Schluss mit luftig

Nacktfotos im Wahlbüro von Gregor Gysi (Quelle: sueddeutschte.de)

Nacktfotos im Wahlbüro von Gregor Gysi (Quelle: sueddeutschte.de)

Neulich gestand Gregor Gysi, ehemaliger Politiker der Links-Partei Deutschlands, in einem Interview, er vermisse die Freikörperkultur (FKK) der ehemaligen DDR. Denn in dieser Hinsicht sei der damalige östliche Staat Deutschlands doch deutlich weiter, freier und entspannter gewesen. Ob er bei seinem Schwelgen in der Vergangenheit daran dachte, diese Kultur auch auf andere Lebensbereiche auszudehnen, vielleicht auch auf den Bundestag, sozusagen als „Nude Parlamenting“, werden wir wohl nie erfahren und möchten dieses Kopfkino daher auch nicht weiter befeuern.

Auf Twitter wollte eine Anhängerin aus dieser Äußerung Gysis unter dem Hashtag „Nackt für Gysi“ eine Kampagne für die Freikörperkultur starten und hatte gehofft, den bekannten Politiker als Zugpferd einspannen zu können. Doch dieser winkte ab. Schließlich sei er schon 69. „Alles hat seine Grenzen“, ließ er im Interview verlauten.

Doch in Italien, dem Heimatland von Dolce Vita, tut sich in dieser Hinsicht gerade Erstaunliches. Ein mehrdeutig formuliertes Gesetz gibt prüden Lokalpolitikern sogar die Möglichkeit, FKK-Strände nahezu von jetzt auf gleich zu schließen und das Nacktbaden unter (monetär!!!) saftige Strafen zu stellen.

Selbst „der kleine Italiener aus Napoli“, der einst im Liedtext von Conny Froebess noch Amore der besonderen Art versprach, wird inzwischen höchstwahrscheinlich auch schon von einer streng sittlichen Lokalpolitik gezügelt und stilisiert damit Diven wie die Lollobrigida zu Mythen, die in heutiger Zeit möglicherweise wieder für ihre Freizügigkeit ans Kreuz genagelt, auf dem Scheiterhaufen verbrannt oder im Kolosseum den Löwen zum Fraß vorgeworfen würden, wäre da nicht die EU und die römischen Verträge.

Und Homosexuelle haben es an Italiens FKK-Stränden, trotz EU-Zugehörigkeit, sogar besonders schwer und sind dort ganz offen gar nicht erst erwünscht. Wen wundert es da, dass sich Italien bei der Gleichstellung Homosexueller vor dem Gesetz gerade mal unter dem europäischen Druck hat zu einer eingetragenen Lebenspartnerschaft hinreißen lassen. Kurios. In einem Land, in dem sich unter dem nächtlichen Schutz der vatikanischen Kurie angeblich Religionsvertreter der höchsten Ebene ungeahndet junges Frischfleisch vorsortiert aus dem Chorgestühl oder der Schweizer Garde auf ihre Zimmer „bestellen“, aber öffentlich mit dem Finger echauffiert auf offen lebende, homosexuelle Priester und Kirchenbedienstete zeigen.

Demgegenüber steht in der Hierarchie poströmisch dekadenter Bigotterie, sozusagen als oberste Institution von Tugend und Ordnung und selektiv verschlossenen Augen und als Zeichen einer verkehrten Welt, die Partei der „5-Sterne-Bewegung“, die derzeit nicht nur in Italien, sondern sogar über die Grenzen hinaus mit ihrer rechten und nostalgisch verklärten Gesinnung für Furore sorgt. Dabei stehen die fünf Sterne dieser Bewegung, anders als bei honorierten Restaurants, sicherlich weniger für den guten, denn für den, von verklemmter Bigotterie gekennzeichneten schlechten Geschmack einer rückwärtsgewandten Gesellschaft.

Jene 5-Sterne-Bewegung, dessen vorsitzender Clown, oder war es ein Schauspieler (?!), Beppe Grillo noch kürzlich einige Mitglieder seiner Partei aufgrund von nichtigen Unstimmigkeiten in nahezu diktatorischer Art ausschließen ließ. Die so großmundig angetretene, römische Bürgermeisterin dieser Partei, Virginia Raggi, versinkt dagegen aktuell in Justizskandalen und treibt Rom durch ihre Inkompetenz fortwährend in den Ruin.

Kaiser Augustus Octavian soll vor 2000 Jahren einmal gesagt haben: „Ich fand Rom als Stadt aus Backsteinen vor und verließ es als Stadt aus Marmor.“ Nun scheint es so, als hätte Raggi es in ihrer einjährigen Amtszeit nahezu geschafft, diesen Prozess umzukehren.

Aber das alles passiert halt, wenn Populisten Ordnung, Tugend und Tradition fordern und schließlich an die Macht kommen und auf die nackte Wirklichkeit treffen.

Doch zurück zu eben diesen nackten Tatsachen. Ein kleines Zugeständnis in der Sache konnte man Gregor Gysi schlussendlich dennoch abgewinnen. Wenn Angela Merkel es (FKK) tun würde, mache er es auch. Was für eine Vorstellung. Gysi hat Recht: „Alles hat seine Grenzen!“ … Schluss mit luftig!