Die Insel der Untoten

Beispielbild (Quelle: tagschlaf.blog.de)

Beispielbild (Quelle: tagschlaf.blog.de)

Bei Mallorca denkt eigentlich jeder erst einmal an Ballermann und Partyhochburgen. Angesichts aller desaströsen Entgleisungen, die sich Tag für Tag, doch meistens aber eher nachts an den Stränden der Baleareninsel abspielen, kann man die Regionalverwaltung in Palma gut verstehen, diesem Treiben endlich einen Riegel vorschieben zu wollen. Man möchte sich lieber dem etwas wohlhabenderen Publikum öffnen. Doch bedeutet mehr Wohlstand auch gleich einen besseren Umgangston und vornehme Etikette?

Denn fernab des Partytrubels gibt es noch ein weiteres Mallorca, mit nicht minder gruseligen Erscheinungen. Im Nordwesten der Insel wohnen nach Aussage der Regenbogenpresse die Schönen und die Reichen, wobei eher das zweitere zutreffender und ersteres eher gekünstelt ist.

In unserem Urlaub erreichen wir Port Andratx und laufen ein paar Meter an der Hafenpromenade entlang. Im Hafenbecken schwimmen die Champagnerkorken der deutschen Bussy-Gesellschaft und versprühen den Charme der großen Verschwendung, die fast an jedem Abend hier hinter verschlossenen, aber wohldosiert für Neugierige und Neider durchsichtigen, Türen stattfindet. Als ich noch ein paar Fotos von den alten Fischerbooten machen möchte, kommt neben mir auf dem Kopfsteinpflaster des Gehweges quietschend ein Sportwagen zum Stehen.

Während der knapp Mitte fünfzigjährige Fahrer, der gerade mal so groß ist, dass er auf Zehenspitzen über den Sportwagen hinwegschauen kann, schon telefonierend aus dem Auto springt und die Wagentür hinter sich offen stehen lassend einfach weiterläuft, schält sich seine spindeldürre Begleiterin, die einen ganzen Kopf größer ist als er, langsam aus dem viel zu kleinen Fahrzeug heraus, wie ein langgliedriges Insekt während der Geburtsphase.

Während er mit der rechten Hand sein Handy an den schwitzenden Schädel presst und dabei so laut in sein Smartphone brüllt, dass es auf der gesamten Promenade gut zu verstehen ist, fuchtelt er mit dem linken Arm herum, als würde er wild nach Mücken schlagen. „hä? HÄ??? Wo is’n das Problem? Dann legste halt zwei Millionen auf den Tisch und gut ist. Da würde ich doch nicht so ein Aufhebens drum machen.“ Dabei stampft er die ganze Zeit, seine Wohlstandswampe vor sich herschiebend vor den parkenden Schiffen im Hafen auf und ab, wie ein grotesker Zwerg, der auf einer Parade marschiert und macht so überheblich auf dicke Hose, dass man meinen könnte, jemand habe versäumt ihm mitzuteilen, dass die Socken hierzulande an den Füßen getragen werden. Wem diese Darbietung letztendlich gilt, bleibt offen.

In der Zwischenzeit drapiert sich sein ultrablondes und in die Jahre gekommenes Mitbringsel versucht modelhaft auf den gestapelten Fischernetzen, in der Hoffnung, irgendjemand nimmt Notiz von ihr, und zieht ihre übermäßig aufgetragene Schminke, die aus einiger Entfernung wie eine Panade erscheint, nach und wirkt dabei mit ihren solar verbräunten und welken Beinen so zerbrechlich wie eine kleine Porzellanpuppe aus einem schlechten Horrorfilm. Sie versucht offenbar immer noch gequält auf Barbi zu machen. Einen Zenit, den sie offenkundig schon vor Jahrzehnten überschritten hat und signalisiert damit eine Tatsache, die sie einfach nicht wahrhaben möchte.

Wenig später finden sich die beiden Z-Promis im Café gegenüber ein. Während er sich, ungeachtet der Tatsache, dass er noch fahren muss, ein Bier nach dem anderen, dafür ist man ja deutsch genug, in den Hals schüttet, mümmelt sie an einem viel zu großen Steak und einer winzigen Kartoffel herum, ein Menü, dass sie anschließend nahezu komplett wieder zurückgehen lässt. Inzwischen hat sich auch eine weitere Upper-Class-Tusse, Marke Dörrleiche im Porsche, zu ihnen gesellt, deren Gesicht so überstrafft ist, dass schon darunter liegende Adern deutlich zu erkennen sind und man sicher sein kann, dass sie keine Nacht mehr eine Auge zu kriegt. Es wird versucht mondän getuschelt, mit klimpernden Äuglein und spitzem Mund.

Es dauert auch nicht lange, bis sich vor der Terrasse ein neugieriges Rudel speichelleckender Volontäre hechelnd mit Kameras einfindet, dem unsere drei Statisten, ausgestattet mit dem unnatürlich operiertesten Dauergrinsen in der Welt des voyeuristischen Privatfernsehens, bereitwillig entgegentreten, um nutzlose Autogramme und ebensolche Informationen zu verteilen. Unser Desinteresse wird eher irritierend am Rande wahrgenommen und vermutlich als Unwissenheit interpretiert. Erstaunlich ist jedoch, dass sich immer wieder Leute finden, die diesem selbsternannten und sicher nicht immer auf legalem Wege zu Reichtum und Publicity gekommenen Finanzadel hysterisch huldigen und sogar die Füße küssen würden. Aber so ist das eben. Wo ein großer Haufen Scheiße ist, sind die Fliegen nicht fern.

Aber auch das Umfeld hat sich auf diese Klientel eingestellt. Selbst die Kellner in diesem verkrampft elitären Café verfallen schon nicht mehr in Hysterie und sind derart zur Arroganz mutiert, dass sie auf eine Bestellung hin nicht, wie man es allgemein gewohnt ist, mit „Ja, gerne“ reagieren, sondern sich gequält überheblich im Vorbeigehen und ohne den Gast zu beachten ein „Aber ja doch“ herausquetschen. Ein Verhalten, das offenbar suggerieren soll, wäre da nicht die Prominenz, hätte man wahrscheinlich schon längst wegen Reichtum geschlossen. Der Preis von 6,50 Euro für eine Tasse Kaffee signalisiert auch schon eine gewisse Präferenz.

Doch das ist nur eine kollaterale Randerscheinung dieser bewusst dick aufgetragenen Überheblichkeit einiger weniger, die schon im Fernsehen trotz professioneller Visagistin unnatürlich erscheinen und im wirklichen Leben eher wie eine zum sich Übergeben animierende Lachnummer daherkommt. Jedoch stellt sich die zentrale Frage: Wollen wir wirklich wissen, wie sich die Stimmung gekränkter Promi-Ehefrauen nach der Trennung anfühlt, wenn nur noch 20 statt 200 Millionen zum Leben übrig bleiben? Was der Ehemann alles macht, damit er morgens fit aus dem Bett kommt oder wer mit wem schon wieder in selbigem war, nebst schmutziger Details? Wollen wir tatsächlich all das erfahren, was da mit einer so übertriebenen Bedeutsamkeit, als seien es die Top-News schlechthin, zu Markte getragen wird? Oder wird uns das alles nur von einem auf Werbequote getrimmten Privatfernsehen vorgegaukelt? Zugegeben, zu Zeiten der Beatles wurde angeblich sogar deren Badewasser verkauft. Zu jedem Pott passt anscheinend doch ein Deckel. Jedoch fragt man sich: Ist dieser übertrieben und aufgeblasen verpackte Mist und eigentlich doch nur Abfallprodukt einer gelangweilten und einfallslosen Medienlandschaft, die hysterisch und ziellos nach neuen Formaten sucht, nicht einfach nur vergleichbar mit den Impulsartikeln an der Supermarktkasse, die dagegen eigentlich schon ein geistiges Marketing-Highlight darstellen, an denen nicht nur quengelnde Kinder so schwer vorbeikommen?

Für den normal gebliebenen Außenstehenden offenbart sich hier eine bis zur Unkenntlichkeit durch Botox entstellte Gesichtsschlauchboot-Gesellschaft und ein Panoptikum teuer aber schlecht gekleideter Mumien, die außer monetär den Unterschied ihrer Luxusgüter nicht zu erklären in der Lage sind und dies als eine letzte Abgrenzung, einen größtmöglichen Abstand zum gewöhnlichen Pöbel wie eine langsam untergehende Fahne deutlich wedelnd hochzuhalten versuchen. Ob diese Untoten allerdings eine sinnbringende Reformation für die durch den ordinären Partytourismus in Verruf geratene Insel sind oder ob das eine nicht sogar das andere bedingt, sei dahin gestellt. Aber frei nach Auswanderer, Party-Hering und Fettnäpfchen-Akrobat Jens Büchner: „Scheiß drauf!“