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Abwehrmechanismen
Gehhilfen für rechtes Denken

Wir menschlichen Wesen neigen dazu, etwas für uns Konflikthaftes so umzumodulieren, dass hinten etwas für uns Greifbares, Verstehbares, vor allem aber Konfliktfreies entsteht und wir uns so der Wirklichkeit besser anpassen zu können. Die von Siegmund Freud beschriebenen Abwehrmechanismen leisten dabei wertvolle Hilfe. In der Denk- und Handlungsweise vieler Menschen, die sich in fremdenfeindlichen, rechten Gruppierungen tummeln, gehören sie zur Standardausrüstung.

Telgte. Es gibt kaum eine bessere Gelegenheit, die Vielfältigkeit nebst Abgründen menschlichen Denkens kennenzulernen, oder – falls man diese schon kannte – bestätigt zu wissen, als in eine beliebige Ausländer- oder Flüchtlingsdiskussion bei facebook zu geraten. War man noch im Vorfeld davon überzeugt, der gesellschaftliche Zustand sei in irgendeiner Weise noch zu retten und die Fahne der bunten Vielfalt flattere zumindest über Deutschland, so weiß man spätestens hier: Es ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Vor allem in Zeiten politisch rechtsdrehender Rührseligkeiten in Pegida-Manier fragt man sich, wie eine derartige Geballtheit tiefergelegter Gedankenstrukturen, Hasstiraden, ominösen Verschwörungstheorien, Feindlichkeiten und eindimensionalen Attitüden entstehen kann. Natürlich denkt man zunächst an schlechte Kinderstube, alkoholindizierte Psychopathologie, praesenile Demenz oder schlicht und ergreifend chronischen Schulabsentismus, doch würde ich mit solchen Verhöhnungen und Abwertungen das gleiche Register bedienen, aus denen – so meine Vermutung – die vermeintlich patriotische Bewegung ihre kognitiven Strukturen schöpft. Die Rede ist von sogenannten Abwehrmechanismen.

Der dritte Weg (Quelle FAZ.net)

Der dritte Weg (Quelle FAZ.net)

Unser Denken basiert auf zum Teil komplizierten Prozessen, die bei näherer Betrachtung wesentlich kniffliger erscheinen, als wie das Endprodukt, die Erkenntnis manchmal vermuten lässt. Dabei werden wir Menschen zumeist unterbewusst von seelischen Vorgängen geleitet, die schlussendlich zu katastrophalen, oder sagen wir zunächst einmal eher neutral: eigentümlichen Ergebnissen führen können. Warum wettert jemand gegen Ausländer, obschon er nie selbst negative Erfahrungen hatte? Warum möchten Menschen unter sich bleiben, obschon Diversität menschlichen Seins das Leben erst spannend macht? Warum werden Horrorszenarien an die Wand menetekelt, obschon sie hundert Meter gegen den Wind nach schräger Möchtegernwissenschaft riechen? Warum umjubelt man runtergedimmte Lichtgestalten, deren Inselbegabungen vor allem in kriminellen Machenschaften liegen? Doch man muss ja gar nicht mal in den braunen Sumpf abtauchen, um sich bezüglich menschlicher Denkleistungen in Alices Wunderland zu wähnen. Und dreimal kräht der Hahn, glaubte man, selbst frei von Mechanismen zu sein, die unsere kognitiven Vorgänge unterbewusst steuern.

In seiner Lehre der Psychoanalyse beschrieb Sigmund Freud erstmals die sogenannten Abwehrmechanismen, die nicht nur in tiefenpsychologisch orientierten Fahrwassern eine Rolle spielen. Wir menschlichen Wesen neigen dazu, etwas für uns Konflikthaftes so umzumodulieren, dass hinten etwas für uns Greifbares, Verstehbares, vor allem aber Konfliktfreies entsteht. Nur so sind wir in der Lage, unser Leben an die Wirklichkeit anzupassen und dabei uns selbst und unserem inneren Gedankengebäude treu zu bleiben. Dabei können die Abwehrmechanismen uns gute Dienste leisten, weswegen sie auch nicht per se schlecht oder verurteilbar sind. Wird ein Mensch schwer krank, so kann es für ihn durchaus eine Weile von Vorteil sein, seine Erkrankung zu verdrängen. Man sieht allerdings auch schon an diesem einfachen Beispiel, dass ein solcher Verdrängungsmechanismus nicht unbedingt der Wahrheit letzter Schluss ist. Eine realistische Abbildung unserer inneren Prozesse müsste ohne solche Widerstände auskommen. Verdrängung & Co sind somit immer nur Gedankenkrücken und -gehhilfen. Wird deutlich, dass ein Mensch sein Denken und Handeln nur noch auf Abwehrmechanismen aufbaut, so kann man in seinem oder ihrem Fall nicht von einer reifen Persönlichkeit reden. Kinder lügen, um sich einen Vorteil zu verschaffen; sie verdrehen die Wirklichkeit oder beamen sich in eine Scheinwelt. Erwachsen ist ein solches Verhalten nicht. Und tatsächlich erscheinen mir die Denkweisen der grau bis braun gefärbten Volksbewegung a la Pegida, Hogida, AfD & Co. vor allem eins zu sein: Unentwickelt!

Bei den Abwehrmechanismen gibt es eine große Mannigfaltigkeit und Differenziertheit. Am Beispiel patriotischer und fremdenfeindlicher Bewegungen, die ich über längere Zeit auf ihren Internetseiten, sowie in sozialen Medien beobachtet habe, möchte ich die gängigsten Mechanismen vorstellen. Siehe auch dazu: http://querzeit.org/politik/die-tristesse-des-rechten-denkens

Verdrängung

Hooligans gegen Salafisten (Quelle Nordstadtblogger.de)

Hooligans gegen Salafisten (Quelle Nordstadtblogger.de)

Der wohl bekannteste Mechanismus, der in unserer Alltagssprache Omnipräsenz zeigt und auch von Politikern gerne aus dem Jackett gezaubert wird, ist die Verdrängung. Wie der Ausdruck schon vorgibt, wird etwas verdrängt oder verschoben. Vermutlich hat auch das Mitlaufen in einer Masse, was ja ein genuin deutsches Verhalten ist, eine verdrängende Wirkung, weil so die eigene Hilflosigkeit und Insuffizienz kaschiert werden. Zu dem kommt es durch diesen Herdentrieb zu einer Attribution, d.h, eine zwar unwissenschaftliche, aber subjektiv wahrgenommene Bestätigung, dass wenn viele etwas machen, es schon richtig sein muss.

Arnold Illhardt

Arnold Illhardt

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