Brief an Farrukh

Untote (Quelle - scr3.golem.de)

Untote (Quelle – scr3.golem.de)

Lieber Farrukh,

leider wirst Du meinen Brief an Dich nicht lesen können, da Dein Deutsch noch schlecht ist und auch unser gemeinsames Englisch nicht ausreicht, um eine gute Kommunikation führen zu können. Was ich aber weiß ist, dass Du aus Äthiopien geflohen bist und nun hier in Deutschland als Flüchtling lebst. Wir trafen uns auf einer Rockparty und haben uns radebrechend unterhalten, dafür aber prächtig zusammen gerockt. Musik verbindet, sagt man, und ich bin überzeugt, dass es stimmt. Ich glaube, die Musik war ungewohnt für Dich und das Tanzen dazu ebenfalls, aber es war mir eine Freude mitzubekommen, wie Du Dich immer mehr den Rhythmen geöffnet hast und später richtig Spaß am Tanzen hattest. Kurz bevor Du gegangen bist, hast Du mich wie einen alten Freund in die Arme genommen und Dich bedankt. Später hast Du mir eine Nachricht geschickt, dass es eine tolle Party war mit „much fun – thank you“.

Es gab auch Leute, die sich bei mir über den Abend beschwert haben, weil das Bier zu teuer, der Sound zu schlecht und die Party zu kurz war. Weißt Du Farrukh, hier in Deutschland gehören Jammern und Meckern zur Normalität. Vor allem Jammern und Meckern auf hohem Niveau. Die Leute haben eigentlich alles und sind doch so unzufrieden, eifersüchtig und gönnen dem Nächsten nicht das Schwarze unter dem Fingernagel. Dass sich jemand wie Du so nett bedankt, ist hier nicht üblich! Aber solltest Du in Deutschland bleiben, erhalte Dir diesen Zug. Damit besitzt Du schon weitaus mehr Klasse, als die meisten urdeutschen Nörgelpötte.

Ich möchte mich über diesen Brief bei Dir bedanken, dass Du mit den vielen Flüchtlingen nach Deutschland gekommen bist. In einer der Zeitungen, die ich regelmäßig lese, stand einmal, dass man keinen Profit aus den Flüchtlingen schlagen sollte. Was nämlich die wenigsten wissen ist, dass viele Leute hier in Deutschland tüchtig an Euch verdienen oder dadurch unzählige Stellen gesichert sind. Aber ich kann es einfach nicht verleugnen, dass ich ganz persönlich von Dir und Deinen Mitgeflohenen profitiere. Leider ist es ein eher trauriger Grund. Ich versuche, ihn Dir zu erklären.

Weißt Du, hier in Deutschland gibt es zahlreiche Faschisten, offene wie verdeckte, die Euch lieber tot als lebendig sehen würden. Faschisten sind Menschen, die aus der Geschichte nicht lernen wollen, weil sie zu doof oder zu uneinsichtig sind, was aber aufs Gleiche hinausläuft. Solche Faschisten sind meistens gewalttätig, intolerant, machtbesessen, undemokratisch und bis zum Abwinken national. Da gibt es Widerlinge wie von Storch oder Petry, die stecken so voller Hass, Missgunst und mangelnder Empathie, dass sie sogar das Zurückweisen von Männern, Frauen und Kinder an der Grenze mit Waffengewalt toll finden. Mit Waffengewalt zurückweisen bedeutet, dass die Hilfesuchenden erschossen, also ermordet werden. Ich finde es übrigens gleichgültig, ob es sich dabei um Frauen, Männer oder Kinder handelt, denen z.B. das Gehirn weggeschossen, die Leber mit Patronen durchsiebt oder die Lunge durchlöchert wird. Es sind alles Menschen, verstehst Du! Menschen, die wie wir 2 letzten Freitag rockten wie die Bekloppten und uns dabei prächtig verstanden haben.

So lange ich politisch denken kann, gibt es Menschen, die eine rassistische, fremdenfeindliche, faschistische oder nationalsozialistische Einstellung haben: Nachbarn, Angehörige, Verwandte, Politiker, Mitarbeiter usw. Doch früher bekam man das meistens nur am Rande mit. Heute gibt es facebook oder andere soziale Netzwerke, in denen Menschen unverblümt rausschreien, was und wie sie denken, ohne sich zu schämen, wie unterbelichtet ihr Geschrei ist. Und wie schon damals sind es nicht nur ungebildete Personen, sondern auch Leute, die eine vermeintliche Bildung genossen haben. Auch wenn man wenig davon merkt. Der ganze Dreck, der früher im Verborgenen betrieben wurde, kommt nun an die Oberfläche. Mich erinnern die Leute bei Pegida, AfD und den anderen Alt- und Jungfaschisten immer an das Musikvideo „Thriller“ von Michael Jackson, in dem all die untoten Zombies auferstehen.

Farrukh, weil Menschen wie Du hier sind, lässt sich nun viel besser erkennen, wer von den deutschen Mitbürgern ein Mensch mit Gefühl und Verstand und wer untoter Zombie ist. Vielen Dank, das ist für mich sehr hilfreich! Zurzeit reden ja viele deutsche Wichtigtuer von einer christlichen Wertegemeinschaft. Sollte dieser Begriff mal in Deiner Gegenwart fallen, dann traue ihm nicht über den Weg. Und dem, der ihn nutzt, schon gar nicht! Denn es ist fast immer inhaltsleerer Bullshit. Als Kind wurde mir z.B. eingetrichtert, ich solle meine Mitmenschen lieben. Ich sage Dir, Farrukh, das ist nicht immer ganz einfach, obschon es eigentlich eine super Sache wäre. Aber inzwischen weiß ich, ich will und kann gar nicht alle lieben und ich will auch nicht immer tolerant sein. Schon gar nicht gegenüber Intoleranten! Doch nun, wo diese untoten Zombies ungefragt ihren sinnfreien Schmodder unter das Volk bringen, weiß ich endlich, woran ich bin. Ganz ehrlich, Farrukh, wenn ich höre, dass mein Bäcker Faschist ist, kauf ich da doch nicht mehr bei ihm ein. Und wenn ich höre, dass mein Nachbar die Pegida verehrt, pflanz ich ihm tonnenweise Sonnenblumensamen in den Vorgarten und male ihm Lippenstiftherzchen auf die Windschutzscheibe. Da freut sich seine Ehefrau! Genauso werde ich es künftig mit AfDlern und sonstigen faschistischen Halunken machen. Und kein Sex mit Nazis, das ist ja schon lange Ehrensache. Ich glaube, die waschen sich auch nie richtig, so wie die aussehen.

Aber es sind ja nicht nur die Menschen in meinem Umfeld, die sich als Faschisten outen. Als hätte man einen Teststreifen zum Einsatz gebracht, verfärben sich plötzlich Politiker beinahe jeglicher Couleur ins bräunliche Milieu. Sie knicken ein, verbeugen sich vor den Schreihälsen auf der Straße, aus lauter Angst, Stimmen zu verlieren. Und auch dort Untote bis zum Abwinken, graue Eminenzen des Wankelmuts, der populistischen Anbiederei und der politischen Flatterhaftigkeit. Schau an, Farrukh, nun erkennt man ihren wahren Kern. Unwählbare Gestalten.

Farrukh danke, dass mir durch Deine und Eure Anwesenheit die Augen geöffnet werden. Es vereinfacht mein Zusammenleben mit den deutschen Mit- und Ohnemenschen. Und noch was: Danke, dass Du mit mir gefeiert hast. Es war auch für mich ein unvergesslicher Abend! „Much fun – thank you!“ Und: Welcome in Germany!

Viele Grüße von Arnold

Arnold Illhardt

Arnold Illhardt