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Ich bin so schön, ich bin so toll …

Falco (Quelle: taz.de)

Falco (Quelle: taz.de)

Neulich traf ich einen Freund wieder, mit dem ich mal vor vielen Jahren zusammen Musik gemacht habe. Damals träumten wir noch davon, einmal Popstars zu sein. Du lieber Himmel. Was für eine Erinnerung. Die Zeit ist vergangen und wir sind alle ein bisschen gescheiter geworden.

Ich war erschrocken, mein Freund von jeher offenbar nicht. Mittlerweile etwas fülliger geworden, in die Jahre gekommen, träumt er nach wie vor immer noch von der großen Karriere und scheint mittlerweile die Hemmschwelle soweit herunter geschraubt zu haben, dass er sich sogar für die Verwirklichung seines Traumes zur musikalischen Prostitution auf Betriebsfesten oder in fragwürdigen Etablissements überreden lässt. Denn er spricht nicht vom Geld, wenn er über diese Auftritte redet, wobei ich bezweifele, dass er viel dafür bekommt. Er glaubt felsenfest daran, dass es die Stufen sind, die ihn eines Tages nach oben bringen werden. Wann das sein soll, weiß er selber nicht. Ob er das noch erlebt, ist eine andere Frage. Auch das gute Zureden (nicht nur von mir) und der Versuch, ihn ins wirkliche Leben zurück zu holen und ihm die Wahrheit über dieses Business nahe zu bringen, so wie es in den Medien doch allzu oft dargestellt wird, scheitern.

Stattdessen schaut man uns verdattert an, wie wir es wagen konnten, einen solchen Frevel und Verrat zu begehen. Die Naivität steht ihm ins sprichwörtlich stieläugige Gesicht geschrieben.

Inzwischen hat er seine erste CD produziert, dessen Design und Inhalt eklatant weit auseinanderklaffen. Mit glänzenden Augen erzählt er von den zwei Stunden in der „Maske“, die für das Fotoshooting vor der Strandkulisse notwendig waren. Die schleppenden Verkaufszahlen seiner selbstproduzierten Veröffentlichung muss man sich schönreden. Denn unser Freund musste für die gesamte Produktion, wie auch die Dienstleistungen und auch das ganze Drumherum in Vorkasse treten, hoffend es irgendwann von einer potentiellen Schallplattenfirma wieder rein zu bekommen. Sozusagen teuer bezahlte Bauchpinselei. Seinen Künstlernamen hat er inzwischen zum vierten Mal geändert, in dem Glauben, damit in den Suchmaschinen des Internets weiter nach oben zu kommen und endlich die ersehnten Klicks für seine Webseite zu erhalten. Dass er damit genau das Gegenteil erreicht, will er nicht wahrhaben. Die Interviewanfrage einer Schülerzeitung wird zum Medienereignis, und selbst das erste Video ist von den Machern mit einer unübersehbaren Lustlosigkeit und Laienhaftigkeit gedreht worden, dass man meinen könnte, einer krampfhaft versuchten Dokumentation über Schlafkrankheit mit poppiger Musikuntermalung zu folgen. Aus Erfahrung wissen sie wahrscheinlich schon, dass all diese kleinen „Sternchen“, die diese Videos in Auftrag geben, sowieso nie eine Chance haben.

 

Eitelkeit (Quelle: welt.de)

Eitelkeit (Quelle: welt.de)

Aber ich will mich gar nicht über meinen Freund lustig machen. Wenn er sein Ziel erreicht, wie immer es aussehen mag, sei es ihm vergönnt. Hochachtung. Er hat zumindest Durchhaltvermögen, auch wenn es aus dieser Position heraus aussichtslos erscheint und er sich eher ungewollt als Witzfigur präsentiert, die nirgendwo richtig ernst genommen wird und eigentlich nur bedauernswert daherkommt. Leider gehört er damit zu vielen anderen.

Sie sind diejenigen, die auf den „Brettern, die die Welt bedeuten“ verheizt werden. Zu viele Träume und Illusionen erblicken in dieser Branche nie das Tageslicht, und diejenigen, die durchkommen, zerplatzen schon nach kurzer Zeit wie Seifenblasen an der rauen Oberfläche der Realität, weil sie von namenhaften Produzenten oder von der ganzen Reihe derer, die gerne welche wären, wie Kanonenfutter verpulvert werden. Man blickte nur mal auf die „Superstars“ der unsäglichen Fernsehserie, bei der sich eigentlich nur die Macher selbst präsentieren, um kurz vor dem eigenen Scheintod noch eine letzte vergebliche Wahrnehmung in der medialen Öffentlichkeit zu erringen? Ihnen kräht heute auch kein Hahn mehr nach.

Es gibt kein wirkliches Kriterium für gute Musik. A&R-Leute („Artist and Repertoire“-Manager, die bei den Plattenfirmen die neuen Stars entdecken und fördern sollen) können dies nicht entscheiden und sollen es auch nicht. Denn dafür fehlt ihnen schlicht die musikalische Kompetenz. A&R-Manager sollen nach kaufmännischen Gesichtspunkten den Markt sondieren, und jene von ihnen, die sich über den Gehalt der Musik auslassen, sind in diesem Job fehl am Platz. Allzu oft wird in dieser Position aus Stimmungslage heraus entschieden und mit fadenscheinigen und papageienhaft erlernten Argumenten, die jeder Realität entbehren, beurteilt. Und oft genug liegen sie auch völlig daneben. Dennoch muss die Plattenfirma, für die sie arbeiten, dann den Flop durchboxen. Geh mit einem Produkt zu drei Produzenten, und Du erhältst drei verschiedene Antworten. Erfolg hat, was auffällt und sich verkaufen lässt, und das zu möglichst geringen Kosten. Wer nackt auf dem Kamm bläst, den Ton halten kann und dabei aussieht wie ein Double von Brad Pitt mit 20, der hat gewonnen. Prostitution in dieser Branche ist nicht unüblich und beginnt dann, wenn man etwas machen soll, hinter dem man nicht mehr stehen kann, es aber trotzdem tut. Dass diese „kleinen“ Um- nur Irrwege sind und nicht zum Ziel führen, erkennen die Möchtegern-Superstars leider oft zu spät, wenn schon tonnenweise sinnlos Geld verbrannt und das eigene Ego mit Füßen getreten und zur Belustigung anderer öffentlich bloßgestellt wurde.

 

Betriebsfeier (Quelle: lecker-nudelsalat.de) (Beispielbild)

Betriebsfeier (Quelle: lecker-nudelsalat.de) (Beispielbild)

Doch auch dieser Jahrmarkt der Eitelkeiten ist nicht kostenlos. Mit der Eitelkeit und Prahlsucht anderer Leute lässt sich bare Münze machen. Nicht nur in der Musik. Und besonders kreative Menschen sind anfällig für solche hinhaltenden Schmeicheleien, weil sie oft in einer Traumwelt leben und diese nicht aufgeben möchten, aus welchen psychologischen Gründen auch immer. Denn nur sie haben die mentale Kraft, ihre Träumereien mit einer Intensität auszuleben, dass daraus Wirklichkeit werden könnte. Es ist ein schleichender Prozess, bei dem die schon erwähnte Hemmschwelle immer weiter absinkt, man immer wieder (eher faule) Kompromisse eingeht, um an sein Ziel zu gelangen. Doch am Ende findet man sich ausgemergelt, von seinem Ziel weiter entfernt denn je und für dieses Business schon längst überaltert auf irgendwelchen drittklassigen Festivitäten wieder, auf denen man sich anfangs geschworen hatte nie aufzutreten, und wird im Bierdunst zwischen Nudelsalat mit Haut und labberigen Schnittchen in Sektpfütze von irgendwelchen volltrunkenen Abteilungsleitern Marke „Stromberg“ zugelallt oder möglicherweise sogar begrabscht.

Am Schluss bleibt nur die Erkenntnis, viel unnütze Zeit und manches Mal auch eine Menge Geld vertan zu haben. Unglücklicherweise trifft dies auf 99 % der Bewerber für die große Karriere zu. Sollte man deswegen den Versuch gar nicht erst starten und lieber auf seine Träume verzichten? Bestimmt nicht, aber ein ausgewogenes Maß wäre angebracht. Den Bezug zur Realität nicht verlieren. Klare Grenzen sollte man sich setzen, sowohl zeitlich als auch inhaltlich, und den Mut besitzen, diese nicht zu überschreiten, auch wenn es den Verlust der erträumten Karriere kosten kann. Und möglicherweise kann auch ein Plan B eine attraktive Chance sein. Denn auch das ist ein Attribut der Gewinner: Es kommen nur die durch, die Durchsetzungsvermögen haben oder flexibel sind. „Lieber einmal ‚Nein‘, als tausend Mal ‚Vielleicht‘…“(*)

 

*(Zitat: Songtext v. Bernhard Brink)

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