sich die zumeist männlichen, aber leider unscheinbaren, schlecht gekleideten und wenig attraktiven Deutschtümler mit dem anderen Geschlecht schwer tun. Darin ist auch ihr Vorwurf begründet, dass es sich bei den Flüchtlingen überwiegend um Männer handelt. Man könnte es auch als sexuelles Neidgeschrei bezeichnen, eine Reaktion, die gerne aufgrund sexueller Entsagung entsteht.

Arnold Illhardt

Arnold Illhardt