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Das Ding mit dem ESC

Xavier Naidoo (Quelle: rollingstone.de)

Xavier Naidoo (Quelle: rollingstone.de)

Gerade eben hat die ARD (Deutschlands größte „Rundfunk-GmbH“) die Anhängerschaft des European Song Contest (ESC) mit der Ankündigung verblüfft, 2016 den Künstler Xavier Naidoo zum Wettbewerb nach Stockholm zu schicken. Lediglich das Lied, mit dem er dort antreten wird, soll zu Beginn des nächsten Jahres zur Wahl gestellt werden. Ansonsten keine Demokratie. Kein Vorentscheid, wie üblicherweise. Keine Newcomer, die die Chance erhalten, auf dieser großen Bühne stehen zu können, wie es einst mal beim ESC gewesen ist. Stattdessen das Diktat des NDR, dem federführenden Sender bei der Organisation des größten Musikspektakels der Welt. Man will, wie in schon einige Male zuvor, den Erfolg offenbar im Alleingang erzwingen. Wie überaus erfolglos diese Entscheidungen in der Vergangenheit jedoch waren, zeigten die „Titelverteidigung“ von Lena (2011) und auch die burleske Darbietung von Oskar Loya und Alex Christensen (2009), letzterer der sicherlich ähnliche Erfolge wie Xavier Naidoo vorweisen kann. Einmal mehr beweist ESC-Koordinator Thomas Schreiber vom NDR, dass er nichts daraus gelernt hat und jetzt auf Teufel komm raus Erfolg haben will oder vielleicht sogar haben muss.

Natürlich geht es den Veranstaltern um Zuschauer und Einschaltquoten und damit um ganz viel Geld, das hauptsächlich aus Deutschland fließt. Vor diesem Hintergrund und all den hysterischen Versuchen, endlich wieder Erfolge vorweisen zu können, beschleicht einen aber irgendwie das leise Gefühl, dass sich um den ESC ein vergleichbarer Sumpf auftuen könnte, wie schon beim DFB oder gar der FIFA.

Jedoch setzt die ARD mit der neuerlichen Entscheidung politisch noch einen oben drauf. Denn Xavier Naidoo ist neben seiner Musik auch durch seine offen rechtspopulistischen Äußerungen und verdeckten Homophobie schon häufiger aufgefallen. Er selbst zeigt sich überrascht und wehrt sich inzwischen vehement gegen diese Vorwürfe und beschwört plötzlich seine Übereinstimmung mit der Meinungsfreiheit und „bunten Vielfalt“ in diesem Lande, wie sie unerwartet begeisternder und opportuner nicht sein kann, ist doch über alle Grenzen hinaus bekannt, dass der ESC besonders unter Homosexuellen eine große Fan-Gemeinde hat. Verwunderlich bleibt aber nur, warum sich Xavier Naidoo überhaupt auf die Bühne rechtspopulistischer Reichsbürger, die offen den deutschen Staat in Frage stellen, verirrt hat, warum er selbst nach wie vor Deutschland nicht als souveränen Staat anerkennt und die in seinen Songs suggerierte Nähe Homosexueller zu Pädophilen nicht dementiert und endlich sein Verhältnis zu Minderheiten klarstellt. Die ARD blendet diese Unschärfe einfach unbeteiligt aus und befremdet mit ihrer Haltung. Sie scheint sich damit nicht der Verantwortung, nicht nur gegenüber den Gebührenzahlern, bewusst zu sein, dass hier durch Naidoo ein ganzes Land vertreten wird und nicht nur der Künstler selbst. Das ist in Verbindung mit seiner offenkundig rechts angesiedelten Gesinnung unstreitig eine Außendarstellung, die Deutschland angesichts der Krisen in der Welt und im Besonderen in Europa nicht gebrauchen kann!

Naidoo hat indes schon großspurig angekündigt, er werde „das Ding nach Hause holen“. Ich muss gestehen, ich kann mit seinem weinerlichen Gesang nichts anfangen. Dann höre ich lieber richtigen Soul. Aber so ist das nun mal in der Musik. Reine Geschmackssache. Für mich war auch nicht der schwedische Beitrag „Heroes“, der in diesem Jahr letztendlich gewann, so überwältigend, dass ich ihn auf Platz Eins gesehen hätte, genauso wenig wie die zweitplatzierte Tränendrüsen-Massage („A Million Voices“) von Polina Gagarina aus der putinistischen Trollschmiede. Mir persönlich ist der rumänische Beitrag von Voltaj („De la capat“) bis heute im Ohr geblieben, der irgendwo im Mittelfeld landete. Aber die Platzierung spielt, zumindest für mich, keine Rolle. Denn jeder, der dort auftreten kann, hat eigentlich schon gewonnen.

Und Naidoo? Meinetwegen kann er sein Ding stecken lassen.

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