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Flugzeuge im Bauch

King Kong (Quelle: thegodguy.wordpress.com)

King Kong (Quelle: thegodguy.wordpress.com)

Wenn man den oft schwer zu verstehenden Worten des deutschen Rockknödlers Herbert Grönemeyer Glauben schenken darf, dann erzeugen „Flugzeuge im Bauch“ wohl Glücksgefühle. Und es mögen sicherlich Teile dieser Fluggeräte gewesen sein, die dieses Gefühl eben nicht erzeugten, als jene Flugzeuge im letzten aber auch all den anderen Jahren vom Himmel fielen und so viele Menschenleben in den Tod rissen. Ich weiß, dieser Vergleich mag makaber klingen und man möge ihn mir verzeihen.

Doch noch erschreckender ist die Gleichgültigkeit, nachdem das erste Medienspektakel um solche Unglücke verklungen ist und Angehörige von da an für den Rest ihres Lebens damit selber klar kommen müssen, dass geliebte Menschen nicht mehr zurückkommen werden, dass sie von einem Augenblick auf den anderen einfach verschwunden sind, ohne dass man Worte des Abschieds hätte sprechen können.

Ein letzter Jahresrückblick mit Günter Jauch ermöglicht dann allen neugierigen Gaffern vor den Fernsehern noch einmal mit Taschentüchern bewaffnet in den gemeinsamen Schmerz mit einzutauchen, wenn Angehörige mit nutzlosen Worthülsen bombardiert werden und sich eigentlich nur noch der Wunsch nach Fremdschämen einstellt und der erlösende Zeigefinger auf der Fernbedienung des Fernsehers endlich das Programm wechselt.

Aber noch ekeliger sind jene schleimigen Trittbrettfahrer, die den Freund einer Schwester eines Freundes von einer Freundin betrauern, jemanden, mit dem sie eigentlich nie etwas am Hut hatten und vielleicht noch nicht einmal von dessen Existenz wussten, ihnen aber jetzt das Gefühl verleiht, zum erlesenen Kreis legitimierter Hinterbliebenen zu gehören, dessen Verlust man jetzt schniefend und mit klimpernden Äugelein beklagen kann. Ein Verlust, aus dem sich einige immer wieder erhoffen, in welcher Form auch immer, Kapital zu schlagen. Wer aber glaubte, das sei nicht mehr zu toppen, wurde beim Absturz der German-Wings-Maschine über den französischen Alpen eines besseren belehrt, als eine Unbekannte sich als Hinterbliebene eines Opfers ausgab, um mit den Kondolenzflügen kostengünstig nach Frankreich zu kommen.

Und im letzten Jahr fiel dann auch noch ein Kampfflugzeug, das beliebte Spielzeug mächtiger Männer dieser Welt, vom Himmel, weswegen zwei Staatsmänner aneinander gerieten, als wären die Flugzeugunglücke über der Ukraine, dem indischen Ozean, dem Atlantik oder wo auch immer, nur das Vorspiel zu diesem elementar wichtigen und doch nur politischen Verlust.

Der eine fand mächtige, deeskalierende und dann doch wieder verschwommene Worte der Drohung und der andere zeigte sich unbeeindruckt. Beschuldigungen und Vorwürfe wurden auf beiden Seiten laut. Der eine forderte Schadensersatz für den zerstörten Kampfjet. Keiner der beiden egoistischen Streithähne wollte nachgeben. Keiner wollte sich für sein Verhalten beim anderen entschuldigen. Zwei Soldaten, die jetzt für alle sichtbar, wie Helden gefeiert werden, sind bei dem Abschuss und der anschließenden Rettungsaktion ums Leben gekommen. Und selbst „Mutti“ konnte nicht einschreiten, hatte sie doch weniger mit den Flüchtlingen, die zwar zu Hunderttausenden ins Land kamen, denn mehr mit den Rechten, den Flüchtlingsgegnern, im eigenen Haus zu kämpfen.

Doch es sind nicht die ersten und einzigen Toten, die Kriege dieser Tage forderten und fordern werden. Im syrischen Bürgerkrieg sind neben Hunderttausenden von Zivilisten schon eine ganze Reihe russischer Soldaten gefallen, die offiziell eigentlich gar nicht dort sein sollen. Jedoch werden diese gefallenen Soldaten offenbar in der Heimat verschwiegen, geheim gehalten und in anonymen Gräbern bestattet, wie jüngst ein russischer Blogger um den Putin-Gegner Nawalny herausgefunden hat. Doch es sind nicht die einzigen Opfer. Soldaten, die in fremden Ländern in einen Krieg geschickt werden, für den sie sich selbst nicht einmal interessieren und von dem sie manches Mal auch noch nicht einmal wussten. Junge Soldaten, denen von Djihadisten in Dagestan vor laufender Kamera minutiös nachvollziehbar und in Großaufnahme die Kehlen durchgeschnitten werden. Doch Präsidenten und Staatsoberhäupter müssen sich im Klaren darüber sein, dass diese Menschen nicht zu ersetzen sind. Aber was erzählen sie Müttern, die ihre Söhne verloren haben, Männern und Frauen, die ihren Bruder nicht mehr wiedersehen werden, Frauen und Kindern, die ihren Vater und Ehemann vermissen?

Es heißt: „Die Zeit heilt alle Wunden“. Doch es gibt Wunden, die dürfen nicht heilen. Und das ist auch gut so. Denn wenn es nicht weh tut, sich an diese Menschen zu erinnern, würde man sie vergessen.

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