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Ein Lied mit X

ESC 2017 (Quelle: escfanbase.de)

ESC 2017 (Quelle: escfanbase.de)

„… das wird wohl wieder nix“, muss man wohl vorausschicken, denn der Eurovision Songcontest findet ja erst im Mai statt. Doch der deutsche Vorentscheid „Unser Lied für Kiew“, wenn man ihn überhaupt noch einen Entscheid nennen kann, war neulich im ARD zu sehen. Denn bei einer Auswahl von fünf Interpreten, die sich selbst mit einem kleinen Video-Clip und einem frei wählbaren Cover-Song selbst vorstellen können, ist spätestens beim dritten Kandidaten eine suggestive Reihenfolge der Favorisierten durchaus spürbar. Das offenkundig unüberlegt nachgeäffte Format, das 2010 Lena zur ESC-Kandidatin für Deutschland kürte, überzeugt an diesem Abend nicht.

Kurios bei der Geschichte: Das Entscheidende, auf das es beim europäischen Songcontest ankommt, der Song selbst, wird in diesem Vorentscheid vom Zuschauer eben nicht entschieden. Es wurden zwei Songs im Vorfeld vom NDR ausgesucht bzw. in Auftrag gegeben, zwischen denen und den Interpretationen durch die fünf Kandidaten, die allesamt mit diesen wieder einmal überamerikanisierten Popballaden nicht so richtig warm werden wollen, das Publikum nachher auswählen kann. Das Stimmverfahren ist unübersichtlich und wird durch die drei Juroren Lena Meyer-Landrut, Tim Bendzko und Florian Silbereisen suggestiv gelenkt. Wie bei einer dieser zahllosen Casting-Shows werfen sie mit nichtssagenden Worthülsen um sich, um keinen der Kandidaten zu verletzen, geben aber mit ihren Tipps und Randbemerkungen eine Zielrichtung vor, die eine gewisse NDR-Linientreue bzw. -Vorauswahl vermuten lässt, da ja nun schließlich der Song für Kiew schon ziemlich feststeht und wahrscheinlich mit GEZ-Gebühren teuer bezahlt wurde.

Die beiden vorab ausgewählten Songs „Wildfire“ und „Perfect Life“ sind so flach und unspektakulär, dass sie nicht einmal das Zeug zur Pausenmusik im Telefon haben. Beide haben keine Melodie, die wirklich im Ohr bleibt. Und auch bei den Texten orientieren sich beide Lieder in den klischeetriefenden Belanglosigkeiten von Liebe und Leid. Wer hat die ausgesucht? Schade auch, dass man sich nicht, wie der Siegertitel aus der Ukraine vom letzten Jahr, an politischen oder gesellschaftskritischem Liedgut versucht, das sicherlich auch dieses Jahr bei der europäischen Konkurrenz zu erwarten ist, und kippt stattdessen einfach nur eine weitere Portion Weichspüler nach. Nix gelernt.

Am Ende ‚überzeugt‘ Levina, die so unverbindlich lächelnd wie aus der Waschmittelwerbung wirkt. Während es an ihren gesanglichen Qualitäten mit ihrer Reibeisenstimme nichts auszusetzen gibt, fuchtelt sie allerdings bei der Choreografie eher hilflos herum, als wolle sie Mary Poppins doublen. Trotzdem passt der nun offiziell gewählte Song „Perfect Life“ nicht so perfekt zu ihrer getragenen Stimme, die eigentlich besser Soul singen könnte. Angesichts dieser skurrilen Verquickungen fragt man sich ernsthaft, wie weit das deutsche Fernsehen noch gehen wird bei der offenkundigen Ignoranz dem eigenen Publikum gegenüber und der so durchgeführten Verschwendung des Haushaltsbeitrages.

Einzig Tim Bendzko bringt es mit einer kleinen Bemerkung auf den Punkt. „Der Song ist halt eben keine Hymne.“ Und das ist das fortwährende Dilemma der deutschen Beiträge, die ihre großen Vorbilder immer nur in der leicht verdaulichen und ebenso langweiligen wie austauschbaren Musik jenseits des Atlantiks suchen und dabei die kulturelle und ethnische Vielfalt Europas aber auch Deutschlands völlig außer Acht lassen.

Dabei haben die Kostproben der Interpreten aus ihrem eigenen Repertoire aus den Video-Einspielern vom Anfang der Sendung deutlich mehr Potenzial, als der ausgewählte Song für Kiew. Das hat NDR-Musikchef Thomas Schreiber aber wieder einmal verschlafen. Stattdessen zwängt man die fünf Kandidaten, deren eigene Musikstile unterschiedlicher nicht hätten sein können, in stringenter Vorgehensweise in dieses ausgenudelte, amerikanische Musik-Korsett, wobei es doch in der vergangenen ESC-Geschichte schon zahlreiche Beispiele dafür gab, dass mit amerikanischem Pop beim Contest eben kein Blumentopf zu gewinnen ist. Dass Lena 2010 den ESC mit dem ebenfalls relativ blassen Song „Satellite“ gewonnen hat, ist nicht dem Lied und seinen Komponisten, sondern eher der unverwechselbaren und besonderen Art der Interpretin, den Song vorgetragen zu haben, geschuldet.

Ach ja, und dann ist da ja auch noch die Moderatorin, die durch den Abend leitet. Barbara Schöneberger moderiert ihre Standardrolle mittlerweile so lustlos herunter, wie eine Lesung von Bedienungsanleitungen und gibt ungeniert zu, dass sie Floskeln versprüht, um Zeit zu schinden. Mit schlüpfrig zweideutigen Bemerkungen glaubt die mittlerweile zur Schwulenmutti der Nation mutierte First Lady des deutschen ESC bei dem präferierten Publikum punkten zu können. Dabei rutscht sie niveaumäßig immer weiter in die unterste Schublade ab, wenn Sie sich beispielsweise mit dem (Mikrofon)„Ständer“ hinter die Bühne zurückziehen möchte. Unerträglich wird es dann, als sie Florian Silbereisen auffordert, doch seinen „Pferdeschwanz“ herauszuholen. Es ist definitiv der Punkt, an dem man besser mit dem Hund die letzte Runde des Tages um den Block geht.

Und auch Ko-Moderator und ESC-Azubi Bürger Lars-Dietrich, der im „Greenroom“ sinnentleerte Fragen an die Künstler stellt, kommt nicht nur wegen seiner durch Gel geplätteten Frisur so glitschig herüber, dass man geneigt ist, ihn zum Ölwechsel schicken zu wollen.

Nach zähflüssigen drei Stunden hüpfender Teletubbies mit skandinavischem Migrationshintergrund, Country singender Biene Maja mit zu großem Kassengestell auf der Nase, bewegungsresistenten James-Bond-Imitatoren und Schönebergers Griff in die verbale Schmuddelkiste, bleibt eigentlich nur die Erkenntnis, dass die gesamte Show so unterhaltsam war, wie eine Hämorriden-Verödung. In diesem Milieu wächst alles andere, nur kein wirklicher ESC Hit.

Mein Vorschlag: Unbekannte Komponisten, unveröffentlichte Songs und vorgetragen von bekannten Interpreten. Ich weiß, hatten wir auch schonmal. Aber trotzdem, ich glaube, wir haben genug musikalisches Potenzial im eigenen Land. Und mein Tipp für dieses Jahr? Dat wird wieder nix! – Allemagne, pas de points!

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