Pony-Pädagogik adé!

Sieht so ein glückliches Pony-Leben aus? (Quelle: PETA-D)

Sieht so ein glückliches Pony-Leben aus? (Quelle: PETA-D)

Als ich gestern durch die Westfälischen Nachrichten blätterte, stieß ich unter der Rubrik „Münsterischer Anzeiger“ auf einen großen Bericht mit dem Titel „Ponys drehen Abschiedsrunden“. Gemeint waren die uns allen wohlbekannten Ponys, die auf Jahrmärkten, Kirmessen und eben auch auf dem Münsteraner Send zwischen laut dröhnender Musik ihre Runden drehen, in der Regel mit einem Kind auf dem Rücken, auf welchem ja laut Volksmund das „Glück dieser Erde“ liegen soll.

Als Tierschützerin dachte ich sofort: Super! Wie oft schon hätte ich mich am liebsten auf meiner Heimatkirmes in Telgte vor das Ponykarussell gestellt, ein großes Schild mit der Aufschrift TIERQUÄLEREI in den Händen, habe mich aber nie getraut. Offenbar waren andere Tierschützer und Tierfreunde da weniger verzagt und zimperlich, denn der Untertitel des besagten Artikels lautet: „Nach Kritik von Tierschützern zieht sich Heinz Deinert vom Send zurück: ‚Habe den Nervenkrieg satt‘.“

„Nervenkrieg“ klingt nach reichlich Tierschutzeinsatz. Prima! dachte ich. Herzlichen Dank an alle, die sich für das Wohl dieser armen Ponys eingesetzt haben!

So weit, so gut.

Was aber dann in dem Bericht folgt, ließ meinen Adrenalinspiegel ordentlich ansteigen. Da wird doch zum einen tatsächlich vom „Ende einer Ära“ gesprochen! Seit 90 Jahren bestehe der „Wiener Reitsalon“. Welch hochtrabender Name für eine kleine, staubige Pony-Reitbahn mit einem Radius von wenigen Metern! Da sollte wohl eine Assoziation zur weltberühmten Spanischen Hofreitschule in Wien geschaffen werden. Stolze Lipizzaner-Hengste finden sich hier aber genauso wenig wie ein prachtvoller Barock-Reitsaal. Stattdessen trotten ein paar Ponys unterschiedlicher Größe unter einem bunten Zeltdach stumpfsinnig im Kreis, beschallt von ohrenbetäubender Musik der benachbarten Fahrgeschäfte.

Der Verfasser des Artikels, Helmut P. Etzkorn, schreibt weiterhin euphorisch von „glänzenden Kinderaugen“ und zitiert die Aussage eines Mitarbeiters des Münsteraner Ordnungsamtes, der das Ponykarussell als „absolute Bereicherung“ ansieht und sein Ende als „echter Verlust für den Send“. Der Chef des Schaustellerverbandes Münster, Fritz Heitmann, betont gar den „pädagogischen Ansatz mit dem hautnahen Kontakt zum Tier“. Wow! Ich bin beeindruckt. So hatte ich das noch nie gesehen! Acht Runden für drei Euro auf dem Rücken eines Kirmesponys, das sich stetig mit seinen Artgenossen im Kreise dreht – da können Kinder wirklich noch etwas über das natürliche Verhalten von Kleinpferden lernen! Das nenne ich zeitgemäße Pädagogik!

Und was sagt das städtische Veterinäramt dazu?

„Die gesetzlichen Vorgaben werden korrekt eingehalten, es gibt keinen Grund zur Beanstandung“, lässt Amtstierärztin Dr. Almut Kolitz verlauten.

Allerdings: Die „gesetzlichen Vorgaben“ lassen so manches zu, was in Wahrheit großes Tierleid bedeutet! Kleingruppenhaltung für Legehennen auf einer Größe von 800 cm2 pro Huhn (was wenig mehr als einem Din-A-4-Blatt entspricht), Nerze in engen Drahtkäfigen auf deutschen Zuchtfarmen, betäubungslose Kastrierung von Ferkeln, Vergasen oder Schreddern von männlichen Küken, usw. usf. Immerhin haben einige Amtstierärzte in anderen Städten bereits erkannt, dass die Tiere durch das ständige Im-Kreis-Trotten psychisch und physisch leiden und dies eindeutig als Tierquälerei eingestuft (nachzulesen in einem aktuellen Bericht von PETA unter: http://www.peta.de/Ponykarussell#.VjR_XyuatF4).

Zum Glück hat wenigstens das leidvolle Leben der Deinert-Ponys übermorgen nach dem Herbstsend ein Ende: Heinz Deinert wird seine Reitbahn verschrotten und – das muss man ihm zugutehalten – seine Ponys werden weder an Betreiber anderer Ponykarussells verschachert noch landen sie beim Pferdemetzger, sondern sie dürfen ihren Lebensabend auf seinem Hof im Sauerland verbringen.

Da bleibt nur zu hoffen, dass sein Kollege Ronny Kaiser ihm bald nachfolgt, denn dieser, so Herr Lammers vom Ordnungsamt, „ist dem Druck wohl auch nicht mehr lange gewachsen“.

Ein Hoch auf alle Tierschützer, die sich dafür engagieren, dem „Missbrauch der Tiere als Rondell-Maschinen“ (PETA) ein Ende zu setzen!

 

Birgit Hartmeyer

Birgit Hartmeyer