Verbotene Liebe

Ernie & Bert (Quelle: Pixabay.de / https://pixabay.com/photo-382270)

Ernie & Bert (Quelle: Pixabay.de / https://pixabay.com/photo-382270)

Vor Kurzem noch war die Sache sonnenklar. Nachdem Mark Saltzman, Erfinder der beiden Figuren Ernie & Bert aus der Sesamstraße, diese als schwul outete und erklärte, die beiden nach dem Vorbild seiner eigenen Beziehung zu dem Film-Cutter Arnold Glassman geschaffen zu haben, atmete die Welt in einer tiefen Haben-wir-es-doch-schon-immer-gewusst-Befreiung auf. Er habe die Puppen immer als Paar empfunden und sie auch in keinem anderen Kontext gesehen, dabei aber keine „große Agenda“ gehabt, erklärte er noch kürzlich in einem Interview einem Schwulenmagazin. Denn schließlich teilen sie nicht nur Wohnung und Schlafzimmer in der Sesamstraße, sondern baden auch gemeinsam und selbst öffentliches Kuscheln im Beisein der Kameras ist ihnen nicht fremd und unangenehm.

Doch nach einigen Stunden, möglicherweise fremdbestimmter, Erkenntnis ruderte Saltzman in der New York Times nun zurück und will plötzlich völlig falsch verstanden worden sein. Oh Wunder. Er wolle schließlich Ernie & Bert nicht auf eine sexuelle Orientierung festlegen. Er habe lediglich die Gegensätzlichkeiten seiner Beziehung auf die Puppen spiegeln wollen.

Doch warum durfte nicht gesagt werden, was offensichtlich ist? Warum dürfen Ernie & Bert, trotz so vieler Petitionen, die sich für ihre Hochzeit eingesetzt haben, nicht heiraten und öffentlich glücklich sein und damit ein Zeichen für die ganze Welt setzen? Möglicherweise, weil es immer noch Menschen gibt, die eine gleichgeschlechtliche Beziehung als widernatürlich empfinden, obwohl Macher und Erfinder der Sesamstraße nun mit eine solchen Dementi genau wissend diese Ablehnung noch weiter befeuern? Weil die Sesamstraße in 120 Ländern dieser Welt ausgestrahlt wird? In Ländern, in denen Homosexualität, auch besseren Wissens, nach wie vor oder auch neuerdings wieder verfolgt und bestraft wird oder schlicht als Werbung für ein unnatürliches Gesellschaftsbild steht? In Ländern wie Iran, die erst noch vor gar nicht allzu langer Zeit die Teletubbies aus ihrem Programm verbannten, weil Tinky Winky (die größte der vier und damit Leit-Figur) eine Damenhandtasche in der angewinkelten Elle trug? Was für eine Vorstellung. Weltweit müssen Geschichts- und Kinderbücher nun umgeschrieben werden. Verheulten Kinderaugen muss eine plausible Erklärung geliefert werden, warum Ernie & Bert nicht mehr da sind oder so sind wie sie sind. Und all das, damit die Heranwachsenden nicht auf „falsche“ Gedanken kommen. Hatten Konservative gerade noch verzweifelt gegen das neue Curriculum der „bunten Vielfalt“ in den Schulen hierzulande gekämpft, sehen sie sich möglicherweise nun einer weltweiten Front gegenüber.

Oder war diese Maßregelung Saltzmans einfach nur, weil HBO, der Produzent und Sender dieser Serie, rückgratlos massive Geldeinbußen in all diesen Ländern befürchtete? Was für eine vertane Chance.

Gary Knell vom „Sesame Workshop“ rechtfertigte sich anders und stellte klar: „Sie sind nicht homosexuell, sie sind nicht heterosexuell, sie sind Puppen. Sie existieren unterhalb der Taille nicht.“

Wie schade für Herrn Knell, dass er die Diskussion offenbar nicht verstanden hat und seine Sexualität nur unterhalb der Taille, sozusagen ohne Kopf und Verstand stattfindet.